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The Butcher’s Son – Greenhouse Theatre Center

Und somit hat die Musical Theatre Week Chicago 2018 für Nic und mich offiziell begonnen und wir betraten ein weiteres Mal das Greenhouse theatre center, um das erste Musical dieses Festivals zu sehen. Diesmal nicht in dem großen Haupttheater, sondern in einem kleinem Nebenraum mit villeicht 60 Plätzen, kleiner Bühne und wenigen Scheinwerfern – das heißt, die Stücke müssen sich wirklich auf das Wesentliche konzentrieren und müssen das Publikum nur mit den wenigen Mitteln der Bühne und des Ausdrucks überzeugen – Blendung des Publikums ist sehr schwer, weswegen die Stücke sehr ehrlich sein müssen. Bevor ich meine Zusammenfassung beginne, möchte ich kurz klarstellen, dass ich nur die erste Hälfte des Stückes gesehen habe, da mein Magen rebelliert hat und ich kurz nach der Pause leider das Theater verlassen musste – doch laut Nic verpasste ich nicht wirklich viel und leider muss ich auch sagen, ein wenig froh zu sein, dieses Stück verlassen haben zu müssen, da es zwar viele schöne Elemente und Ansätze hatte, mich aber nicht mitreisen konnte.

Das Stück folge Vi Tran, einem vietnamesischen Jungen, der kurz nach dem Vietnamkrieg geboren wurde und mit seiner Familie aus seiner Heimat floh, da sein Großvater dort ermordet und die Familie verfolgt wurde. Hierfür wählte das Stück eine spannende Darstellungsweise: Es gab ein mehrköpfiges Musik-Ensemble, die eine Vielzahl an Instrumenten spielen und ca. die Hälfte der Bühne einnahmen. Diese Musiker waren gleichsam Ensembleschauspieler und spielten immer wieder Nebenrollen auf dem Weg, die Vi Tran, dessen Mutter und dessen Schwester auf ihrem Weg ein Stück weit begleiten. Immer wenn Vi Tran von seinem Vater sprach, verkörperte er diesen selbst, auch die Mutter und Schwester fielen regelmäßig aus ihren Rollen, um andere Menschen zu verkörpern. Leider geschah all dies häufig ohne Vorwarnung und so begriff ich oftmals erst sehr spät, dass ein Rollentausch stattfand, oder auch eine andere zeitliche Ebene aufgemacht wurde. Teile der Reise der Familie wurden erzählerisch nähergebracht, andere auf der Bühne verkörpert und ich konnte mich dem Gefühl nicht erwehren, die Regie entschied sich, vor allem die einfach zu zeigenden Geschichten zu zeigen, die anderen zu erzählen – die komplexeren waren aber natürlich oftmals die spannenden. So wurde von der Odyssee durch den Dschungel nur erzählt, die ersten Schauspielversuche des kleinen Vi Tran aber in übertriebenem Detail auf die Bühne gestellt – hier lies die Inszenierung Gleichgewicht vermissen und ich als Zuschauer fühlte mich oftmals verloren, weswegen das Stück es nicht schaffte, mich in seinen Bann zu ziehen oder mir seinen Stoff, der mir ja auch kulturell fremd war, näherzubringen.

So ganz konnte ich dabei die Rolle der Musiker auch nicht verstehen – Butcher’s son war nämlich definitiv kein Musical, sondern ein Sprechtheaterstück mit musiktheatralen Elementen, es wurden sehr selten Lieder angestimmt, manchmal untermalte die Musik das Geschehen, oder auch die Instrumente wurden zweckentfremdet, um verschiedene fremdartige Laute zu erzeugen – die Grundsätze waren klar und gefielen mir sehr gut, leider zeigte die Inszenierung auch hier keine Konsequenz und einzelne musikalische Ideen wurden angespielt, jedoch nicht verarbeitet. Wenn ein Musiker zum Schauspieler wurde, hatte man sofort das Gefühl, in der Musik gebe es nun ein Loch das nicht vernünftig gefüllt wurde. Ein Problem hierbei war sicherlich auch die musikalische Leitung. Der Dirigent selbst spielte eine Unzahl an Instrumenten – Geige, Gitarre(n), Bass, Klavier, Akkordeon und noch weitere – leider beherrschte er manche davon nicht gut genug, um das tun zu können – immer wenn ein Instrument ihn sehr forderte, fiel das gesamte Ensemble auseinander, da er nicht mehr vernünftig dirigieren konnte, als er Geige spielte, intonierte es nicht gänzlich richtig, was zumindest Nic und mich immer wieder rausbrachte. Insgesamt konnte man sich dem Eindruck nicht erwehren, ihm selbst war es wichtiger, sich selbst darzustellen als ein ausgeglichenes musikalisches Erlebnis zu bieten – darunter litt das Zusammenspiel, die Konsequenz und auch das Arrangement, das sehr darauf ausgelegt war, ihm einen Platz in der Mitte zu geben – obwohl er als einziger nicht schauspielerte und damit am wenigsten zum Thema des Stücks beitrug.

Selbstdarstellung war auch ein Problem des Darstellers von Vi Tran – Vi Tran selbst. Er erzählte seine eigene Geschichte, was zuallererst gewürdigt werden muss, dazu gehört viel Mut, vor allem da es eine Geschichte mit viel Schmerz und persönlichen Verletzungen, Erfahrung mit Ausgrenzung, dem Tod seines Großvaters und später Vaters war. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, er wollte mit dieser Geschichte mehr aussagen als uns stolz zu vermitteln, welche großartigen Abenteuer er erlebt hatte – auch das war vermutlich weniger ein inszenatorisches Problem, da er mehr als nötig in den Mittelpunkt gedrängt wurde und Schwester und Mutter, die ihn die ganze Zeit beschützten regelmäßig untergingen. Trotzdem hätte Vi Tran, der das Stück auch schrieb, ein Co-Autor vermutlich gut getan – da die Geschichte gänzlich aus seiner Sicht erzählt war, fand ich leider keinen Zugang, da mir alles, was ich sah zu fremd erschien.

Hier endet meine Review sehr abrupt, weil ich die zweite Hälfte wie bereits gesagt nicht sehen konnte – ihr hörte ein wenig mit, konnte aber außer der fünften Reprise des immer gleichen Themas nichts mehr wahrnehmen. Laut Nic passierte nicht mehr wirklich viel – seine Familie kam in Amerika an, er bedankte sich bei den Musikern und erzählte, dass es seine Geschichte war und dann ging das Stück scheinbar unnötigerweise noch 20 Minuten weiter, obwohl ein gutes Ende bereits erwähnt war. Der Autor hatte wohl den Anspruch, alles zu erzählen, was ihm wichtig war. Und für uns war das an manchen Stellen nicht die Geschichte, die uns interessiert hätte.

The magic treehouse: Showtime with Shakespeare – Emerald City Theatre

Jetzt wird es also ernst – wir schauen die nächsten 3 Tage insgesamt 10 Stücke, das erste haben wir hinter und und nachdem ich es nun etwas sacken ließ, versuche ich mich dem Ganzen anzunähern. Wichtig ist villeicht hier zu erzählen, auf welchem Wege wir in das Theater gelangten. Gebucht hatten wir das Stück vor 3 Tagen, weil wir möglichst viel in das Wochenende packen wollten und Showtime with Shakespeare vormittags 10:15 Uhr lief, da es sich um eine Show für Kinder und speziell Schulklassen handelt. Nachdem wir gestern The Toxic Avenger sahen, ließen wir uns via Lyft zu einem Subway fahren, um noch etwas zu essen, bevor es in den Nachbus ging. Blöderweise das besagter Subway zu und es begann heftiger und heftiger zu schneiden, weswegen wir eher lieblos nachschauten, in welche Richtung wir laufen mussten, sondern einfach draußlosmarschierten – ich zog meinen Koffer durch den minütlich wachsenden Schnee und wir waren schon bald weiße Gestalten. Nach einiger Zeit bemerkten wir, dass wir in die falsche Richtung liefen und kehrten um – nach einer knapp 40minütigen Wanderung durch das ausgestorbene, schneeüberwucherte Minneapolis kamen wir schließlich endlich beim Bus an. Der war leider sehr voll, weswegen sich unser Platz in der Nacht in Grenzen hielt und an wirklich effektiven Schlaf nicht zu denken war. Aufgrund des Schnees hatten wir auch noch eine Verspätung und machten uns langsam Sorgen, nicht mehr rechtzeitig anzukommen – Schätzung des Busfahrers: 10:30 Uhr in Chicago. Da wir vom Bus-Stop noch ca. 15 Minuten via Lyft zum Theater brauchten, hätten wir also keine Chance mehr. Glücklicherweise spielte in Illinois das Wetter und der Verkehr für uns und wir kamen Punkt 10:00 Uhr an, Nic bestellte ein Lyft-Auto, das wie gerufen keine 30 Sekunden später da war – die Frau die uns fuhr, war sehr verständnisvoll und wir fühlten uns auf dem Highway wie in einem Autorennspiel – konnten aber noch einige Momente gutmachen. Punkt 10:15 Uhr betraten wir das Theater, stellten unser Gepäck ab und wurden in den Saal geleitet, um uns herum: Nebel, eine beleuchtete Bühne und Kinder. Viele schreiende, begeisterte Kinder. Begeistert waren wir ebenfalls – wir hatten so viel Aufwand in die Anreise zu dieser Aufführung gesteckt, dass sie einfach gut werden musste. Gespannt waren wir – eine Geschichte aus dem magischen Baumhaus als Musical zu Hamilton-ähnlichen Beats klang nach einer Mischung die richtig gut oder katastrophal werden konnte.

Als das Licht ausging und alle Kinder anfingen zu jubeln, fühlte ich mich wirklich wie vor einigen Monaten in London, als wir Hamilton besuchten und die Halle ausrastete. Das Stück ging los, das Ensemble tanzte über die Bühne und stellte uns die Protagonisten vor: Jack, Annie und Mr. William Shakespeare himself. Dabei strahlten sie alle von der ersten Minute an so viel Energie aus, dass es einfach Spaß machte, das Ensemble dabei zu betrachten, Kindern eine Freude zu bereiten und dabei auch pädagogisch wertvolle Arbeit zu leisten. Ganz kurz zur Handlung, die sehr stark nach der Formel der Buchreihe dargebracht wurde: Jack und Annie bemerken, dass das Baumhaus wieder auftaucht, sie sollen ins England des elisabethanischen Zeitalters reisen, um dort eine spezielle Art von Magie zu entdecken, sie stoßen auf William Shakespare, spielen im Mitsommernachtstraum mit, überwinden Lampenfieber und begreifen, wie Theater das reale Leben durch eine spezielle Magie überdecken und für einen Moment verdrängen kann. Als Nebenhandlung laufen sie einem Tanzbären über den Weg, der gezwungen wird, in Ketten zu tanzen und in Arenen zu kämpfen, Annie befreit ihn und am Ende ist er Teil des Ensembles und tanzt überglücklich. Darüber hinaus hat Jack unglaubliches Lampenfieber und Angst, nicht schauspielern zu können, wird aber durch die Kraft der Gemeinschaft beruhigt. Achja und ein wenig Frauenpower spielt auch noch mit: Annie darf als Mädchen nicht Teil des Bühnengeschehens sein, also verkleidet sie sich kurzerhand als Jungen, der dann wiederum eine Frau spielt, alle sind begeistert. Und natürlich hat auch Queen Elisabeth einen kurzen Cameoauftritt und freut sich über die magischen Momente im Globe Theatre.

Man muss zugeben, dass die Show einige Schwächen hatte. So waren einige Momente zu lang und der Spannungsbogen der ganzen Handlung etwas ungünstig gesetzt. Zusätzlich war die Akustik der Sänger vor allem anfangs nicht sonderlich gut ausgepegelt und die Musik kam vom Band, was mich persönlich normalerweise ziemlich stört. Da Nic und ich aber direkt in die erste Reihe gesetzt wurden (Wir waren wohl gefühlt die einzigen zahlenden Gäste in diesem Theater, neben vielen vielen Schulklassen) und das Geschehen damit aus nächster Nähe miterleben konnten, erwachte in mir wieder das Kind, das vor langer Zeit süchtig so viele der Baumhaus-Bücher gelesen hatte. Ich begab mich mit Jack und Annie auf eine fantastische Reise und das Ensemble führte und durch ganz andere Welten – mit wirklich simplen Mitteln war man mitten drin, in der Theaterarbeit Shakespeares. Dazu waren die Choreographien wirklich gut ausgeführt und die Musik hatte glücklicherweise einen eigenen Charakter, der nicht wie ein billiger Abklatsch von Hamilton wirkte.

Im Anschluss an das Stück gab noch noch eine kurze Q&A-Runde – in beide Richtungen. Zuerst fragte eine der Schauspielerin in die Runde, jetzt wo alle gesehen hätten, was Annie und Jack für den Bären gemacht haben – für was würden sich denn die Kinder im Saal einsetzen? Die Antworten waren herzzerreißend und gaben mir Hoffnung für die Zukunft: Sie würden ihren Freunden beistehen, wenn diese ausgegrenzt werden, sie wollen sich für bedrohte Tierarten einsetzen. Oder einfach für jeden, der ungerecht behandelt wird. Im Anschluss stellten sich die Schauspieler noch alle kurz mit Namen und Lieblingstanzmove vor und beantworteten Fragen, dabei versprühten sie alle eine Freude, Verbundenheit und Herzlichkeit, dass dieser Moment für mich fast der schönste des ganzen Vormittags war. Ich sollte öfter Stücke für Kinder besuchen oder auch selbst machen – wenn irgendwie wirkliche ehrliche Begeisterung liegt, dann dort.

The Toxic Avenger – Phoenix Theatre Minneapolis

Wenigstens ein Stück in Minneapolis wollten wir sehen – The Toxic Avenger bot sich aus mehreren Gründen an. Erstens lief es um die richtige Uhrzeit, zweitens war es ein eher unbekanntes Musical basierend auf einem Trashfilm aus den 80ern, drittens war des Theater wirklich schön klein und ich finde, dass dort häufig die intimsten und interessantesten Erlebnisse entstehen können. Und viertens – der Titel und Inhalt sind wirklich unwiderstehlich.

New Jersey ist überdeckt von giftigen Abfällen und Müll, der im reichen Manhattan in den Hudson River geschmissen wird. Um es dort überhaupt aushalten zu können, muss man schon einer der Protagonisten sein. Sara hat es einfach, denn sie ist eine blinde Bibliothekarin und muss alles um sie herum nicht sehen. Melvin ist in Sara verliebt und erträgt die Stadt, um in ihrer Nähe sein zu können. Und die Bürgermeisterin ist Besitzerin der „Good Earth Corporation“, die für die Verschmutzung verantwortlich ist, damit viel Geld verdient und versucht, all das zu vertuschen, indem sie die entsprechenden Akten in der Bibliothek versteckt und eine blinde Bibliothekarin anstellte. Die wiederum hängt viel mit Melvin rum, ignoriert aber seine Gefühle für sie, weil sie sie nicht erwidert.  In einem Gespräch kommen sie auf die Stadtakten und Melvin entdeckt das Geheimnis der Bürgermeisterin. Er konfrontiert sie und sie setzt ihre Schergen auf ihn an – die schmeißen ihn in einen giftigen Müllhaufen. In der Überzeugung, er sie tot, wollen sie verschwinden, doch Sara läuft ihnen über den Weg – sie beginnen sie zu bedrängen. Doch bevor etwas schlimmes passieren kann, vernehmen alle ein ohrenbetäubendes Brüllen und ein großes grünes Monster mit deformiertem Kopf und einem heraushängenden Augenball kommt aus dem Loch hervor. Es (bzw. er – es handelt sich natürlich um den mutierten Melvin) schnappt sich die beiden Männer, reist sie ein Einzelteile und trägt die ohnmächtige Sara nach Hause. Dort bedankt sie sich überschwänglich bei ihrem Retter und ist beeindruckt von dessen Oberkörpermuskulatur, sein Gesicht darf sie nicht betasten. Er sagt zu ihr „I’m toxic“ und sie geht davon aus, einen gestandenen französischen Mann vor sich zu haben, sie lädt im am nächsten morgen zum Brunch ein und träumt davon, mit dem Mann ihrer Träume zusammenzukommen. Als Melvin zu Hause ankommt, konfrontiert seine Mutter ihn und sein Aussehen – sie schleppt ihn zum Arzt, aber außer dass er eine große Enttäuschung ist, kann niemand feststellen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, ihn mit Bleichmittel umzubringen, aber keine Heilungsmöglichkeit. Im Laufe des nächsten Wochen wird Melvin beliebt in der Stadt – the friendly monster from your neighbourhood – und hilft allen möglichen Menschen aus. Die Beziehung mit Sara verläuft jedoch schleppend, da er keine Form von Körperkontakt haben möchte. Nach einiger Zeit fasst Melvin sich ein Her und offenbart sich ihr – sie ist entsetzt, angelogen worden zu sein und beendet sie Beziehung. Völlig außer sich läuft er durch die Stadt und läuft Amok, dabei tötet er eine ältere Frau. Auf genau eine solche Katastrophe wartete die Bürgermeisterin, die nun einen wütenden Mob hinter sich versammelt und mit Bleichmittel die Verfolgungsjagd aufnimmt. Auch Sara ist hinter Melvin her, nachdem ihre Freundinnen ihr klargemacht haben, dass alle Männer Freaks seien. Zum großen Showdown treffen sich alle im Stadtzentrum, Sara stellt sich schützend vor Melvin, der deckt das Geheimnis der Bürgermeisterin auf und sie wird erschossen. Im letzten Atemzug bespritzt sie Melvin mit Bleiche, der daraufhin auch zu Boden geht. Aus de Verzweiflung heraus, unternehmen Sara und die Mutter einen letzten Versuch, ihn zu retten, indem sie ihm das ekligst-vorstellbare Getränk (Wasser aus dem Hudson) geben. Tatsächlich rettet ihn da und er und Sara küssen sich. Melvin hält eine Rede darüber, dass er nun begriffen hat, dass die Erde gerettet werden muss, weswegen er sich für die green party engagieren wird und wenn ein Staatsoberhaupt nichts ändern möchte, hat er als Mutant Möglichkeiten, nachzuhelfen…

Das Musical bot eine ähnliche Erfahrung wie es Die Rocky Horror Picture Show auch bieten könnte – eingänge, rockige Musik mit angehauchtem 80er-Klang, gepaart mit einer trashigen Handlung, die mehr Tiefe hat, als man auf den ersten Blick sieht. Der Abend war ein großer Spaß und alle Schauspieler spielten mit einer solchen Freude, dass man immer wieder über kleinere Ungereimtheiten hinwegsah. So war die Gesangsstimme von Melvin nicht optimal, die Chorepgraphien unsauber ausgeführt, bei Umbauten fielen die Schauspieler teils kurz aus der Rolle, etc – geschenkt! Ergänzend sollte man erwähnen, dass gerade einmal 5 Schauspieler auf der Bühne standen – Melvin, Sara, besorgte Nonne/Bürgermeisterin/Mutter und zwei „Stadttisten“, die alle Rollen übernahmen, die mit der Bevölkerung zusammenhingen – die bösen Schergen der Bürgermeisterin, die Freundinnen von Sara, der wütende Mob und auch teilweise Double der anderen Schauspieler. Dadurch wurde auch desöfteren mit der vierten Wand gespielt, Sara lief öfter bei ihrem Abgang in Kulissen hinein, die gerade umgebaut wurden – sie fluchte dann laut, dass ständig alle vergessen, dass sie blind ist, das gab der Rolle wesentlich mehr Glaubwürdigkeit, obwohl es offensichtlich nur ein „Running Gag“ war, hier zeigte sich aber die Konsequenz der Inszenierung. Einmal geriet Melvin bei einer Verfolgungsjagd in eine Sackgasse und entkam durch ein Ausweichmanöver in den Publikumsraum, was die Bürgermeisterin empört kommentierte – da sei doch eine Grenze! Allgemein wurde die Grenze zwischen Bühne und Publikum immer wieder verwaschen, das Publikum direkt angesprochen und auch zu Stadtbewohnern gemacht – hier leisteten die beiden „Stadttisten“ volle Arbeit. Die größte Szene jedoch war die, als Mutter und Bürgermeisterin aufeinandertrafen, miteinander stritten und ein Duett sangen. Da beide von der gleichen Person gespielt wurden, war ein gleichzeitiges Auftreten der Rollen eigentlich unmöglich. Eigentlich – sie stürmte auf die Bühne und von der Bühne, wechselte in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit ihr Kostüm und wurde in ihrer Abwesenheit von den zwei weiteren Schauspielerin dargestellt, die ihr Kostüm anhatten und über die Bühne tanzten und miteinander kämpften. Das war in seiner Trashigkeit so unglaublich überzeugend, dass ich ob der grandiosen darstellerischen Leistung nur begeistert applaudieren konnte.

Allgemein ließ das Stück keine Gelegenheit aus, eine popkulturelle Referenz einzuflechten, einerseits jene aus den 80ern, die bis heute aktuell sind und viele gesellschaftspolitische Probleme wie den Klimawandel, den Ausschluss von Andersartigen und die negativen Folgen des Kapitalismus adressierte. Das wurde gepaart mit ganz aktuellen Kommentaren, die vor allem soziale Medien und Smartphone-Nutzung betrafen. doch auch der Slapstick und Trash kam nicht zu kurz – als Melvin als Monster die Täter in stücke riss, riss er nur ihre Ärmel ab, sie versteckten ihre Arme hinter dem Körper und rote Stofffetzen hingen an ihnen herab. Auch das Monsterkostüm wäre selbst für eine der frühen Star Trek Folgen absolut nicht überzeugend gewesen, genau das macht aber den Charme aus. Das Stück versuchte gar nicht erst, es gut zu machen, sondern so lustig schlecht, dass man schon wieder darüber hinwegsehen könnte, weil es eine ästhetische und konsequente Entscheidung war.  Insgesamt hatte ich das Gefühl, unterhalten worden zu sein, aber trotzdem keine seichte Unterhaltung genossen zu haben – das Stück wollte definitiv etwas aussagen und die Zuschauer zum Nachdenken anregen- dabei aber auch wirklich viel Spaß haben. Das ist häufig die beste Art von Botschaft – da man das Theater nicht deprimiert, sondern voller Tatendrang verlässt

Modern Masters – Joffrey Ballet im Auditorium Theatre

Eine Woche ist es nun schon her, dass wir das letzte Mal ein Theater und eine Aufführung besuchten und ich musste das letzte Stück ein wenig länger sacken lassen. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, über Tanz zu schreiben, da Narrativität oder Hanldungsbeschreibungen mehr als unzulänglich dafür sind – vor allem, wenn man eine solch zeitgenössische Vereinigung verschiedener Choreographien wie in Modern Masters vorfindet. Das Konzept des Abends ist recht einfach zusammengefasst: In vier ca. 20-25 minütigen Choreographien von bekannten Choreographen des 20. Jahrhunderts und auch unbekannten zeitgenössischen Künstlern soll ein Einblick in die Vielfalt des modernen Tanzes und der Spitze der zeitgenössischen Choreographen geboten werden – Modern Masters eben. Deswegen macht es wohl auch am meisten Sinn, zu jedem einzelnen dieser Tanzstücke ein paar Worte zu verlieren. Da ich versucht habe, das Programmheft möglichst neben mir zu lassen, kann ich zu den einzelnen Choreographen und Komponisten nicht viel sagen – wen dieser Hintergrund interessiert, kann das gerne selbst recherchieren.

The Four Temperaments (Choreographie George Balanchine, Musik Paul Hindemith)

Die erste Performance des Abends wurde für mich stark von den nachfolgenden verdeckt, weswegen ich nicht genau weiß, wo ich hier ansetzen soll. Die Musik von Paul Hindemith war einerseits meditativ und andererseits für mich schwer zu greifen, weswegen ich beim Betrachten der Tänzer etwas in der Luft hing. Daraus resultierte eine Art Trance – ein traumähnlicher Zustand, in den ich öfter gerate, wenn ich Tanz betrachte. Alles verwischt dann ineinander und ich kann mich nur noch an das grobe Gefühl erinnern. Das Gefühl in diesem Fall war Musik oder Musikalität. Die Tänzer führten mithilfe ihrer Körper aus, was die Musik vorgab. Das heißt, es gab keine wirkliche Handlung, nichts was passierte – das einzige, was sich entwickelte, war die Musik und die sich bewegenden Körper der Tänzerinnen und Tänzer mit ihr. Wenn man eine Partitur von Noten oder die Schwingungen verschiedener Töne in Bewegungen übersetzen würde, wäre das Ergebnis wohl ein Ähnliches wie das Dargebotene. Das stimmte mich gut auf den Abend ein, ich konnte ein wenig in der Musik versinken und vor mich hin träumen, auch wenn dadurch die Choreographie in meiner Erinnerung leider etwas verschwand. Villeicht sollte das Bühnengeschehen aber auch genau das mit mir machen – auf jeden Fall war ich gefangen und auf keinen Fall gelangweilt, sondern wurde von der Bühne gebannt und konnte mich auch gedanklich nicht davon losreißen.

Body of your dreams (Choreographie Miles Thatcher, Musik Jacob ter Veldhus)

So sehr das erste Stück mich in eine Trance versetzte, so sehr wurde ich nach einer kurzen Pause von „Body of your dreams“ wieder in die Realität gezerrt. Das lag einerseits an der Musik – sehr beatgeladene, energetische Musik prallte vom Band auf das Publikum ein, ein krasser Gegensatz zu der romantisch aufgeladenen Hindemith-Musik, die vom Ballet-eigenen Orchester gespielt wurde. Die jetzige Musik konnte aber auch nicht live gespielt werden, da sie vor allem auf Aussagen von verschiedenen Menschen bestand, die über Fitness und Gesundheit redeten. Aufgrund des fetzenartiges Charakters konnte ich nur vereinzelte Worte wahrnehmen, aber klar war: Hier wird von dem Traum eines perfekten Körpers geredet, von dem Druck der Gesellschaft, perfekt auszusehen und auch von verschiedenen Werbebotschaften, wie man das erreichen könnte. Um daraus Musik zu machen, schnappte sich der Komponist einzelne Aussagen, zerpflückte sie in ihre Silben und verwendete sie als Beat-Basis für seine Musik, die dann noch mit Power-Chords von Klavier und Synthesizern unterlegt wurde. Die ganze Musik drückte Drill und Stress aus – den Stress, immer an der Spitze zu stehen und sich selbst möglichst perfekt zu trainieren. 

Auf der Bühne geschah eben das, was die Musik propagierte – die Tänzer, gekleidet in stilisierten Trainingsoutfits turnten über die Bühne, tanzten unter Zuhilfenahme von Liegestützen, Sit-Ups, kurzen Sprints und weiteren Bewegungen, die typischerweise in ein Fitnessstudio gehören. Dazu umkreisten sie Spiegel, die auf der Bühne standen und ihnen stets die Reflexion ihrer eigenen Bewegungen gab – auch diese drehten sich mit den Tänzern im Kreis und irgendwann verlor man den Überblick in all dem Wahnsinn. ein jeder versuchte, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen doch mehr und mehr ähnelten sich die Bewegungen einzelner Tänzer, bis schließlich alle als große  pyramidige Maschinerie über die Bühne walzten. 

Diese Performance war sehr gesellschaftskritisch, man konnte den Druck der Welt auf einen perfekten Körper, auf eine perfekte Fitness förmlich spüren – auch der Höher, Schneller, Weiter – Gedanke spielte eine wichtige Rolle. Und was ich nicht sah, aber durchaus interesannt fand: Nic sagte, dadurch dass die Stimmen propagierten, dass es die Möglichkeit gibt, diese perfekte Sportlichkeit mit Hilfe der beworbenen Produkte zu erreichen, sah er auch eine Kritik an dem Gegenteil der Fitniss: Eine sich ausbreitende Fettleibigkeit. Jeder möchte gerne sportlich sein und den perfekten Körper haben, aber etwas dafür tun? Dafür bräuchte es ein Wundermittel…

Beyond the shore (Choreographie Nicolas Blanc, Musik Mason Bates)

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Während das erste Stück des Abends mich zwiespalten zurückließ, weil ich nicht wirklich wusste, was es mir gegeben hat und das zweite mit all seiner Gesellschaftskritik wirklich gut aber auch anspruchsvoll zu betrachten war, kam mit Beyond the shore ein visuelles und akustisches Meisterwerk auf uns zu. Auch hier fällt es mir wieder ganz schwer, das Gesehene in Worte zu fassen, weil ich auf der Bühne pure Emotionen sah. Beschützerwille, Das Streben nach Großem, Naturverbundenheit, eine große Reise – und all das in 25 Minuten.

Die Musik von Mason Bates kombinierte klassische sinfonische Elemente der großen Filmmusiken mit Jazz und Big Band Einflüssen und ließ auch unkonventionelle Instrumente zum Zug kommen. So gab es Drumpads und Synthesizer, der der Musik oft einen futuristischen Einschlag gaben, dazu experimentierte die Musik mit Alltagsgegenständen – ein Besen beispielsweise wurde in einem Teil zur bestimmenden akustischen Mitte des Stückes. Insgesamt klang die Musik sehr episch und gleichzeitig zurückgenommen – man hatte immer wieder das Gefühl, sie hielt für mehrere Minuten den absoluten Höhepunkt, bis sie endlich aufgelöst wurde. Dabei blieb aber eine andauernde Spannung da und ich fühlte mich wie in einem gigantischen Science-Fiction Epos und vor einer wundervollen optimistischen Zukunft stehend.

Hoffnung auf die Zukunft war allgemein das große Thema, das ich in dieser Performance sah. Die Bühne war immer in einer Farbe dominant beleuchtet – grün, rot, blau, schwarz/orange, ganz wie die vier Elemente, die auch eine entscheidende Rolle im Tanz spielten. Im einen Moment schienen die Sänger durch die Luft zu schweben und schwerelos zu sein, dann kämpften sie sich durch einen dichten Dschungel, der sich in einen wunderschönen Wald verwandelte (all das nicht wörtlich – ich nutze nur Metaphern, um annähernd beschreiben zu können, was ich sah). Dabei waren sie immer eine Einheit, die gemeinsam ihre Abenteuer erlebt und gegen Ende hatte ich das unbestimmte Gefühl, hier gerade mehrere Staffeln einer futuristischen, optimistischen Science-Fiction Serie gesehen zu haben, die auch perfekt abgeschlossen wurde. Manchmal geht Binge-Watching auch in einer sehr kurzen Zeit. Alles was blieb, war eine große Zufriedenheit und das Gefühl, etwas wahrlich großes gesehen zu habenn.

Glass Pieces (Choreographie Jerome Roberts, Musik Philipp Glass)

Ich muss ja zugeben, dass ich mich auf das Finale am meisten freute – Philipp Glass begleitet mich nun seit einigen Wochen sehr intensiv musikalisch durch mein Leben und ich war sehr gespannt, auf welche Art und Weise seine repetitive und meditative Musik in Bewegung übersetzt werden würde. An der Stelle möchte ich nochmals ein Lob an das wundervolle Orchester aussprechen – die Tatsache, ein Groß der Musik gänzlich oder teilweise live erleben zu können, machte die gesamte Erfahrung wesentlich immersiver – verstärkt dadurch, dass die meisten musikalischen Momente perfekt ausgeführt wurden und die Stimmung auf der Bühne meist auf den Punkt trafen. Nun zum Abschluss also Philipp Glass – Musik, die auf dem Papier einfach aussieht und ihre Schwierigkeit durch die immer gleichen Töne über lange Zeit bei emotionaler Phrasierung erhält. Es ist sehr schwer, diese Musik akkurat zu spielen und dabei nicht roboboterhaft zu werden. Auch hier war es die Interpretation des Orchesters, die dem Bühnengeschehen den letzten Hauch an Leben gab.

Die Choreographie war dreigeteilt – im ersten Teil tanzte das gesamte (ca. 40-45 köpfige Ensemble) über die Bühne – bzw. rannte mehr. Zu einer sehr stressgeladenen, dynamischen Musik  kämpften sich alle ihren Weg durch die Menschenmasse – mir kamen sofort Bilder einer überfüllten U-Bahn zu Stoßzeiten ins Bild. Immer wieder führten sie dabei die immer gleichen Bewegungen aus und wurden so zu einer Masse. Immer wieder kamen Solisten auf die Bühne, durchbrachen die Masse und konnten sich etwas Individualität freitanzen – nicht ohne wieder von der schieren Masse des Ensembles eingefangen zu werden. Die Perfektion mit der die Bewegungen synchron zueinander ausgeführt wurden, war mehr als beeindruckend und das Bild der stressigen Stadtgesellschaft, die nur noch von einem Termin zum nächsten rennt, auf den Punkt getroffen.


Der zweite Teil war wesentlich ruhiger – ein tiefes Streicherostinato in Terzen gab den Rhytmus an, das Stück basierte gänzlich auf zwei Akkorden. In Hintergrund der Bühne, im Schatten bewegte sich eine endlose Reihe an Tänzerinnen von rechts nach links – nur ihre Silhouetten waren erkennbar, sie sahen durch die exakt identisch ausgeführten Bewegungen alle gleich aus – verstärkt dadurch, dass sie immer wieder Plätze tauschten. Die Bewegung passte eigentlich nicht zu der ruhigen balladenhaften Musik – das sehr beatbetonte Laufen und auf der Stelle wippen erinnerte eher an zaghafte Disco-Bewegungen einer schüchternen, jungen Frau. Trotzdem passten sie perfekt auf die Musik, da diese für mich die innere Zerbrechlichkeit dieser Mädchen (oder des einen Mädchens – teilweise verschwammen alle Tänzerinnen zu einer) darstellte. Mauerblümchen im Hintergrund, wunderschön aber zu schüchtern, um sich in den Vordergrund zu drängen. Dieser wurde immer wieder von einem tanzenden Solopaar ausgefüllt, die sich ebenfalls zur Musik bewegten und vor Energie strotzen – trotzdem blieb meine Aufmerksamkeit immer auf dem unscheinbaren Hintergrund. Manche von euch kennen diese Geschichte – ich hatte das Gefühl, einmal mehr das Porzellanmädchen zu sehen.

Der dritte Teil war sehr Trommel- und Rhytmusgeladen und ich war noch so sehr vom vorhergehenden Bild verzaubert, dass ich gar nicht viel davon mitbekommen habe. Ich erinnere mich nur noch, das Gefühl gehabt zu haben, einen rituellen Balztanz zwischen Männern und Frauen vor mir zu sehen – beide Seite sind stark und wollen vor der anderen Seite keine Schwäche zugeben, finden am Ende aber irgendwie zusammen, weil es das ist, was offensichtlich alle wollen. Dieser Teil brachte mich wieder etwas in die Realität zurück, trotzdem verließ ich das Theater sehr verzaubert und höre die Musik des zweiten Teils der Glass Pieces auch gerade in diesem Moment (https://www.youtube.com/watch?v=l5rQwfcU70E).

Joseph and the amazing technicolour dreamcoat – Drury Lane Theatre

Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet der kommerzielle Mainstream ist, der mich überrascht? Gestern fielen wir nicht darauf herein, dass das Theater nicht erreichbar war und machten uns nach dem Koffer packen rechtzeitig 2,5 Stunden vor Beginn auf den Weg, fuhren mit der Metro an Ende des Systems, stiegen um und fuhren mit einem Bus gefühlt ans Ende des Systems, stiegen aus und kämpften uns in etwa 30 Minuten Fußgängerweg-los durch Schneematsch und über Straßen mit vielen Autos, die glücklicherweise breit genug waren, dass wir nicht ständig überfahren wurden.Als wir das Theater erreichten und all die Autos überall sahen waren wir uns mehr aus sicher, dass es wirklich nicht vorgesehen war, eine der größte Musicalstätten Chicagos mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Immerhin stimmte unsere Odyssey und gut auf die Geschichte Josephs ein – Man kennt ihn aus der Bibel. Joseph – einer der zwölf Söhne Jakobs, träumt viel und kann Träume unglaublich gut deuten. Achja und sein Vater sieht in ihm seinen Lieblingssohn, also schenkt er ihm einen tollen Mantel, mit dem er immer herumspaziert. Er ist sehr stolz und erzählt seinen Brüdern, dass er träume, das neue Stammesoberhaupt zu werden. Die sind alle sehr neidisch, schmeißen ihn erst lange in einen trockenen Brunnen und verkaufen ihn schließlich als Sklaven nach Ägypten – Jakob erzählen sie, er sei von einem Löwen gefressen worden – nur der Mantel war übrig. In der Sklaverei geht es Joseph verhältnismäßig gut – bis die Frau seines Besitzers ihn verführt und er ins Gefängnis geschmissen wird – auf seine Exekution wartend. Dort bemerken die Leute schnell, dass er Träume verstehen kann und sie fragen ihn aus, ob sie lebend aus ihrer Zelle herauskommen oder hingerichtet werden werden. Nach einiger Zeit bekommt der Pharao Wind davon und bittet Joseph zu ihm – er hat seltsame Träume, die er nicht versteht. Joseph kann diese deuten: Sieben Jahre des Überflusses und sieben Jahre der Hungersnot werden kommen. Der Pharao erhebt ihn in die Funktion des Vizekönigs, der genug Vorräte ansammeln soll, um durch die Krise zu kommen. Als es zur Krise kommt, gehen in Kanaan, Josephs ehemaligem Zuhause die Vorräte zur Neige und eine Hungersnot breitet sich aus – sie ziehen nach Ägypten und bitten um Hilfe. Joseph erkennt seine Brüder, sie ihn nicht und reagiert erst unbarmherzig – er schiebt einem sogar sogar einen Diebstahl zu. Doch als er merkt, dass seine Brüder sich geändert haben und Reue für ihr früheres Verhalten zeigen, offenbart er sich.

Joseph and the amazing technicolour dreamcoat ist eines der frühesten Musicals von Andrew Lloyd Webber und an einigen Stellen kann man die Einschläge hören, die schließlich zu Jesus Christ Superstar führten. Allerdings verfolgt Joseph eine gänzlich andere erzählerische Strategie und bringt die Geschichte dar, indem er verschiedenste musikalische Stile durchexerziert – Von ChaCha über Tango und Chansons bis hin zu einem Lied, das ein typischer Elvis Presley Song ist (und natürlich vom Pharao, dem King, gesungen wird). Trotzdem soll die Inszenierung – denke ich – relativ naturalistisch angehaucht sein und im historischen Kanaan und Ägypten spielen – die Leider bieten dann einen Gegenpool, mit dem sich die Geschichte in die heutige Zeit verfrachten lässt. Ich sage – denke ich – weil die Inszenierung, die wir sahen einen gänzlich anderen Weg ging, der einerseits intelligent war und andererseits unglaublich viel Spaß macht.

Joseph wird von einem Touristen dargestellt, der einen Urlaub in Las Vergas macht. Nach dem anstrengenden Flug fällt er vorerst ins Bett und möchte sich nur ausruhen. Doch dann hört er ein Weinen und die Erzählerfigur des Musicals schwebt vor seinem Fenster – sie beginnt zu singen und mehr und mehr Leute kommen auf die Bühne – das Zimmer des überforderten Mannes verwandelt sich selbst in eine dieser übertriebenen Revuenummern deren wegen man überhaupt erst nach Las Vegas kommen möchte. Die Figuren erheben Joseph zum Mittelpunkt ihrer Geschichte, ziehen im den Mantel an und feiern ihn – dann verschwinden sie. Währenddessen läuft noch ein heruntergekommner Elvis aus seiner Toilette und grüßt kurz alle. Völlig überfordert ruft er die Security und erzählt die Geschichte in Form des Liedes, das auch im Originalmusical vorkommt. Die Regieführung und Umdeutung des Textes passiert hier so geschickt und intelligent, dass ich zu keinem Zeitpunkt hinterfrage, ob die Geschichte das braucht oder ob das Stück nicht so umgewandelt werden möchte. Ich habe den Eindruck, der Text selbst hat Spaß, so absichtlich missverstanden zu werden – vor allem, weil dadurch die Aussage des unbedarften Joseph, der gar nichts böses möchte, sich aber zu sehr selbst darstellt in Perfektion aus der Szene gearbeitet wurde.

Auf diese Art geht das Stück dann weiter – wir und Joseph werden immer wieder daran erinnert, dass alles nur ein Traum ist – eine seltsame Traumwelt, die seine eigenen Wünsche mit seiner Fantasie von Vegas verbindet. Viele der Lieder wurden dafür moderneren Popsängerinnen zugeordnet – wir sehen die Erzählerin als Britney Spears, als Cher, als Liza Minelli, Celine Dion und vielen weiteren (in der Zugabe sogar als Idina Menzel). All das führt sie mit einer solchen Freude und Perfektion aus, dass sie das Publikum mit einer Leichtigkeit lenkt und von rockigeren Titeln routiniert in bewegende Balladen wechselt. Als der Pharao das erste Mal auftritt, erwarten natürlich alle Elvis – hier noch mehr, wenn sie es in Vegas setzen muss das ja der absolute Höhepunkt ist. Als dann aber Elton John erscheint, der dem Publikum sogar noch zuruft „Ihr wolltet Elvis, nicht? Pech gehabt!“ und dann aber auf seine typische Art und Weise virtuos das Klavier bearbeitet und Joseph von seinen Träumen erzählt, wir einem klar, dass die Regie auch hier wieder nicht das machte, was das Stück vorgab, sondern das was das Stück wollte. Ein Nachmittag voller Spaß und ernsten Momenten, der für alle damit endete, aufzuwachen und Josephs Mantel im Schrank des Touristen zu finden. Er hat zwar geträumt, sich dabei aber weiter und weiter in die Geschichte eingearbeitet bis er ein Teil von ihr wurde und an ihr wuchs. Am Ende ist Joseph nicht mehr der unbedarfte Tourist, sondern ein Mann, der weiß, was er will und der ausgerechnet in Vegas eine wichtige Lebenslektion lernte.

Das Publikum honoriert diese Botschaft, ebenso wie die wirklich gute Band und den durchweg perfekt besetzten und ausgeführten Cast. Manchmal ist das, was man erwartet gar nicht das was man will – nach dieser Inszenierung habe ich keine Lust, Joseph in einer herkömmlichen Bühnenfassung zu sehen – ich würde viel vermissen.

Rose – Greenhouse Theatre Center

Gestern war ein guter Tag, der damit begann, dass wir das erste wirkliche Mainstream-Stück, das auf unserem Plan stand verpassten. Cabaret wird derzeit im Paramount Theatre in einer Inszenierung von Sam Mendes (American Beauty, Skyfall und weitere) aufgeführt und wir freuten uns sehr darauf – bis wir merkten, dass das Paramount Theatre in einer Suburb zu finden ist, zu der wir über 2 Stunden unterwegs wären, was zu dem Zeitpunkt als wir es bemerkten schon zu spät gewesen wäre, um loszufahren. Leider gab es keine Möglichkeit, die Karten zurückzugeben und wir waren ein wenig genervt von der Gesamtsituation – also wollten wir unbedingt etwas machen, was es wert machen würde, das Stück verpasst zu haben. Scheinbar lief nur ein einziges Stück an diesem Mittwoch nachmittag in ganz Chicago, also kauften wir Karten dafür: Rose.

Rose ist ein Solostück für eine intimere Bühne, das das Leben von Rose Kennedy, der Mutter all jeder bekannten Kennedys – allen voran John – reflektiert. Ein Stück tiefster amerikanischer Geschichte, 90 Minuten, nur eine Frau auf der Bühne – es wäre nicht unsere erste Wahl gewesen und doch bin ich sehr froh sie getroffen zu haben. Mit den Greenhouse Theatre werden wir später noch einiges verbinden, da das Musical Theatre Festival dort stattfinden und wir 2 Tage mehr oder weniger in dieses Theater einziehen werden – dadurch stellte sich gleich schon beim ersten Mal ein wohliges und vertrautes Gefühl ein. Überall standen alte Bücher und Theatertexte herum, in denen man blättern und die man erwerben konnte. Der eigentliche Theaterraum war sehr klein, die Bühne mit alten Teppichen bedeckt, auf welchem typische „Großeltern-Möbel“ standen, die mit Familienfotos übersät waren. Man fühlte sich sofort wohl und ein Stück weit zuhause, selbst der Geruch passte. Der Altersdurchschnitt wurde durch Nic und mich drastisch gesenkt, den Groß des Publikums machten tatsächlich Senioren aus – deren penetranter Parfümgeruch war es auch, der diesen Teppich aus vertrauten und doch fremden Gerüchen durch den Raum trug.

Schließlich kam Rose auf die Bühne, ohne dass es groß zu einer Lichtänderung kam, nur eine kleine musikalische Einleitung kündigte ihr kommen an. Sie sprach zu einem imaginären Herren, der wohl ihre Biographie aufschreiben sollte, sie schenkte ihnen Kaffee ein und schon ab diesem Moment hatte ich nicht das Gefühl, ein Stück zu sehen, sondern Rose Kennedy leibhaftig auf der Bühne vor mir zu haben, wie sie mir Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Zwar konnte man den Ansatz der Perücke erkennen und auch die Anordnung der Möbel war sehr Bühnenmäßig, wenn sie von dem See vor dem Fenster erzählte, spielte sie nur eine weiße Wand an, aber ich vergaß das alles. Ich sah eine ältere Dame, die mit gerne Geschichten aus ihrem Leben erzählt, die Fehler gemacht hat und trotzdem versuchte, die liebende Mutter zu sein.
Sie erzählte, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie sie gerne auf ein College gegangen wäre, das aber protestantisch war und das nicht gegangen wäre, wie sie sich unterordnete, sehr früh Kinder bekam und ein sehr katholisches und konservatives Leben lebte, wie sie die gesellschaftlichen Strukturen, die sie selbst gefangennahm weitergab und auch bestätigte. Und vor allem erzählte sie die tragische Geschichte ihrer Kinder.

Joe, der älteste, sollte immer in die Fußstapfen des Vaters treten und sich deswegen im zweiten Weltkrieg beweisen – Vater und Mutter drängten ihn zu immer weiteren Heldentaten, er kam immer wieder nach Hause, doch eine der Missionen war die eine zu viel. Sein Flugzeug explodierte und stürzte ab. Kathleen Kennedy und Rose entfernten sich voneinander, als Kathleen einen Protestanten heiratete, da dies die ganze Familienehre beschmutzen würde. Sie hatten schon lange nicht mehr gesprochen, als Kathleen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. John, den ikonischen Präsidenten, den Sohn auf den sie so stolz war, der immer versuchte, in die Fußstapfen seines großen Bruders Joe zu treten, John, den Rose liebevoll Jack nennt, wurde seine politische Karriere zum Verhängnis und er kam bei dem berühmten Attentat zum Leben. Seinen Bruder Robert ereilte das selbe Schicksal einige Jahre später in Dallas, auch er war auf Druck des Vaters und der Mutter Politiker um die gesellschaftliche Stellung und Macht der Kennedys zu halten. Die Familie griff nicht nur nach der Sonne, sie flog direkt in sie hinein und verbrannte, einer nach dem anderen.

Die menschlichste und berückendste Geschichte ist aber wohl die von Rosemary. Sie war ein lebhaftes Mädchen, ihr wurde eine leichte Intelligenzstörung attestiert und sie wollte nicht so recht in die konservative Familie passen. Die Eltern hatten Sorge, dass sie bei ihrem Lebensstil irgendwann ungewollt schwanger werden könne und damit das Vermächtnis der Kennedys begraben könnte. Also veranlasste der Vater eine Lobotomie, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Rose erzählte mit brechender Stimme, dass der Eingriff ihr nicht wehtat und sie währenddessen singen sollte. Sobald ihr Gesang verstummte, wusste man dass das Ergebnis erfolgreich war. Danach war sie jedoch nicht mehr die selbe, sie was lustlos und gleichzeitig aggressiv. Sie kam in eine Nervenheilanstalt und ihre Familie redete nicht mehr über sie – Rosemary war weg, von einem Tag auf den anderen. Wie der Ehemann von Rose wohl sagte „She sang too long…“. Rose erzählt voller Bitterkeit, dass sie all das hätte aufhalten können und sich hätte wehren können. Sie hatte 5 ihrer Kinder verloren und kein gutes Verhältnis zu den anderen. Eunice Kennedy distanzierte sich von ihrer Mutter und unterstützte Programme für behinderte Menschen, den sie anstelle ihrer Schwester noch helfen konnte. Der junge Teddy verstand einfach nicht, wieso seine Schwester plötzlich weg war, niemand redete mit ihm darüber. Rose erzählt voller Reue, dass sie ihren Kindern nie sagte sagte, dass sie sie liebte. Auch nachdem ihr Ehemann einen Schlaganfall hatte und danach nur noch bettlägerig war, wahrte sie den Schein der perfekten Familie weiterhin und es wirkt so, als würde ihr das leidtun. Doch sie wurde ihr Leben lang dazu erzogen und es ist nicht leicht, seine Gewohnheiten abzustellen.

Das gesamte Stück über wartet Rose auf ein Lebenszeichen von Teddy, ihrem letzten lebenden Sohn, der eigentlich schon vor einem Tag hätte kommen sollen. Ich bangte in jeder Sekunde, die verstrich, mit ihr mit und hatte wirklich Angst, dass die arme Frau einen weiteren Verlust erleiden musste. Gegen Ende kommt dann endlich der erlösende Anruf – Teddy erzählt ihr, dass er sich aus der Politik zurückziehen möchte um mehr mit seiner Frau zusammen zu sein. Sie schellt ihn, dass er doch an seine Familie denken müsse und nicht nur egoistisch entscheiden könne, was für ihn am Besten ist, fängt dann aber einfach an zu weinen. Sie sagt Teddy, dass sie ihn liebt und dass er Recht hat und das tun soll, was am Besten für ihn ist.

Gegen Ende möchte man nicht, dass es vorbei ist. Ich könnte ihr stundenlang zuhören, möchte noch mehr Geschichten aus ihrem Leben hören, ihr akzeptiere nicht, dass sie „nur“ eine Schauspielerin ist. Theater macht dann alles richtig, wenn du vergisst, dass es nicht real ist.

You got older – The Steppenwolf Theatre

Es ist immer interesannt, wenn ein Medium sich selbst verrät, sich dadurch offenbart und mehr Existenz gewinnt als das was es darstellen will. Beim Theater speziell kann das passieren, wenn man als Zuschauer in eine andere als die gewohnte Sehkonvention hineingeworfen wird und das dargebotene Stück nicht das ist, was man aus dem Abend mitnimmt, sondern den Umgang des Publikums damit. Spannend ist das vor allem dann, wenn man bemerkt, wie anders eine Sehkultur und Theaterwahrnehmung in einem anderen Kulturkreis sein können.
So geschehen gestern als Nic und ich You got older im Steppenwolf Theatre besuchten – ein wie immer sehr schönes Theater, das sich perfekt für die Aufführung der Steampunk Opera eignen würde, da es diesen Industrie-Look hat, den fast alle bisherigen Theater hier in Chicago bisher offenbahren. Außerdem war es geschickt gebaut und jeder Zuschauer konnte sehr gut sehen, was auf der Bühne passiert – die Bühne reichte in den Publikumsraum hinein, der sich halbkreisförmig um sie erstreckte – fast schon wie in einem griechischen Theater, nur drinnen. Doch im Hintergrund der Bühne standen als Bühnenbild in den Himmel ragenden Bäume und ein angedeuteter Wald, in dem sich die Bühne ins Nichts verlor – also doch antikes griechisches Theater mit der Natur als einziges Bühnenbild.

Zur Handlung: Mae pflegt ihren Vater, der Krebs hat und ist mit ihrem Leben sehr unzufrieden. Sie verließ ihren langjährigen Freund kurz zuvor, der war blöderweise ihr Boss und feuert sie. Sie kann ihre Miete nicht mehr bezahlen, hat keine Krankenversicherung und jetzt neuerdings noch einen wirklich unangenehmen Ausschlag an ihrem ganzen Körper. Bei ihrem Vater zu wohnen ist also nicht nur ein Akt reiner Nächstenliebe – ihr bleibt fast nichts weiteres übrig. So sitzen sie beide da, wissen nicht genau, was sie reden wollen und sie fühlt sich wieder wie in der High-School, nur dass ihr Vater kein starkes Vorbild ist, sondern ein alter, verletzlicher Mann. Man hat den Eindruck, sie möchte nicht bei ihm sein und ist beschämt, ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Nach einigen Therapien schlägt eine endlich an, der Krebs kommt in Remission, Mae und ihre 3 Geschwister feiern den Vater im Krankenhaus und Mae bleibt danach noch bei ihm, weil die Behandlung ihn viel Kraft kostete. Die Situation auf dem ländlich gelegenen Haus bleibt aber weiter angespannt, die beiden können nicht sonderlich viel miteinander anfangen. Spätestens nachdem ihr Vater sich anmaßt, ihr Ratschläge bei einem Bewerbungsgespräch zu geben, bricht die angespannte Situation, sie schreit ihn an, er wisse nicht immer alles besser und überhaupt wolle sie ihr eigenes Leben leben! Ihr Vater versucht sich zu entschuldigen, kann aber nicht zu ihr durchdringen. Als sie wieder auszieht, um sich besser nach Jobs umschauen zu können, sind beide etwas erleichtert, da die Situation offensichtlich sehr angespannt ist. Mae fängt nun endlich wieder an, glücklich zu werden und in ihrem eigenen Leben anzukommen. In diesem Moment ruft ihr Vater an. Der Krebs ist zurück, in seinen Lungen. Er verabschiedet sich und verlässt die Bühne. Just in diesem Moment spielt das Lied Timber und die Geschwister kommen tanzend auf die Bühne, eine von Maes Schwestern hat ein Hochzeitskleid an, sie tanzen ausgelassen und wirken alle glücklich.

Neben dieser Haupthandlung ergibt sich ein Nebenstrang, der sich mit Maes Sexualität beschäftigt. In regelmäßigen Abständen fantasiert sie von einem Cowboy, der ihr immer über den Weg läuft und ganz bestimmte Dinge mit ihr anstellen will – gegen Ende führt das soweit, dass sie von ihrer Fantasie vergewaltigt wird und das gleichzeitig abstoßend und erregend findet. Daneben trifft sie in ihrem Heimatort einen ehemaligen Klassenkameraden ihrer Schwester, dem sie von ihrem sexuellen Hunger erzählt und der von da an immer versucht, sie ins Bett zu bekommen, aber entweder zu betrunken ist oder sie einfach nur umarmt werden muss, weil sie mit allem nicht mehr klarkommt. Schlecht für ihn, egal für sie, sie hat ja den Cowboy.

Im Programmheft stand ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Autorin. Sie schrieb das Stück als sie 27 war, ihr Vater Krebs hatte und sie das Gefühl hatte, ihr ganzes Leben gegen die Wand gefahren zu haben. Dazu war sie Single und unterdrückte ihre eigene Sexualität. Also begann sie, Fragmente zu schreiben und diese dann zu einem Stück zusammenzuschließen, das ihre Situation darstellen sollte – aber eben unverfälscht und autobiograpisch, nicht mit einem späteren Blick nach außen. Doch wie Marc-Uwe Klingt bereits schrieb: Das Leben schreibt zwar manchmal interesannte Geschichten, erzählt sie aber furchtbar bedeutungslos und langgezogen. Wir beide hatten in den zwei Stunden niemals das Gefühl, eine Identifikationsfigur auf der Bühne zu haben, Leute redeten aneinander vorbei oder auch gar nicht, alles war sehr naturalistisch und realistisch angelegt aber eigentlich passierte wirklich nichts. Nach 5 Minuten verstand man die Lage von Mae und ab dem Moment bemitleidete ich nur noch die Lage des Vaters, der sich neben dem Krebs noch mit seiner Tochter herumschlagen muss, die nicht bereit ist, irgendetwas an ihrer Situation zu ändern – all das machte mich vor allem traurig. Als der Vater am Ende starb, wirkte das Stück in sich wenigstens konsistent – auch wenn alles bergauf geht, geht es gleichzeitig auch immer bergab. Und gegen Ende hatte Mae wenigstens diesen einen intimen Moment mit ihrem Vater, als sie Lebewohl zueinander sagten. Die inszenatorische Entscheidung, noch während seinem Abgang ein Pop-Lied aufzulegen und Leute auf der Bühne tanzen lassen, kann und will ich aber nicht gutheißen. Ich verließt das Theater mit dem fixen Gefühl, nun wird gefeiert, dass der alte Mann endlich tot ist, nun sind alle Sorgen weg und man kann sich betrinken. Klar sollte die Aussage wohl sein, es geht weiter und „alles wird gut“ – allerdings nahm das Stück sich sehr viel Zeit zu zeigen, dass nichts vorran geht und leider gar keine, um den schmerzhaften Prozess von Trauer und Depression zu dem ersten Sonnenaufgang seit langer Zeit zu zeigen.

Dazu kam die Geschichte mit der Sexualität und dem Cowboy. So sehr das Stück sich auch bemühte, weibliche Sexualität ernstzunehmen, so sehr arbeitete die Inszenierung dem entgegen.  Diese Szenen waren fast schon Sitcom-artig gestaltet und wurden für billige Lacher im Publikum missbraucht. Haha, eine Frau steht auf einen Cowboy, der sie mal so richtig durchnehmen kann, wie lustig. Dass all diese Szenen zutiefst traurig waren und Mae sich eigentlich nach Geborgenheit sehnte und nicht nach billiger Körperlichkeit wollte die Aufführung nicht wahrhaben. Selbst der letzte Moment, als der Cowboy sie letztlich von hinten nimmt und mehr vergewaltigt, was in ihrem Kopf passiert und zu einer Masturbation ihrerseits geschieht, wird zur Lachnummer. Wenn diese Inszenierung etwas nicht machte, dann war es die Sorgen und Probleme ihrer Protagonistin ernstzunehmen, sondern kümmerte sich vor allem um den Comic Relief. Fast als wäre man erleichtert, dass neben der harten Haupthandlung hier etwas geboten wird, das das Publikum ENDLICH zu Lachen bringen kann. Hier konnte man gut sehen, was passieren kann, wenn Theater in privater Hand liegt und gewinnorientiert ist und damit sein Publikum unterhalten MUSS. Die Experimente gehen verloren und das Theater traut sich nichts, was nicht garantiert ein Publikumserfolg sein könnte.

Nach dem Stück gab es eine Post-Show Diskussion. Hier wurde uns klar, was wir während dem Stück schon erwarteten. Unser Art, Theater zu sehen, hat sich aufgrund unserer Seherfahrung in Deutschland und auch im Rahmen unserer Studiums so geändert, dass wir mit einem gänzlichen anderen Auge auf Theater blicken als der amerikanische Standardzuseher. Die Diskussionen drehten sich darum, ob ihr Vater nun wohl wirklich gestorben war (Man sah es ja nicht, er ging nur von der Bühne!) oder was das Ende des Stückes uns wohl sagen wollte. Hier wurde eigentlich nur fein säuberlich eine Deutungsabsicht vorgelegt, dass die Leute, die in dem Stück wohl offensichtlich zwei Stunden schliefen nach Hause gehen konnten und wussten, was sie jetzt denken sollten, obwohl auch die Aufführung das ja mehr als plakativ darstellte.

Im griechischen Theater bedeutete der Auftritt einer Figur von rechts, dass sie aus Sparta kam, von links aus Athen. Die Codifizierung in You got older war im Verhältnis gesehen wesentlich einfacher. Da die Umbauten zugunsten des naturalistischen Bühnenbildes kurz gehalten werden sollten, kamen die beiden Hauptsettings Esszimmer und Pub von rechts und links auf de Bühne gefahren. Ähnlich wie bei The Antelope Party wurde auch hier während dem Umbau Musik eingespielt und das Licht gedimmt (Während Mae sich meist etwas anderes anzog, um ihre körperliche Verletzlichkeit weiter zu zelebrieren). dem Zuschauer wurde also sofort klargemacht, wann eine neue Szene beginnt und wo sie spielt, nur anhand der Einfahrt der Requisiten. Auf der einen Seite hatte das die Stärke, die auch das griechische Theater bereits hatte – man muss nichts etablieren, sondern die Bühnenseiten sind bereits codifiziert und bedeutungsgeladen. Auf der anderen Seite wurde dem Publikum hier wirklich jede Bedeutung ohne Reflexion geliefert. Und  trotzdem verstand das Publikum sie teilweise nicht.

The Antilope Party – Wit Theatre

Auf das gestrige Stück freute mich mich ganz besonders. Amerikanische Gesellschaftskritik trifft auf „My little Pony“ – das klingt doch in vielerlei Hinsicht vorzüglich! Deswegen war ich Nic sehr dankbar, das Stück gefunden zu haben und ging voller Vorfreude zum Theater in einer Neighbourhood, die sehr theaterlastig war. als wir unsere Karten holten und eine kleine MLP-Figur bekamen, freute ich mich sehr – alles was sehr stimmig. Wir betraten das Theater, am Boden unechter grüner Rasen ausgelegt, alle Wände zeigten Bilder aus einem Industriegebiet, einer heruntergekommenen Stadt im Rust Belt der Vereinigten Staaten. Der Publikumsraum war gespickt mit ebenso heruntergekommenen Straßenlaternen. Doch das eigentliche Zentrum der Bühne war anders – ein Raum in einer kleinen Wohnung, Wohnzimmerartig. Alles dort war bunt, Regenbogenvorhänge, Party-Lichter, die bunte Stroboskope überall, nicht zusammenpassende Möbelstücke, die billig zusammengestellt wurden, aber sowieso kaum zu sehen waren, weil sie gänzlich mit Plüsch-Ponys in allen Größen, Formen und Farben gespickt waren. Währenddessen lief typische amerikanische Country-Musik, die sich nicht so ganz in den Raum einfügen wollte.

Da das folgende Stück vor allen durch das Buch brilierte, möchte ich die Handlung hier kurz umreisen. Fünf Freunde leben in einem Stadt mit immer weiter ansteigenden Kriminalitätsrate, sie haben Angst um ihre eignen Jobs und die Wirtschaftsspirale ist auf einem Abwärts-Weg. Doch all das ist unseren Protagonisten, nicht so wichtig, denn sie haben sich gegenseitig und ihre Freundschaft. Da Stück beginnt mit einer rührenden Rede von Shawn in einem sehr rosanen Pinky-Pie Kostüm, in der er erzählt, wie berührt er ist, in der Brony-Gruppe aufgenommen worden zu sein, die ihn umgibt, dass all seine Freunde hier sein Leben verändert haben, dass er sich sicher fühlen kann, obwohl er sich draußen verstecken kann – hier in der Wohnung von Ben mit den anderen kann er sein, wie er wirklich sein möchte. Ganz stimmig wirkt die Situation aber nicht, denn neben 2 Männern und 1 Frau, die sehr auffällig ponyig gekleidet sind, sitzt eine weitere Frau auf einem Stuhl und scheint sich eher unwohl zu fühlen. Als der rosane Redestab zu ihr kommt und sie endlich erzählen darf, was ihr auf dem Herzen liegt, offenbart sie dass ihr Erscheinen ein Versehen war. Nach den schrecklichen Geschehnissen von 9/11 gab es die Truth-Bewegung, die aufdecken wollten, dass diese schreckliche Tat ein Inside-Job war – sie ist ein Teil davon gewesen, bis sich alle trennten, weil die Regierung hinter ihnen her war und es nicht mehr sicher war, sich zu treffen – so erzählt sie zumindest. Als sie das und Plakat der MLP-Meeting-Group sah, entdeckte sie dort eine geheime Botschaft und hoffte, ihre Freunde wären undercover unterwegs und tarnten sich – welcher erwachsene Mensch würde schon auf eine Kinderserie stehen? Sehr zerknirscht, enttäuscht und der festen Überzeugung, ihre Verschwörungskumpanen jemals wiederzusehen verabschiedet sie sich.

Unsere Bronies und Pegasisters sind etwas verwirrt, haben aber wenig Zeit, den Vorfall zu reflektieren, denn Doug, ein weiteres Mitglied erscheint aufgewühlt und erzählt, dass Maggie von der Neighbourhood-Watch gefangen genommen wurde – einer Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, da die Polizei mit der Situation, all den Fremden und Obdachlosen in der Stadt nicht mehr klarkommt. Da unsere Bronies auch anders und ganz speziell sind, haben sie Angst, ebenfalls als Bedrohung wahrgenommen zu werden und Ärger zu bekommen. Maggie textet relativ schnell, dass alles ok ist und sie nur auf eine Pizza eingeladen wurde, sie kommt dann etwas später zur Gruppe dazu, möchte aber nicht über das Passierte reden. Doug ist sehr besorgt und kauft ihr nicht ab, dass alles ok ist – er geht und ist sehr enttäuscht. Die anderen verbringen den Abend mit einem Rollenspiel – ein jeder spielt einen der Charaktere ihrer geliebten Serie und sie bestreiten Abenteuer in Equestria – Pen and Paper lässt grüßen. Noch können sie den aufgehenden Schatten ignorieren, doch bald verschärft sich die Situation.

Shawn begleitet Maggie nach Hause, sie erzählt ihm, dass ihr Vater ein wichtiger Teil der Neighbourhood Watch ist und sie von ihrem Cousin aufgegriffen wurde, den sie schon länger nicht mehr sah. Sie relativiert all das Geschehene nochmal, da man in den schweren Zeiten ja auch Menschen bräuchte, die die Stadt vor all dem drohenden Unheil beschützen – die Welt sei nunmal nicht mehr so sicher wie früher. Am gleichen Abend wird Doug aufgegriffen und bedroht – er solle doch so spät nicht alleine unterwegs sein – kommt aber einer Prügelei mit der Watch davon, indem er kooperiert und nach Haus geht.

Die Handlung macht einen Zeitsprung, drei Wochen später sind Shawn und Maggie ein Paar und Doug hat sich schon lange nicht mehr bei den Treffen blicken lassen („Three week are a long time in Broniverse…“). Er trifft sich Rachael alias Twilight Sparkle in einen Restaurant und erzählt ihr von all seinen Sorgen – er ist unsicher, wie er mit Maggie verfahren soll, die der Watch so nahe steht, außerdem hat er einmal mit Maggie gekuschelt und das wäre jetzt ja seltsam für Shawn, würden sie sich wiedersehen. Die ruhige und etwas schüchterne Rachael versucht zu schlichten und sagt, dass diese Geheimnistuerei keinen Sinn macht und er zur Gruppe kommen soll – über die Neighbourhood Watch wird aber nicht geredet, diese Regel haben alle gemeinsam beschlossen. Eigentlich zwar eher Maggie allein, aber man möchte keinen Konflikt, der die Magie der Freundschaft gefährden würde. Doug rafft sich auf und kommt zum Treffen, redet aber doch über seine Sorgen und wird dafür vorerst stark kritisiert, Maggie allerdings öffnet sich nun und erzählt allen, was ihre Beziehung zur Watch ist und dass sie zusammen mit Shawn nun eingetreten ist – wenn eine Entwicklung einem nicht gefalle, sollte man sie aktiv verändern – denn auch in all diesem Menschen stecke ein magic pony. Doug wirkt nicht überzeugt, Rachael sogar entsetzt doch niemand sagt etwas.

Ein paar Tage später eskaliert die Situation – der übergewichtige und schwarze Ben wird von der Antelope Party (wie sich die Watch mittlerweile nennt) aufgegriffen und verprügelt. Er kommt mit blutender Nase in sein Apartment, Shawn im Schlepptau. Dieser versucht die Situation zu relativieren und den Täter als Einzeltäter darzustellen, mit dem der Rest der Party nichts zu tun hat. Später kommen die anderen dazu, sind entsetzt und wissen nicht was zu tun. Just in diesem Moment bittet Maggie alle, ein Unterstützerschreiben zu unterschreiben, da sich in der Öffentlichkeit niemand traut für oder gegen die Party zu sprechen und sie wissen wollen, wer auf ihrer Seite steht. All die Leute, die das Schreiben ausfüllen sind garantiert sicher, da die Party sich auf ihre Loyalität verlassen kann und sie vor den „Gutterpunks“, dem Abschaum auf den Straßen beschützen kann. Das sei wichtiger als je zuvor, da die Gutterpunks eine große Sache planen, Anschläge, Verbrechen und wer weiß schon genau, was noch. Vor allem Rachael ist sehr unsicher, da auf dem Schreiben auch ihre Adresse stehen soll – sie will sich das ganze lieber ausführlich überlegen doch Maggie und Shawn bedrängen alle – es seien ja nur Formalitäten und sie könnten es sich nicht verzeihen, wenn so etwas wie mit Ben ein zweites Mal passiert.

Nachdem Rachael das Schreiben unterzeichnet, traut sie sich nicht mehr in ihre Wohnung. Sie lebt einige Tage bei verschiedenen Freunden und bittet dann Doug im ein Treffen – außerhalb des Staates, sie fühlt sich nicht mehr sicher, traut sich nicht, etwas gegen die Antelope Party zu sagen, die mittlerweile vollkommen Ernst gemeint ideologisch verbreiten, dass die Guten Menschen von den Antilopen abstammen würden, all die Verbrecher von den Coyoten (Man hätte ja nie gesehen, ob Lincoln keine Hufe hatte – er trug immer Schuhe! Außerdem wurde auch die Geschichtsbücher von jemandem geschrieben und all das was wir denken zu wissen, sind Geschichten wie Märchen es auch sind). Doug ist nun auch Teil der Antelope Party, da es viele Vorteile bietet und er sich nur so gänzlich sicher fühlen kann – er eröffnet Rachael aber, dass er dies nur macht, um besser ermitteln zu können, was sie vorhaben. Rachael traut ihm nicht und sagt einfach nichts mehr, hält sich still und ist gelähmt.

Ein wenig später eskaliert die Situation gänzlich und Gutterpunks und Antelopes stoßen aufeinander – dabei wird ein Mädchen verletzt und muss ins Krankenhaus, beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Shawn kleidet sich mittlerweile gänzlich anders und ist ein hohes Tier in der Party geworden, er braucht eine Bronies nicht mehr, er hat jetzt eine neue, bessere Gemeinschaft – dennoch trifft er sich mit ihnen, da es irgendwo einen Spion gibt und er niemandem vertraut. Er behandelt Maggie extrem herablassend und wirft ihr vor, sie halte ihn absichtlich klein um sich selbst besser zu fühlen. Nachdem sie ein paar Seiten aus der “Bibel“ der Party reißt, gerät er außer sich und gibt ihr eine Ohrfeige, woraufhin sie wegrennt.

Die Treffen der MLP-Gruppe sind mittlerweile sehr karg geworden. Niemand traut sich mehr, die farbenfrohen Kostüme zu tragen, niemand traut sich mehr, etwas zu sprechen, niemand traut sich mehr, nicht konform zu sein. In diese Situation stürmt Jean – wir kennen sie vom Anfang als 9/11-Truther! Sie hat beschlossen, ihre alte Welt hinter sich zu lassen, sie möchte Teil der Gemeinschaft sein, sie möchte Apple-Jack sein, genau die Rolle die der Gruppe noch gefehlt hätte, um das Rollenspiel zu komplementieren. Doch die Gruppe ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und Shawn erinnert sich, dass Jean das erste Mal erschien als Maggie von den Gutterpunks entführt würde! Das war doch so!? Niemand widerspricht ihm, weil er allen im Raum als Führungsperson der Antilope Party Ärger machen könnte. Also wird Jean gefesselt und Rachael bleibt zurück um auf sie aufzupassen. Gegen Ende warten beide auf eine Textnachricht von Doug. Sobald er schreibt, dass die Luft rein ist, werde sie Jean losmachen und sie könnten gemeinsam nach Kanada fliehen, raus aus der Hölle. Doch Doug schreibt nicht, stattdessen kommt Maggie und möchte sich bei Rachael entschuldigen. Sie ist entsetzt, Jean gefesselt zu sehen und möchte sie losmachen, Rachael auch. Beide haben aber Angst, dass die jeweils andere sie testet – so stehen sie da und tuen nichts, bis gegen Ende die Tür klingelt…

Das Buch des Stückes war in vielerlei Hinsicht sehr eindrucksvoll geschrieben, manchmal schoss es allerdings über das Ziel hinaus (Villeicht bin ich als Deutscher die Nazi-Keule aber auch einfach so sehr gewohnt, dass mir etwas mehr Subtilität an manchen Stellen gut getan hätte). Dass die Bronie-Gruppe schon von Anfang an ihre eigenen Konflikte hat und alle versuchen, übertrieben freundlich und höflich miteinander umzugehen befeuert all die kommenden Probleme – man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Radikalisierung der Gruppe zufällig oder willkürlich passiert – jeder hat seine eigenen Probleme und Sorgen, die ihn anfällig machen. Maggie hat die familiäre Vorbelastung, Shawn möchte Anerkennung, Ben ist schwach und Teil einer Minderheit, Rachael traut sich nicht, zu widersprechen und Doug… Doug ist undurchschaubar und arbeitet vor allem seinem eigenen Vorteil zu.

Leider war die Schauspielleistung an manchen Punkten nicht gänzlich überzeugend, weswegen manche der rollen nicht die Tiefe bekamen, die sie verdient hätten und die das Buch hergegeben hätte. Auch das Abdunkeln der Bühne und Szenenumbauten bei Musik brachten mich immer wieder aus dem Bühnengeschehen was sehr schade war, da das Stück so viel Potential vergeudete, das da gewesen wäre. Ein absoluter Glückstreffer war allerdings die Schauspielerin von Jean, die ihren Wandel und ihre Motive eindrucksvoll auf die Bühne brachte und damit den restlichen Cast gegen die Wand spielte.

Insgesamt wusste das Stück nicht genau, ob es eine Komödie sein wollteund satirisch arbeiten oder sich ernst nimmt und gesellschaftskritisch die Keule austeilt. Aber villeicht ist diese fehlende Subtilität auch genau das, was Amerika und auch Deutschland zurzeit wirklich braucht. Dass der Stoff fast eins zu eins auch auf Deutschland und eine Partei mit dem Anfangsbuchstaben A übertragen könnte zeigte, dass Angst und effektives Werkzeug ist und man sich ihr auf keinen Fall ergeben sollte. Denn Friendship is Magic. Allerdings nur echte Freundschaft, echtes Vertrauen in sich selbst, in einander und in die Welt. Dazu muss manchmal auch gehören, dass Themen angesprochen werden, die man villeicht nicht hören möchte, weil sie einen verunsichern oder verärgern.

Claire Cunningham & Jess Curtis: The way you look (at me) tonight

Wann beginnt ein Theaterstück? Oder sollte man lieber Aufführung sagen? Das war eine der Fragen, die gestern nach der Performance von Claire Cunningham und Jess Curtis „The way you look (at me) tonight“ durch meinen Kopf gingen. Das Bühnengeschehen war nicht nur aus dem Leben gegriffen, sondern ein solcher Teil davon, dass es sich einen Platz im persönlichen Narrativ meines Lebens geschaffen hat und wohl schon ab dem Moment losging, als wir die Karten dafür kauften.

Nach einer ziemlich spontanen fixen Idee, nach Chicago zu fliegen, inmitten dieser großen Schneewüste, umgeben von Kälte uns Eis, buchten wir die Tickets für verschiedene Shows, da wir einige Theaterstücke sehen und unsere Theatererfahrungen erweitern wollten – das hier beschriebene Stück sollte das erste sein. Vor mittlerweile fast 4 Tagen begannen wir unsere Reise in zwei verschiedenen Flixbussen nach Prag, gelangten vom HBF zum Flughafen, versuchten dort mit mäßigem Erfolg ein wenig zu schlafen, flogen nach London und dann weiter nach Chicago. Bis wir in unserem Hostel waren, betrug die Reisezeit ca. 37 Stunden und dennoch war es gerade erst früher Abend. Die Zeitverschiebung kommt mir gerade auch beim Schreiben dieses Textes zugute – es ist nicht einmal 7 Uhr morgens und ich schreibe, weil ich das Gefühl habe, meine Erfahrungen in Worte fassen zu wollen. Dieses spezielle Mal auch tatsächlich nur Worte, ich habe das Gefühl, Bilder können nicht beschreiben, was ich ausdrücken möchte, außerdem möchte ich an meinen Worten etwas arbeiten.

Ich weiß nicht einmal genau, wie ich nennen soll, was ich hier gerade mache – eine Review oder Kritik wird es nicht werden, eher ein Erfahrungsbericht. Deswegen beschreibe ich explizit nicht nur die Performances, die wir sehen. Auch alle anderen Erfahrungen sind einer Erwähnung wert – beispielsweise, dass der Lake Michigan zugefroren ist und Chicago an einer seiner Seiten tatsächlich einfach zu enden schient und dort eine endlose weiße Fläche zu sehen ist, die der Animator bisher wohl noch nicht gefüllt hat. Oder auch, dass ich noch nicht ganz realisiert habe, wie weit weg von Bayreuth und Regensburg wir doch sind – abgesehen von der Möglichkeit, Taco Bell Tacos genießen zu können und keine Möglichkeit zu haben, sich gesund zu ernähren. Fairerweise muss man aber dazu sagen, dass wir so viele Supermärkte noch gar nicht probiert haben, insoweit heißt es, die Hoffnung noch nicht gänzlich aufzugeben. Achja, ich sollte noch erwähnen, das der Urlaub für mich bisher unter dem Motto „Jonas lässt überall Süßigkeiten rumfallen und isst sie trotzdem“ steht – ich versuche aber daran zu arbeiten.

Nun also spezifisch zu Samstag. Wir verbrachten den Tag im museum of contemporary art, da unser Performance-Ticket uns kostenlosen Eintritt beschaffte. Wie moderne Kunst eben funktioniert, war manches ziemlich gut und durchdachte, hat uns mitgerissen, uns die Möglichkeit gegeben, in Diskussionen zu verfallen und anderes war eher ziemlich pointless. Aber auch ein wichtiger Teil einer solchen Museumserfahrung ist ja immer der Museumsshop und dort fühlten wir uns beide sehr wohl – so verging die Zeit relativ schnell und wir konnten nach einigen hochspannenden Gesprächen das Theater betreten.

Wir wurden nicht durch den Haupteingang hereingelassen, sondern schlängelten uns durch die Katakomben unterhalb des Museums und betraten schließlich nicht den Zuschauerraum, sondern die Bühne. Auf dieser waren gleichmäßig einige Stühle und Kissen verteilt, zusätzlich war der Bühnenraum von Sitzgelegenheiten umgeben. Der eigentliche Publikumsraum war leer und die Stühle starrten die Bühne gewissermaßen an. Sich an die neue Perspektive zu gewöhnen, fiel allerdings kaum schwer, denn die beiden Performer Jeff Curtis und Claire Cunningham waren bereits munter auf der Bühne unterwegs (Er lief mit einem Stück, sie hatte Krücken) und ermunterten die einkommenden Gäste, die sie persönlich begrüßten, die Plätze mitten im Bühnenraum zu nutzen, dabei sprachen sie allerdings die Warnung aus, dass es dort bis zu einem bestimmten Punkt zu Körperkontakt mit den Performern kommen könne. Manche Zuschauer setzten sich eher zaghaft an den Rand, beobachteten lieber, andere reservierten sich Plätze im exakten Zentrum der Bühne. Unschwer zu erkennen, zu welcher der beiden Gruppen wir gehörten.

Der Raum füllte sich mit Menschen und mit Leben, man konnte ein Stimmgewirr wahrnehmen und die Performer nahmen sich mehr und mehr Raum, indem ihre Stimme einen größeren Kreis ansprach. Zuletzt durfte die Stage Managerin/Technikerin nochmal die Bühne sauberwischen, da der schmelzende Schnee eine Ausrutschgefahr darstellte, dann wurde schließlich das ganze Publikum adressiert. Herzlich willkommen geheißen zu diesem Tanzabend. In den einleitenden Worten stellten Jeff und Claire sich vor und erzählten, dass aus Gründen der Barrierefreiheit große Teil des Stückes nicht (nur) getanzt, sondern auch erzählt werden werden und es zu gegebener Zeit an den die Bühne umgebenden Leinwänden Übertitel für all jene, die nicht oder schlecht hören können, geben werde. Da das Stück sich mit dem Thema Behinderung, Handicap und dem daraus resultierenden Anderssein beschäftigte war es wichtig, jeden Menschen unabhängig von Benachteiligungen adressieren zu können. Dementsprechend gemischt war auch das Publikum – eine Frau hatte sogar ihren Blindenhund dabei, der brav und teils sogar hochinteressiert dem Bühnengeschehen folgte.

Ich möchte nicht sagen, dass es nach dieser Einleitung „losging“ – dafür war diese Einleitung schon zu sehr Teil des Stückes. Die beiden Performer begannen, durch den Raum zu gehen, ihre Köpfe seltsam zu verrenken und in regelmäßigen Abständen Push-Ups zu machen (Oder das Pandon dazu, das ihr Körper hergab). Nach einiger Zeit fingen sie an, dazu zu sprechen. Sie erzählten von ihren Erfahrungen, durch die Gehhilfen immer wieder Menschen in ihrem peripheren Sichtfeld zu sehen, die sie anstarrten und wieder wegblickten, sobald die Performer den Blickkontakt suchten – diesen Moment merkten, an dem es unangebracht war, einen anderen Menschen anzustarren und ihn aufgrund dessen mit noch mehr Nicht-Beachtung zu strafen – ein ganz natürlicher Prozess, in dem auch ich mich wiedererkannte. Hier zeigten die beiden schnell, dass ihnen jede Form von Verurteilung des Verhaltens fremd wäre – es ging vielmehr darum, klarzumachen dass ein gänzlich normales Leben mit einer Behinderung nicht möglich ist und dass sichtbare Handicaps natürlich eine Auffälligkeit erzeugen, die nicht immer angenehm ist. Währenddessen liefen die beiden weiter durch den Raum und luden uns Publikum ein, sie nur durch unsere periphere Sicht wahrzunehmen – sie weder direkt anzublicken noch aus unserem Blickfeld zu verlieren – falls doch sollten auch wir ein Push-Up machen, da laut Claire Cunningham eine Aufgabe gekoppelt mit einer Penalty gleich mehr Wettbewerbscharakter hätte.

Auf diese Art und Weise ging der Abend weiter. Da es keine Pause gab und Jeff Curtis am Anfang alle mit einer unruhigen Blase einlud jederzeit die Toilette aufzusuchen, gab es immer wieder ein wenig Fluktuation, der Raum war immer offen und ständig in Bewegung. Die beiden Performer bleibendem Stil treu, irgendwie nicht so richtig „anzufangen“, sondern einzelne Übungen zu zeigen, Tanz zu improvisieren und dazwischen durch den Raum zu laufen und miteinander über persönliche Dinge zu sprechen. So kam die Rede auf ihre Behinderungen Claire Cunningham leidet an Muskelschwäche und Knochenschwund uns ist so schon immer an ihre Krücken gebunden, von denen sie auch immer wieder als eigene Körperteile berichtet, die sie schon immer begleiten – sie kann damit auch Dinge anstellen, die mich immer wieder hinterfragen lassen, ob ich jemanden, der offensichtlich in jeder körperlichen Hinsicht fitter als ich ist, wirklich behindert nennen möchte – trotzdem bracht sie die Krücken um sich fortzubewegen, vor allem über längere Strecken, weswegen sie zumindest ein Hilfsmittel braucht. Wirklich behindern tut es sie aber nicht – sie turnt durch den Raum, springt, macht Drehungen und sieht teilweise wirklich aus, als hätte sie ein Skateboard. Als wäre alles um sie herum ein großer Spielplatz.

Bei einem Tanz beweget sie sich vom einer Person zur nächsten, gänzlich in der Luft, nur ihre Krücken berühren den Boden, das ist einer der intimsten Momente des ganzen Stückes, während dem Alva Noë, der philosophische Berater des Stückes, mit einem sehr existenzialistischen Text auf einer der drei Leinwände zu sehen ist. Alles stimmt in diesem Moment, die Zeit bleibt kurz eingefroren und ich habe das Gefühl, ein Puzzleteil vor mir zu haben, dass sich in mein persönliches Leben perfekt einfügt.

Neben Claire Cunningham, die neben der Performance auch für die Choreographie und Entwicklung verantwortlich ist, nimmt Jeff Curtis als Performer einen großen Raum der Aufführung ein. Er ist ein Tänzer, weiße Haare, wohl etwa 50 Jahre alt und hat eine Hüfte aus Titanium – sein persönliches Handicap. Er ist einer dieser ewig jung gebliebenen Menschen, er witzelt viel und ist neben der teilweise doch etwas reservierten Schottin Cunningham definitiv in jeder Hinsicht der Amerikaner im Raum. Spannend wird das immer in den Momenten, in denen beide reden und man spürt, dass es eine Verbindung gibt. Einerseits über ihre gemeinsame Leidenschaft, den Tanz, andererseits über das daraus hervorgehende Leiden, abhängig von der tadellosen Funktion des eigenen Körpers zu sein. Die beiden bilden eine Einheit – sie erklärt ihm immer wieder Tricks, mit Krücken umzugehen, er bringt ihr Improvisationsübungen näher, vor allem die Strategie der „Contact Improvisation“. Die erste Regel dabei ist, dass die Tänzer immer in Berührung zueinander bleiben müssen, weiteren Regeln können dazu erfunden werden, um die Improvisation greifbarer zu machen. Einmal wälzen beide sich über den Boden und legen eine unglaubliche Geschwindigkeit durch den Raum zurück, einmal ist er das Bot, auf dem sie durch den Raum schwebt, ohne den Boden zu berühren. Die Tanzeinlagen geben emotional das wieder, das beide dazwischen immer wieder versuchen, in Worte zu fassen. Entgegen der These von Jeff Curtis, dass er glaubt, wirklich NIEMAND würde zeitgenössischen Tanz verstehen, manche tun nur so als würden sie es, spüre ich ein tiefes Verständnis, eine tiefe Empathie für all das, was auf der Bühne um mich herum passiert. Als Claire Cunningham eine Leiter heraufklettert, all ihre Kraft in den Armen und Jeff Curtis einfach nur dasitzt und sie beobachtet wie alle anderen Zuschauer, habe ich das Gefühl, wir sind alle sehr nah beieinander, nicht nur räumlich, auch emotional. Als Jeff Curtis die Theorie der Post-Humanity aufgreift, nach der Menschen nicht da enden, wo ihr Körper aufhört, sondern eine Aura ausstrahlen, kann ich sie förmlich spüren. Als er einen Solotanz tanzt, bei dem es darum geht, bei jedem Schmerz der Hüfte eine andere Bewegung auszuprobieren, die angenehmer ist, spüre ich jeden Stich bei einem falschen Schritt – ich bin mehr als nur dabei.

Hochinteressant ist dann noch das Gespräch der beiden über Sexualität. Hier erzählen beide sehr differenziert von Erfahrungen, die ihr Leben bestimm haben. Claire Cunningham hat das Gefühl, die Krücken desexualisieren sie, weswegen sie es bis heute seltsam findet, als Frau wahrgenommen zu werden – dadurch dass sie nie auf der Straße belästigt wurde, ihr nie nachgepfiffen wurde, hatte sie den Eindruck keine „normale“ Frau zu sein, da diese lästigen Auseinandersetzungen mit Männern ja irgendwie dazugehörten – dachte sie zumindest. Hier wird das ganze Stück extrem aktuell, man kann die Me Too Debatte im Raum förmlich spüren und es verleiht ihr eine ganz neue Komponente, dass Behinderte von ihr gewissermaßen ausgenommen sind, die sie wesentlich weniger als „Beute“ wahrgenommen werden. Auf der einen Seite versteht man Claire, wenn sie all das gerne gehabt hätte, auf der anderen Seite meint sie selbst, dass es viel über unsere Gesellschaft sagt, dass sie sich nicht freuen kann, bei all diesen Belästigungen außen vor zu sein. Die andere Perspektive nimmt Jeff Curtis ein, der sich ganz offen dazu bekennt, gerne auch offensiv zu flirten – seit er einen Stock hat oder zwischendurch auch mal Krücken hatte er nicht mehr das Gefühl, dabei als Mann ernstgenommen zu werden. Was einerseits darin resultierte, dass Frauen keine „Angst“ mehr vor ihm hatten und er sich bis zu einem gewissen Punkt seiner Männlichkeit entledigt sah, andererseits aber gerade darin resultierte, dass wesentlich mehr Augenkontakt erwidert wurde und er das Gefühl hatte, seine Flirtversuche seien insgesamt erfolgreicher. Hier zeigt sich das, was das gesamte Stück aussagt – jede Schwäche kann auch eine Stärke sein und jede scheinbare Stärke kann uns sehr schwach machen.

Als das Stück endet und die beiden sich unter Applaus verbeugen, ist es nicht wirklich vorbei. Viele bleiben auf der Bühne sitzen, reden miteinander, auch die Performer bleiben noch lange auf der Bühne, der Abend will nicht enden. Das war eigentlich die schönste Erfahrung an dem ganzen Stück. Das Gefühl, umgeben zu sein von Menschen, die jetzt noch nicht gehen wollen, weil das Stück nicht enden kann. Weil es ein Stück aus dem Leben ist und damit einfach weitergeht.