Row After Row – Apollo Theatre

Nach 10 Tagen, an denen wir in unserem Urlaub Theaterstücke schauten (im Schnitt 2 pro Tag) kam gestern die letzte und gleichzeitig zwanzigste Aufführung im Apollo Theatre, in dem wir bereits Showtime with Shakespeare sahen. Nach einem sehr schönen, frühlingshaften Tag im Lincoln Park am Lake Michigan und mit Tacos und schrecklichen amerikanischen Getränken neigte sich der Tag dem Ende zu und wir betraten das Theater. Dieses Mal wurden wir nicht in das Haupttheater geführt, sondern in das Erdgeschoss gebeten, da Row after Row im Studio aufgeführt wurde. Das war gleichzeitig der kleinste Theaterraum unserer gesamten Reise mit einer maximalen Auslastung und 56 Personen. Da ich mich während der letzten Tage ein wenig in kleine Theater verliebte, freute ich mich über den intimen Rahmen. Wir betraten den Raum und standen vor einer traditionell angehauchten Kneipe, die so auch in Deutschland hätte existieren können – Holzwand, gefliester Boden, Tisch und Stühle auch Echtholz. Dazu lief Marschmusik und andere patriotische, amerikanische Lieder, die aus der Zeit des Bürgerkriegs, des Civil Wars stammten. Immer wieder ratterte der ganze Raum – die Metro fuhr direkt vor der mäßig gut isolierten Wand vorbei und in regelmäßigen Minutenabständen ratterte und vibrierte der ganze Raum und ich fühlte mich wirklich wie in einer kleinen Bar in einem etwas heruntergekommenen Viertel einer Stadt.

Ort des Geschehens war Gettysburg – ganz kurz für den Kontext: Dort war die größte, entscheidende und verlustreiche Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges, aus der die Union siegreich hervorging und die ein entscheidender Schritt zur Staatsbildung der heute bekannten Vereinigten Staaten war. Jedes Jahr zum Unabhängigkeitstag am vierten Juli treffen sich dort in Gettysburg, einer Stadt mit etwa 7000 Einwohnern, um die 8000 Reenactor, die mit großem Aufwand versuchen, die Schlacht möglichst authentisch nachzustellen. Dabei legen viele sehr viel Wert darauf, dass die Kleidung und Waffen akribisch in die Zeit passen und auch die ethnische Zusammensetzung der Bataillone stimmig ist. für all das geben sie auch viel Geld aus – eine Investitionen von 15.000$ für die gesamte Ausrüstung ist keine absolute Seltenheit. Dieses Spektakel wird jährlich von vielen tausenden Menschen verfolgt und ist eine wichtige Tradition. Die Handlung ist zur Zeit eines dieser Reanactments angesiedelt – nach dem anstrengenden Tag möchten Cal und Tom in ihre Stammkneipe, um das Spektakel bei einem gemütlichen Feierabendbier ausklingen zu lassen. Leider ist hier typischer Stammplatz nicht frei, dort sitzt Leah – auch gekleidet in Kostüm, aber eine Frau. Eine schwarze Frau. Am Stammtisch der beiden. Cal klärt sie freundlich aber bestimmt auf das Missverständnis auf – er und sein Freund säßen schon immer an diesem Tag an diesem Tisch und dass Leah das doch sicherlich verstehen werde. Tom versucht etwas zu verhandeln, da Cal sowohl frauenfeindlich als auch rassistisch rüberkommt. Leah ist zuerst eingeschnappt, bietet den beiden dann aber je einen Platz an. Tom akzeptiert dankend, Cal ist nicht zufrieden, weil das nicht das ist, was er wollte und er scheinbar nicht sonderlich kompromissbereit ist. Er mosert weiter herum und nach einiger Zeit kristallisiert sich sein Problem heraus: er nimmt sein Re-Enactment sehr ernst und hat ein Problem, dass sie als schwarze Frau teilnimmt und ihr Kleidung dann auch noch nicht akkurat ist – ihr Hemd ist offensichtlich 15 Jahre jünger als die Kleidung zur Zeit der Schlacht! Angriffslustig reagiert Leah mit einem großen Haufen Ironie, dass sie als schwarze Frau ja wohl eher auf dem Baumwollplantagen als Sklavin arbeiten solle, um historisch akkurat zu bleiben. Cal versteht die Ironie nicht und dankt ihr für ihr Verständnis, Tom schämt sich für seinen Freund.

Im Laufe des Abends, den die drei nur reden, stellt sich heraus, das jeder sein eigenes Problem und seine eigenen Gedanken mit sich herumschleppt und sie das Gefühl haben, durch das Reenactment jemanden verkörpern zu können, der heldenhaft gekämpft hat und nicht ihr ödes, doofes und anstrengendes Leben innehat. Tom arbeitet als Lehrer im Ort und der Staat beschloss kürzlich einige Budgetkürzungen. Tom muss nun entscheiden, ob er das hinnimmt oder wie einige seiner Kollegen streikt. Da er aber eine kleine Tochter zu ernähren hat, ist die Entscheidung nicht so einfach. Leah muss ihr Leben lang dagegen ankämpfen, wie sie als afroamerikanische Frau behandelt wird. Einmal wurde sie sogar in der U-Bahn attackiert, gegrabscht und konnte sich glücklicherweise wehren. Doch sie hat das Gefühl, einen eigen Kampf kämpfen zu müssen, aus dem es keinen Ausweg gibt. Der einzige, der kein Verständnis zeigt ist Cal. Er reagiert sehr unempatisch, wirft Tom für, seine Ideale verraten zu wollen und sagt Leah, dass die sich nicht so anstellen soll, das bisschen Grabschen sei doch wahrlich kein „Angriff“. Erst ganz am Ende des Stückes kommt heraus, dass er derjenige mit den größten Minderwertigkeitsgefühlen ist. Er hat das Gefühl, in seinem Leben nichts erreicht zu haben, dass alle anderen stärker sind als er, dass er in seinem Job feststeckt. Immer wenn er den General spielt, hat er das Gefühl, etwas zu tun, das irgendeine Bedeutung hat. Deswegen bringt auch auch diese regelrechte Obsession in sein Hobby – im Laufe des Abends findet er heraus, dass Tom den Vertrag mit den Budgetkürzungen dabeihatte und ist ihm darauf den ganzen Abend beleidigt – ein auf gebleichtem Papier via Laserdrucker bedrucktes Dokument, das nicht in diese Zeit gehört, das geht gar nicht! Gegen ende zeigt er jedoch ein wenig Verständnis (auch weil Tom ihm eine ordentliche Schelle verpasst) und gibt zu, sich selbst nicht vorstellen zu können, mit einem solche Problem umgehen zu können. Nachdem Tom die Kneipe verlässt, fragt er Leah, die er wohl auch ob ihrer Stärke bewundert, ob sie Lust hätte, mit ihn auf einen Reenactor-Ball zu gehen. Natürlich müsste man noch was mit ihrer Kleidung anstellen, aber er hätte Kontakte, die ihr da helfen würden und er fände es schön, sie als Freundin dabei zu haben. Sie ist zwar etwas skeptisch, sagt aber, dass man es ja probieren könne.

Gepaart mit dieser Szene im Restaurant, in der die drei Protagonisten eigentlich nur am Tisch saßen wurden immer wieder Szenen aus dem echten Civil War in das Bühnengeschehen eingeflochten. Dabei stellt sich heraus, dass die historischen Figuren, die die 3 darstellen, ganz ähnliche Probleme hatten wie die drei Protagonisten: Leahs Vorbild möchte als Frau kämpfen und muss dafür ständig ihre Identität verleugnen und doppelt so viel kämpfen wie alle anderen. Toms Charakter ist ein Deserteur, der nicht kämpfen möchte, weil er Angst hat, jemanden zu töten – denn jeder könnte unschuldig sein oder Kinder haben. Und Cals General ist ähnlich verständnislos wie Cal selbst. Gegen Ende, in der allerletzten Szene sieht er aber ein, dass die anderen Recht haben könnten. Er weiß eigentlich nicht, wofür er kämpft.

Und so endet unser Theatermarathon mit den Worten „Gute Nacht“ und einem sehr bedeutungsvollem Stück.

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