Traitor – Red Orchid Theatre

Nach der mittelmäßigen Erfahrung in Liberators machten wir uns nach einem kurzen Essen auf den Weg zum Red Orchid Theatre, um uns dort in die Warteliste der Abendperformance von Traitor eintragen zu lassen. Dort war alles geschlossen, doch wir liefen 3 Schauspielerinnen in die Arme, die uns sagten, dass wir sehr sicher noch reinkommen würden und sie sich sehr geehrt fühlten, Gäste aus dem fernen Deutschland zu haben. Erfreut über die herzliche Begrüßung saßen wir noch ein wenig herum und ich versuchte, die Reviews irgendwie aufzuholen.

Traitor wurde inszeniert von Michael Shannon, den einige von euch potentiell aus Film und Fernsehen kennen, mit dem sehr kleinen Red Orchid ist er seit der Gründung des Theater eng verbunden und spielt dort regelmäßig. Traitor war eines der ersten Stücke, die er inszenierte, es basiert auf „Ein Volksfeind“ von Ibsen, ein Stück, dass aufgrund der Wahlergebnisse in der amerikanischen Theaterszene derzeit insgesamt sehr beliebt ist. Traitor basierte im Wesentlichen auf der Handlung des Ibsen-Stückes und transportierte diese in eine zeitegnössischere Umgebung – den kleinen Ort East Lake.
Dort lebt der Science-Teacher Dr. Tom Stock gemeinsam mit seiner Frau Karla und den beiden gemeinsamen Kindern Randal und Molly. Tom unterrichtet in einer Charter-School in Ort, deren Gründung er entscheidend mitgestaltete und für die er nach langer Abwesenheit wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte. Während er für das College damals wegzog, blieb seine Schwester dem kleinen Ort immer treu und ist mittlerweile Bürgermeisterin. Zu Beginn des Stückes befinden sich Karla und ihre Freundin Madison, die für die örtliche Zeitung arbeitet bei Karla zu Hause und bereiten Tacos für die Familie vor – es ist Taco Tuseday. Dabei unterhalten sie sich über alles möglche und nach und nach füllt sich der Raum. Neben Tom und Randal kommt auch Patty, die Bürgermeisterin zu Besuch und auch Walter, ebenfalls Journalist der ansässigen Zeitung zu Besuch. Man merkt sehr schnell, dass Walter und Patty nicht gut miteinander klarkommen und sich gegenseitig misstrauen, weswegen sich Patty auch irgendwann verabschiedet. Als der Abend weiter voran schreitet kommt auch Molly nach Hause und hat einen Brief für Tom dabei, auf den dieser scheinbar sehnlichst gewartet hat. Tom versammelt die ganze Familie aufgeregt im Wohn/Esszimmer und erzählt ihnen die großen Neuigkeiten. Ihm sei aufgefallen, dass seine Schüler in letzter Zeit unaufmerksam gewesen seien und sich nicht konzentrieren konnten. Also gab er bei einem Freund ein chemisches Gutachten des Grundwassers in Auftrag und es kam heraus, dass der Blei-Wert viel zu hoch sei und sich wohl alle eine Bleivergiftung zugezogen hätten und die Schule sofort schließen müsse. Karla reagiert sehr skeptisch, da Tom schon öfter versuchte, irgendwo eine Verschwörung aufzudecken, wo keine war. Außerdem ist die Schule der einzige Grund, wieso der Ort nicht total in der Senke verschwindet – wenn die Vergiftung sich bewahrheiten sollte, müsste die Schule für mindestens 2 Jahre geschlossen werden – das Todesurteil für das Dorf. Walter auf der anderen Seite wittert eine große Geschichte und sieht seine Chance, sich und sein Blatt mit einer Skandalgeschichte zu profilieren und überzeugt Tom, dass dieser sofort an die Presse gehen solle und die Politik unter Druck zu setzen, ehe diese wichtige Geschichte in der Versenkung verschwinde und Tom beginnt einen Artikel zu schreiben.

Am nächsten Morgen hat die Geschichte sich aufgrund von Mund-zu-Mund Propaganda bereits soweit ausgeweitet, dass Patty ihren Bruder Tom besucht und ihn bittet, zuerst abzuwarten, was eine offizielle Messung ergeben würde, ehe der seinen Artikel veröffentlicht. Tom wirft ihr vor, nur das schlechteste für die Stadt zu wollen, woraufhin Patty entrüstet reagiert, dass sie East Lake nicht direkt nach der Highschool verlassen hätte. Tom sagt aber, dass durch seine Weiterbildungen die Gründung der Schule überhaupt erst möglich war und er doch damit viel mehr für die Stadt gemacht hätte. Patty droht Tom, dass er als städtisch Angestellter seinen Job riskiere, würde er an die Presse gehen. Währenddessen platzt auch Howard, Karlas Vater in die Szene und bedroht Tom, da er einer der größeren Investoren der Schule ist und keine großen Verluste machen möchte. Karla versucht weiterhin, zu deeskalieren, über den ganzen Trubel vergessen alle Randal, der viel zu spät in die Schule kommt. In der nächsten Szene verstricken sich die Fäden noch weiter. In einem Cafe trifft sich Walter mit Patty, um für seinen Artikel ein offizielles Statement, die ist außer sich vor Wut, auch weil sie den Streit mit ihrem Bruder noch nicht verwunden hat. Trotzdem versucht sie, zum Wohle der Stadt deeskalierend auf Walter einzureden. Tom betritt das Cafe und Patty versteckt sich – Walter schlägt sich sofort auf dessen Seite und irgendwann kommt Patty dazu und alle reden emotional aufeinander ein und beschuldigen sich mit Vorwürfen, ohne dass einer bereit ist, von seinem Punkt abzuweichen. Irgendwann kommt Karla dazu und trennt Patty und Tom und fährt diesen nach Hause, weil er High ist und den ganzen Tag nicht in der Schule war. Molly verbleibt im Cafe und fragt Walter, wieso dieser ihrem Vater hilft. Walter druckst ein wenig herum und gibt schließlich zu, dadurch auch an sie herankommen zu wollen. Sie reagiert entsetzt – er sei 25 Jahre älter und sie homosexuell – sie nimmt ihm also jede Hoffnung auf eine diesbezügliche Zukunft.

Hier muss ich eine kurze Zwischenbemerkung zur Inszenierung anbringen. Das ganze Theater war sehr klein und fasste villeicht 50 Leute, die im Halbkreis um die Bühne herumstanden. Die Bühne war ganz im Sinne Ibsens extrem naturalistisch gebaut – bis ins kleinste Detail war dort das Wohn/Esszimmer der Familie Stock abgebildet – die Küche funktionierte und die Tacos, die alle aßen und den Kaffee, der gemacht wurde war gänzlich echt, das Essen dampfte sogar noch. Man konnte den Schauspielerin teilweise bei der Arbeit in die Computer schauen, sie tippten in dem Moment gänzlich authentisch wirklich vor sich hin und es würde mich nicht wundern, wenn auch der Alkohol echt war. Da das Schauspiel extrem authentisch war, hatte ich als Zuschauer wirklich das Gefühl, mitten in dem Haus mit all den seltsamen, durchgeknallten Menschen zu sitzen, wodurch ich das Gefühl hatte, sie wirklich zu kennen und an ihrem Leben teilzuhaben. Dadurch wurde die ganze Erfahrung, alle Argumente irgendwie verstehen zu können und trotzdem das Verhalten alle Beteiligten auch nicht immer gutzuheißen extrem lebendig. Diese Prinzip wurde in der Pause noch weiter auf die Spitze getrieben. Wir wurden nämlich aus dem Theater herausgeführt und sollten auf der Straße ein Gebäude weiter einen Raum betreten. In diesem warteten die einzelnen Rollen bereits auf uns und eine Pressekonferenz war aufgebaut. Wir wurden gebeten, Platz zu nehmen und zur Pressekonferenz begrüßt. Dabei waren die Schauspieler mitten unter uns und blieben extrem konsequent in ihrer Rolle, unterhielten sich miteinander, arbeiteten noch an irgendwelchen Notizen – man konnte sie dabei beobachten oder auch nicht, wenn sie zu weit weg waren und das Theaterlebnis war extrem exklusiv, da man Dinge wahrnahm, die andere Zuschauer sicherlich nicht bemerkten.

Mit der Pressekonferenz begann die zweite Hälfte des Stückes. Hier handelte es sich um eine City-Council-Sitzung, in der bestimmte die Stadt betreffenden Dinge besprochen wurden – natürlich war dabei auch die potentielle Bleivergiftung ein wichtiges Thema. Die Präsidentin konnte bei diesem Thema aber kaum Ruhe bewahren, da es immer zu Zwischenrufen kam und das Thema extrem emotional aufgeladen waren – die eine Seite beschuldigte den Stadtrat der Korruption, die andere Seite beschuldigte die Aktivisten, sie wollten die Stadt dem Untergang weihen. Da das Thema so relevant zu sein schien, wurde die Diskussion irgendwann offiziell geöffnet und Tom beantragte, ein Statement vorzulesen. Dieses war sehr wirr und voller Anschuldigungen der Stadt gegenüber – anfangs versucht er noch, sich um Sympathiepunkte der Bürger zu bemühen und seine Schwester zu diskreditieren, später wurden seine Punkte aber immer wirrer und er beginnt davon zu reden, dass er als Wissenschaftler den einfachen Dorfbewohnern überlegen ist und deswegen an der politischen Spitze stehen sollte. Er verwendet eine Hundemetapher – würden die Bürger lieber einen unerzogenen, beißenden, bellenden Hund haben, der sein Geschäft überall hinmacht wo es ihn passt oder einen zivilisierten Hund, der das Beste für das Haus will? Nach entrüsteten Beschwerden schreit er, all hier im Rauem seien Tiere, manche nur zivilisierter als andere. Da er immer lauter schreit und den Stadtrat bedroht, beschließt dieser, ihn von allen weiteren Sitzungen auszuschließen. Als er sich weigert, zu gehen, steht Patty auf und geht wutentbrannt auf ihn zu. Aus einem Reflex heraus steht Madison auf, stellt sich zwischen die beiden und gibt der Bürgermeisterin eine Ohrfeige. Völlig entsetzt und aus Angst vor dem immer größeren, tösenden Chaos zieht der Stadtrat sich zurück und die Zuschauer werden gebeten, den Presseraum zu verlassen. Diese Szene war mehr als eindrucksvoll gespielt und obwohl ich die meiste Zeit gar nicht so genau mitbekam, was passierte, sondern vor allem von Geschrei umgeben war, hatte ich das Gefühl, hier nicht mehr in einem Theater zu sitzen. Sondern wirklich in die Geschichte hineingezogen worden zu sein und von lauter Idioten umgeben zu sein, die nicht sachlich diskutieren wollen, was der beste Kompromiss wäre, sondern sich selbst profilieren, emotional agieren und nicht auf die anderen hören.

Zurück im Wohnzimmer der Familie Stock sitzt Tom mit einem Kühlpad auf der Couch, er scheint im Getümmel noch etwas abbekommen zu haben, Madison ist am Boden zerstört und weiß nicht, was in sie gefahren ist. Sie sagt, dass sie nach East Lake kam, um über Skandale und Kleinkriege zu berichten und damit Geld zu verdienen – sie dachte nicht, dass sie der Skandal sein würde. Karla kommt dazu und eröffnet Tom, dass dieser gefeuert ist und die Bank den Kredit für das Haus zurückgenommen hatte und die Familie nun komplett ohne absicherung dastünde. In diesem Moment kommt Karlas Vater mal wieder in das Familienhaus, außer sich vor Wut aber auch mit einer gewissen Genugtuung. Er erpresst seine Tochter, indem er ihr sagt, wenn Tom öffentlich verkünde, dass er Unrecht hatte, könnte er in diesen sehr instabilen Zeiten noch mehr in die Schule investieren und noch reicher werden als er es eh schon ist. Dafür könnte Tom Lehrer bleiben und die Familie im Haus wohnen bleiben. Karla ist entsetzt und schickt ihren Vater wutentbrannt nach draußen. Patty erscheint und möchte mit Tom reden – alle versuchen verzweifelt, diese Konfrontation zu vermeiden, doch sie möchte sich nur bei ihm entschuldigen und aber gleichzeitig klarmachen, dass seine Vorgehensweise absolut nicht rechtfertigbar ist, vor allem, da die Gefahr einer Bleivergiftung in der Schule wirklich selten zu sein scheint. Just in diesem Moment stürmt Molly die Treppe herunter – Randal liegt in seinem Zimmer am Boden und reagiert nicht mehr. Besorgt stürmen Karla und Tom aus dem Zimmer. Am nächsten Morgen wacht Randal auf dem Sofa auf, Tom hat die ganze Nacht aufgepasst. Spätestens jetzt ist klar: Tom hatte recht, die schule zu betreten ist mehr als nur gefährlich. Er, Karla und Molly reden hitzig auf Randal ein, dieser müsse ein Interview geben und all das öffentlich machen – man müsste jetzt unbedingt die Politiker und Unternehmer, die das verursacht haben anprangern. Randal reagiert darauf mit Unverständnis: Es scheint allen egal zu sein, was am wichtigsten ist: Egal was man jetzt tue, die Vergiftung ist bereits passiert. Das Blei ist in Randals Körper, in Toms Körper und im Körper fast alle Kinder des Dorfes. Das hätte nicht passieren dürfen und es ist passiert und niemand kann es wieder rückgängig machen. Er bekommt einen Krampfanfall und die Familie weicht angsterfüllt zurück. So endet das Stück – Ob Randel überlebt, wird nicht dargestellt.

Michael Shannon und sein Ensemble brachten mit Traitor ein sehr politisches Stück auf eine intime Bühne. In einem Zeitalter, in dem Begriffe wie „postfaktisch“ unsere Debattenkultur bestimmen ist dieses Stück kein Lichtblick, aber eine Möglichkeit zu zeigen, dass es niemandem etwas bringt, Kleinkriege um nichts zu beginnen, Diskussionen so lange emotional aufzuladen, bis niemand mehr wirklich Lust hat, sich daran zu beteiligen, weil sich eh keine Annäherungspunkte ergeben. Trotzdem sagte Traitor mit aller Bestimmtheit, dass es Dinge gibt, die nicht passieren dürfen, gegen die wir alle gemeinsam kämpfen müssen, deren Entstehung im Keim erstickt werden muss. Das funktioniert aber nur, wenn alle miteinander reden und alle versuchen, das Beste für sich und für seine Mitmenschen zu wollen. Im Programmheft endet das Vorwort mit der einfachen Frage: „Why don’t the just get rid of the lead?“ – hier fiel mir das Wortspiel erst auf. Lead heißt sowohl Blei, als auch Führung. Und spätestens hier wurde mir klar, dass wir an diesem Abend eine intelligent verpackte und sehr wichtige politische Botschaft mit uns nach Hause tragen durften.

Ein Gedanke zu „Traitor – Red Orchid Theatre“

  1. Wahnsinn wie du dir das alles merken kannst
    Das ist echt super was du für tolle Inszenierungen siehst und sicher viele Ideen davon mit heim nimmst.

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