The Butcher’s Son – Greenhouse Theatre Center

Und somit hat die Musical Theatre Week Chicago 2018 für Nic und mich offiziell begonnen und wir betraten ein weiteres Mal das Greenhouse theatre center, um das erste Musical dieses Festivals zu sehen. Diesmal nicht in dem großen Haupttheater, sondern in einem kleinem Nebenraum mit villeicht 60 Plätzen, kleiner Bühne und wenigen Scheinwerfern – das heißt, die Stücke müssen sich wirklich auf das Wesentliche konzentrieren und müssen das Publikum nur mit den wenigen Mitteln der Bühne und des Ausdrucks überzeugen – Blendung des Publikums ist sehr schwer, weswegen die Stücke sehr ehrlich sein müssen. Bevor ich meine Zusammenfassung beginne, möchte ich kurz klarstellen, dass ich nur die erste Hälfte des Stückes gesehen habe, da mein Magen rebelliert hat und ich kurz nach der Pause leider das Theater verlassen musste – doch laut Nic verpasste ich nicht wirklich viel und leider muss ich auch sagen, ein wenig froh zu sein, dieses Stück verlassen haben zu müssen, da es zwar viele schöne Elemente und Ansätze hatte, mich aber nicht mitreisen konnte.

Das Stück folge Vi Tran, einem vietnamesischen Jungen, der kurz nach dem Vietnamkrieg geboren wurde und mit seiner Familie aus seiner Heimat floh, da sein Großvater dort ermordet und die Familie verfolgt wurde. Hierfür wählte das Stück eine spannende Darstellungsweise: Es gab ein mehrköpfiges Musik-Ensemble, die eine Vielzahl an Instrumenten spielen und ca. die Hälfte der Bühne einnahmen. Diese Musiker waren gleichsam Ensembleschauspieler und spielten immer wieder Nebenrollen auf dem Weg, die Vi Tran, dessen Mutter und dessen Schwester auf ihrem Weg ein Stück weit begleiten. Immer wenn Vi Tran von seinem Vater sprach, verkörperte er diesen selbst, auch die Mutter und Schwester fielen regelmäßig aus ihren Rollen, um andere Menschen zu verkörpern. Leider geschah all dies häufig ohne Vorwarnung und so begriff ich oftmals erst sehr spät, dass ein Rollentausch stattfand, oder auch eine andere zeitliche Ebene aufgemacht wurde. Teile der Reise der Familie wurden erzählerisch nähergebracht, andere auf der Bühne verkörpert und ich konnte mich dem Gefühl nicht erwehren, die Regie entschied sich, vor allem die einfach zu zeigenden Geschichten zu zeigen, die anderen zu erzählen – die komplexeren waren aber natürlich oftmals die spannenden. So wurde von der Odyssee durch den Dschungel nur erzählt, die ersten Schauspielversuche des kleinen Vi Tran aber in übertriebenem Detail auf die Bühne gestellt – hier lies die Inszenierung Gleichgewicht vermissen und ich als Zuschauer fühlte mich oftmals verloren, weswegen das Stück es nicht schaffte, mich in seinen Bann zu ziehen oder mir seinen Stoff, der mir ja auch kulturell fremd war, näherzubringen.

So ganz konnte ich dabei die Rolle der Musiker auch nicht verstehen – Butcher’s son war nämlich definitiv kein Musical, sondern ein Sprechtheaterstück mit musiktheatralen Elementen, es wurden sehr selten Lieder angestimmt, manchmal untermalte die Musik das Geschehen, oder auch die Instrumente wurden zweckentfremdet, um verschiedene fremdartige Laute zu erzeugen – die Grundsätze waren klar und gefielen mir sehr gut, leider zeigte die Inszenierung auch hier keine Konsequenz und einzelne musikalische Ideen wurden angespielt, jedoch nicht verarbeitet. Wenn ein Musiker zum Schauspieler wurde, hatte man sofort das Gefühl, in der Musik gebe es nun ein Loch das nicht vernünftig gefüllt wurde. Ein Problem hierbei war sicherlich auch die musikalische Leitung. Der Dirigent selbst spielte eine Unzahl an Instrumenten – Geige, Gitarre(n), Bass, Klavier, Akkordeon und noch weitere – leider beherrschte er manche davon nicht gut genug, um das tun zu können – immer wenn ein Instrument ihn sehr forderte, fiel das gesamte Ensemble auseinander, da er nicht mehr vernünftig dirigieren konnte, als er Geige spielte, intonierte es nicht gänzlich richtig, was zumindest Nic und mich immer wieder rausbrachte. Insgesamt konnte man sich dem Eindruck nicht erwehren, ihm selbst war es wichtiger, sich selbst darzustellen als ein ausgeglichenes musikalisches Erlebnis zu bieten – darunter litt das Zusammenspiel, die Konsequenz und auch das Arrangement, das sehr darauf ausgelegt war, ihm einen Platz in der Mitte zu geben – obwohl er als einziger nicht schauspielerte und damit am wenigsten zum Thema des Stücks beitrug.

Selbstdarstellung war auch ein Problem des Darstellers von Vi Tran – Vi Tran selbst. Er erzählte seine eigene Geschichte, was zuallererst gewürdigt werden muss, dazu gehört viel Mut, vor allem da es eine Geschichte mit viel Schmerz und persönlichen Verletzungen, Erfahrung mit Ausgrenzung, dem Tod seines Großvaters und später Vaters war. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, er wollte mit dieser Geschichte mehr aussagen als uns stolz zu vermitteln, welche großartigen Abenteuer er erlebt hatte – auch das war vermutlich weniger ein inszenatorisches Problem, da er mehr als nötig in den Mittelpunkt gedrängt wurde und Schwester und Mutter, die ihn die ganze Zeit beschützten regelmäßig untergingen. Trotzdem hätte Vi Tran, der das Stück auch schrieb, ein Co-Autor vermutlich gut getan – da die Geschichte gänzlich aus seiner Sicht erzählt war, fand ich leider keinen Zugang, da mir alles, was ich sah zu fremd erschien.

Hier endet meine Review sehr abrupt, weil ich die zweite Hälfte wie bereits gesagt nicht sehen konnte – ihr hörte ein wenig mit, konnte aber außer der fünften Reprise des immer gleichen Themas nichts mehr wahrnehmen. Laut Nic passierte nicht mehr wirklich viel – seine Familie kam in Amerika an, er bedankte sich bei den Musikern und erzählte, dass es seine Geschichte war und dann ging das Stück scheinbar unnötigerweise noch 20 Minuten weiter, obwohl ein gutes Ende bereits erwähnt war. Der Autor hatte wohl den Anspruch, alles zu erzählen, was ihm wichtig war. Und für uns war das an manchen Stellen nicht die Geschichte, die uns interessiert hätte.

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