Message for Details – Shithole

Ich war ein bisschen wehmütig, dass wir das Greenhouse Theatre für längere Zeit wohl nicht mehr sehen würden, trotzdem mussten wir weiter, wir hatten am Abend noch eine Show: „Everyone’s a Lawyer“ – das Konzept klang ganz witzig – 3 Performer würden echte Gerichtsfälle vorgesetzt bekommen und sollten ihre imaginären Klienten möglichst kreativ verteidigen. Das Publikum sollte hierfür in die Rolle der Jury schlüpfen und so einen „Sieger“ küren. Ich freute mich schon, vor allem, was Chicago auch für seine Stand-Up Shows sehr bekannt sein soll. Wir suchten raus, wor wir hinmüssten: The Laugh Factory. Wir lasen es und hatten plötzlich beide keine Lust mehr, so schlecht war die Erfahrung am Vortag in dieser Location. Trotzdem dachten wir uns, wir haben die Tickets gekauft, also lass uns hingehen. Wir waren aber beide sehr unzufrieden damit. Als wir schließlich wieder im Theater saßen und das Set genau wie am Vortag nur aus einem Mikrofon auf einer kleinen Bühne bestand, waren wir uns sehr sicher, uns das nicht nochmal geben zu wollen. In dem Moment fiel mir eine Sache ein: Shithole. Ich las vor einigen Tagen im Internet darüber – es handelt sich um eine Untergrund-Theatergruppe, die in improvisierten Spielstätten irgendwas aufführen – was genau konnte man nirgends finden. Sie haben einen Instagram-Account und kündigen immer am gleichen Tag an, wenn es eine Show gibt – mit der Bitte: „Message for Details…“ – gestern gab es eine Show, also schrieben wir ihnen eine Mail, ob es sich lohnen würde, die Laugh Factory links liegen zu lassen und ob wir es noch schaffen würden, zu ihnen zu kommen. Die Antwort war einfach und effektiv: Yes. Wir sollten zu einer Bushaltestelle im Norden der Stadt fahren und dann eine Handynummer für weitere Details anrufen. Wir suchten die Verbindung raus, 2 Minuten bis Abfahre, wenn wir es noch schaffen wollten. Wir sahen uns nur kurz an, standen auf und verließen die Laugh Factory, stiegen in den Bus, der schon an der Straße wartete und fuhren ins Ungewisse. Schon zu dem Zeitpunkt war die Erfahrung besser als jene, die wir am Tag zuvor in der Laugh Factory machten. wir kamen bei der Bushaltestelle an und wurden in einen Garten in der Nähe gelotst. Dort begrüßte und Zach, freischaffender Künstler in Chicago und einer der Initiatoren von Shithole. 2013 begannen er und ein Freund, geheimes Improvisations-Theater, das keinen kommerziellen Anspruch hat, sondern den Anspruch, Leute zu haben, die unbedingt da sein wollen. Deswegen auch keine Adresse, keine offiziellen Informationen, man muss seine Komfortzone etwas verlassen, um dorthin zu gelangen. Die Show die wir sahen war die 413te und sie fand in Zachs Haus und Atelier oben auf dem Dachboden statt. Das ganze Haus war zugepflastert mit Bildern, Portraits, Materialkunst und weiterem – das meiste von Zach, manches von Gästen des Shitholes. Denn es gibt 3 Möglichkeiten, für die Show zu bezahlen: 1. Bleibe bis zum Ende. Die beste Bezahlung ist Aufmerksamkeit und Zuschauer für die Performer. 2. Gehe früher und spende etwas Geld für Toilettenpapier, etc, um das ganze am Laufen zu halten. 3. Spende Kunst, die in das Haus gehängt werden kann. Auch an den Wänden gab es manche Kritzeleien und wirklich kreative Bleistiftskizzen. Ein Werk, das es mir besonders antat war ein Spiegel mit Text darunter: Die Augen, die in diesen Spiegel schauen, schließen einen Pakt mit den Augen, die ihm entgegenblicken: 1. Du wirst dich selbst wertschätzen und gut finden was du machst. Du wirst Selbstvertrauen haben und alles schaffen, was du angehst. 2. Wenn du das nicht schaffst – nicht schlimm, versuchts nochmal. 3. Wenn du es gar nicht erst versucht, werden nachts kleine Goblins kommen und deine Seele fressen. Dadurch, dass man sich selbst in die Augen blickte, hatte ich das Gefühl, was ich hier sehe, hat eine Bedeutung.

Bevor es losging redeten wir noch mit manchen Gästen und Organisatoren, alle waren sehr erfreut uns kennenzulernen, die meisten waren schon mehr als einmal da, es gab aber auch manche, die zum ersten Mal dabei waren und meist von Freunden von dieser Gelegenheit gehört hatten – wir waren mit die ersten, die tatsächlich über das Internet einen Zugang gefunden hatten. Nun wurde uns auch erklärt, was wir sehen würden: Das Konzept war eine Mischung aus Open-Mic und StandUp, jeder Performer hatte exakt 4 Minuten, das Publikum zu unterhalten, zum Nachdenken zu bringen oder einfach nur Spaß zu haben, es sollten etwa 30 Performer auftreten, dazu saßen etwa 25 Zuschauer im Publikum – der Dachboden war also sehr voll.

Was wir dann sahen, lässt sich schwer beschreiben. Deswegen versuche ich es gar nicht erst. Aber es war wunderschön, so viel junges Talent auf einem Haufen zu sehen, so viel Wertschätzung untereinander – es gab die Regelung, während der Show nicht zu reden, wer das tat, wurde gebeten, zu gehen. Dadurch lag die Konzentration immer auf der Bühne und die Performer waren gezwungen, etwas damit anzufangen. Manche spielten Gitarre und sangen, manche trugen Gedichte vor, manche machte ganz typische Standup Comedy und ich muss sagen, es war nicht alles gut. Aber da man wusste, dass nach spätestens 4 Minuten jemand anders auf die Bühne kommen wird, war das ok und trotzdem applaudierte man der Person für den Mut, auf der Bühne zu stehen. Die Performer waren ganz wild gemischt – es gab Anfänger und Profis, die mit dieser Art von Kunst Geld verdienten. Unter anderem war auch einer der „Headliner der Nation“ vom Vortrag auch auf dieser Bühne vertreten. Und tausend Mal besser. Ich weiß nicht, was am Tag davor los war, aber er war energiegeladen, brachte pointierte Witze und behielt die Konzentration des Publikums – vermutlich ist die Antwort hierauf „in der Kürze liegt die Würze“. Ganz spontan ging auch Nic auf die Bühne und bescherte dem ganzen Raum einen besonderen Moment.

Als die Show nach etwa 2,5 Stunden vorbei war, hatten wir eine der kurzweiligsten und buntesten Erfahrungen der Reise hinter uns und ganz als ob der Abend uns ein passendes Ende geben wollte, hatten wir noch eine lebhafte Diskussion mit unserem Lyft-Fahrer zum Hotel. Der erzählte uns zuerst von Underground-Rave-Parties in den 90ern und dass es wirklichen „underground“ aufgrund der sozialen Medien gar nicht mehr geben kann.Aber dass es auch wunderbar ist, dass sich Menschen immer weiter vernetzen. Es gibt jetzt Kryptowährungen und bald sind alle Menschen unabhängig von Regierungen und wir können alle in Frieden leben. Wir kamen dann irgendwie auf Politik und seine Meinung schwenkte völlig um. Weil ganz Europa ja komplett muslimiziert wird und der Islam allgemein ausgerottet gehört und kein Flüchtling es verdient hätte, in eines der zivilisierten Länder einzureisen. Hier widersprachen wir ihm und machten ihm klar, dass er seiner vorigen Aussage auch selbst widersprach. Er erzählte dann von einer iranischen Freundin, die er hatte – hier zeigt er wieder eine sehr differenzierte Meinung und ihm war klar, dass es vor allem Amerika war, die den nahen Osten so destabilisiert haben. Das ganze irritierte mich etwas – vermutlich hatte er seine krasse Flüchtlingsmeinung aus der überspitzten Mediendarstellung. Denn seiner Darstellung nach sähe ganz Europa und vor allem Frankreich ja fast aus wie Syrien und niemand könne mehr sicher sein – eine solche Meinung bekommt man auch dann, wen sie einem auf diese Art und Weise vermittelt wird. So endete der Abend, der eh schon sehr divers war, sehr medienkritisch und mit der Hoffnung, einem Menschen eine etwas differenzierte Meinung näherzubringen.

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