Sunday Worship – United Church of Christ St. Paul


Ich wollte es wirklich vermeiden, komme bei der Besprechung der hier vorliegenden Performance nicht umhin, kurz Peter Brook und sein Buch „Der leere Raum“ zu zitieren. In diesem stellt er die Theorie auf, dass  es so etwas wie heiliges Theater gibt, nach dem sich die Leute sehnen, da die Weltreligionen den Wunsch nach Ritualen, Gemeinschaft und wahrhaftiger Heiligkeit nicht mehr erfüllen können. Dieses heilige Theater behandelt wichtige emotionale Menschen und erfüllt Hoffnung und den Wunsch von Menschen nach einer größeren, mächtigen Macht. Dafür ist es sehr ritualbeladen, wie auch die Mysterienspiele im Mittelalter oder das antike griechische Theater, das neben seiner kulturellen und politischen Funktion auch eine seelische Läuterung der Zuschauer hin zu gottestreuen Kreaturen beabsichtigte, wie Aristoteles schrieb. Was ich mir während der Aneignung all diesen Wissens immer wieder dachte war folgendes: Ist nicht auch Kirche eine Form von wahrhaftigem Theater? Meist sogar Musiktheater, einer fixen Dramaturgie folgend, mit dem großen Vorteil, dass die teilnehmenden Zuschauer häufig genau wissen, was sie erwarten. Ein Theater, das nicht durch eine sonderlich gute Darstellung funktioniert, sondern durch das, was Menschen selbst hineininvestieren.

Wieso dieses Vorwort? Ganz einfach: Nic und ich wollten unbedingt die magische Zahl von 20 Shows während unserem Trip vollmachen und unser Hostel ist ganz in der Nähe der United Church of Christ St. Paul – eben genau diese Kirche, die auch Boy unterstützt hat, die Kirche, die sich bereits 1989 dazu bekannt hat, für Gleichberechtigung zu stehen und die LGBTQ-Gemeinschaft konsequent in die Gemeinde zu integrieren. Eine Kirche, die es sich zum Ziel gesetzt hat, christliche Werte nicht zu propagieren, sondern konsequent zu leben, indem sie Nächstenliebe feiert und allen Menschen die Möglichkeit bietet, einen Anker in der Gemeinschaft finden zu können. Wir beide fanden diese Gemeinde sehr interesannt und beschlossen, einen Gottesdienst zu besuchen, diesen aber auch als Theaterstück zu sehen und somit 20 Stücke gesehen zu haben.
Die Rollenverteilung war recht eindeutig – ein gab einen Menschen, der den Pfarrer darstellte und wie ein Erzähler durch die Aufführung führte. Daneben gab es eine Vorleserin, die einen Bibeltext vortrug und eine Predigerin, die diesen in einen aktuellen Kontext brachte. Trotz einer sehr strikt durchkomponierten Dramaturgie mit Liedern, Gebeten, Ankündigungen und Zwischenliedern gab es Raum für Improvisation und Publikumsbeteiligung. So saßen wir nicht die ganze Zeit strikt auf unseren Plätzen, sondern standen zwischendrin immer wieder auf, um unsere Beteiligung an der Performance darzulegen. Gleich zu Beginn begrüßten sich die Gemeindemitglieder, gaben sich gegenseitig die Hand, wir redeten ein wenig darüber, wo wir herkamen und lernten viele sehr herzliche Menschen kennen, die sich freuten, uns einmalig dabei zu haben. Die Musik war sowohl zeitgenössisch als auch konservativ — die Lieder wurden abwechselnd von Orgel und Kirchenchor und Jazzensemble dargeboten – ich persönlich fühlte mich sehr an Gottendienste in meiner Jugend erinnert und fühlte mich sehr wohl in der Gemeinschaft, konnte ein wenig meditieren, meine Gedanken schweifen lassen und bemerkte, wie sehr ich diesen wöchentlichen Ruhepool vermisste – villeicht suche ich mir ein Bayreuth endlich doch eine Gemeinde, mit der ich mich identifizieren kann.

Der Bibeltext kam aus dem neuen Testament und verfolgte die Geschichte eines Jesus an einem Sabbath. Er besuchte einen Brunnen, dem heilsame Kräfte nachgesagt wurden und um den sie die Armen und Kranken sammelten. Ein besonders gebrechlicher Mann hat nicht einmal die Möglichkeit, in die Nähe des Brunnen zu kommen, da er nicht laufen kann. Jesus sagt ihm, er solle aufstehen und gehen, das Mann macht das. Einige Juden sind sehr verärgert darüber, da der Mann an Sabbath nicht gehen soll und Jesus ebenfalls arbeitete, indem er ihn heilte. Jesus erwidert darauf nur: Mein Vater gönnt sich auch keinen freien Tag, wieso sollte ich also eine Pause machen, die Welt ein Stück besser zu machen?

In der folgenden Predigt interpretierte die Pastorin den Taxt auf eine spannende Art und Weise um. In der Einleitung erzählte sie vom Ganges, den sie bei einem ihrer Indienaufenthalte (die Kirche unterstützt dort soziale Projekte) besuchte. Dieser Fluss soll heilige, heilende Kräfte haben und viele Menschen baden sich dort voller Hoffnung, ganz unabhängig davon, dass der Fluss eigentlich nur ein großes Drecksloch ist, das voller Krankheiten ist. Doch die Hoffnung vor allem der armen Menschen reicht, um einen verzweifelten Versuch zu unternehmen, sich dort Heilung zu verschaffen, die sie aufgrund von ihren materiellen Mitteln nirgendwo anders bekommen. Hier schlug die Predigt einen Bogen zum amerikanischen Gesundheitssystem, in dem arme Menschen auch häufig nicht die Möglichkeit haben, die Hilfe zu bekommen, die sie verdient hätten. Sie prangerte die Falschheit dieses Systems an, in dem Menschen an einen dreckigen, gefährlichen Fluss verwiesen werden, weil man sie nicht haben möchte, weil sie sich die Behandlung nicht leisten können oder nicht ins System passen. Auch der Brunnen in der biblischen Geschichte ist genau das – dort wird der „Abschaum“ der Gesellschaft hingeschickt, den alle anderen aufgegeben haben und den man am Besten aus dem Sichtfeld verbannen möchte. Doch glücklicherweise gibt es Menschen, die bei diesem System nicht mitmachen – in der Geschichte eben Jesus, der dem Kranken sagt, er soll gehen, er soll aufstehen und sich gegen das System wehren. Hier fand ich sehr spannend, dass sie die Heilung des Mannes weniger physisch als eher psychisch interpretierte. Dadurch nahm sie Jesus seine magischen Kräfte, Mensche durch Handauflegen heilen zu können, machte ihn aber zu einem Vorbild, der anderen Menschen half, den rechten Weg zu finden, etwas richtig zu machen. Ein anderes solches Vorbild war Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Palliativ und Hospizmedizin. Saunders studierte in Oxford, C.S. Lewis war ihr Englisch-Dozent. doch sie hatte das Gefühl, etwas besseres für die Gesellschaft tun zu müssen und wurde Krankenschwester. Sie bemerkte, dass viele Ärzte die todkranken Patienten einfach aufgaben und alleine sterben ließen – sie hatten wichtigeres zu tun und wollten die armen leidenden Menschen am Besten nicht mehr in ihrem Blickfeld haben – Cicely Saunders konnte das nicht lange ertragen. Also stand sie auf und kämpfte gegen das System, in dem sie Liebe zeigte und eröffnete ein Hospiz, wurde zur Ärztin und engagierte sich Zeit ihres Lebens für ihre Sache. Zum Abschluss ermutigte die Pastorin uns alle, uns für Dinge zu engagieren, die wir ändern wollen – jeder noch so kleine Schritt sei wichtig. Außerdem bat sie uns, den protestierenden Schülern in Florida und ganz Amerika beizustehen – was sie gerade taten sei mutig und wichtig, um die schrecklichen Waffengesetze endlich zu ändern.

Nach dem Gottesdienst kamen alle noch zusammen, tranken Kaffee, aßen Kuchen und redeten miteinander. Nic und ich mussten relativ bald weiter und trotzdem war ich froh, diese Gemeinschaft zu fühlen und inspiriert worden zu sein, aufzustehen und Dinge zu verändern. Welche genau, weiß ich noch nicht genau, aber min derzeitiges Theaterprojekt ist sicherlich ein erster Anfang, in den ich nun noch mehr Energie stecken möchte.

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