Tru – Greenhouse Theatre Center

Tru war eines der ersten Stücke, die ich gefunden hatte, als feststand, dass wir nach Chicago gingen und auch der Grund, wieso wir das Greenhouse Theatre, in dem wir gerade unsere Leben verbringen gefunden hatten. Zusätzlich sind die Komponisten in etwa in unserem Alter, der eine hat das ganze arrangiert, der andere spielt Klavier und sie haben sich damit einem langen Traum eines speziellen Musicals mit Aussageabsicht angenähert – alleine von diesem Standpunkt her musste ich das ganze sehr interesannt finden und freute mich sehr, das wir dargeboten bekämen. Die Kurzbeschreibung versprach uns „die ersten 10 Minute von Oben mit den letzten 10 Minuten von LaLaLand“ und was soll ich sagen? Wir sollten nicht enttäuscht werden.

Das Musical folgte der Geschichte von Truman, einem Lehrer, der sowohl an seiner Schule als auch überall sonst als frohsinniger Mensch bekannt ist und von den meisten gemocht wird. Er hat eine Freundin, die ihn über alles liebt und er ist mit seinem Leben sehr zufrieden. Eines Tages fasst er den Plan, seiner Freundin endlich einen Heiratsantrag zu machen, er geht zu einer Blumenverkäuferin, einer älteren Dame, die sehr vertraut mit ihm umzugehen scheint. Er kauft Blumen und zeigt ihr den Ring. Vordergründig freut sie sich sehr, wirkt aber nach seinem Abgang sehr besorgt und ruft jemanden an – sie wisse ja, dass man sich aus Trus Leben heraushalten sollte, aber ihr Gesprächspartner solle das mit dem Heiratsantrag wenigstens wissen. An der Stelle schwenkt die Handlung auf Isla, die Enkelin der Blumenverkäuferin, die gerne Künstlerin werden würde, aber unsicher ist und das Gefühl hat, ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden zu haben und Angst hat, ihn niemals zu finden.

Zurück bei Tru zuhause entführt seine Freundin ihn auf das Dach des Wohnhauses und sie genießen den wundervollen Ausblick in das Lichtermeer. Sie gestehen sich erneut ihre bedingungslose Liebe und er hält um ihre Hand an – gerührt bejaht sie seine Frage. Am nächsten morgen muss Tru wieder in die Schule, seine nun Verlobte möchte nicht, dass er von ihr geht und wird fast etwas böse, als er sich endlich losreißt. Hier kamen mir die ersten Zweifel: Wieso ist die Frau immer nur zu Hause? Wieso hat sie immer das gleiche weiße Kleid an? Und wieso ist sie so extrem abhängig von ihm? Viel Zeit für diese Gedanken hat man nicht, denn in der Schule trägt ein Schüler Trau ein sehr emotionales Gedicht über seine Eltern, die er vermisst vor. Nachdem alle anderen Schüler gegangen sind, redet er mit Tru über sein Gedicht und offenbart, dass er herausfand, dass er adoptiert wurde und nun das Gefühl hat, seine echten Eltern zu vermissen, was er sonderbar findet – kann man jemanden vermissen, den man noch nicht kennt? Tru bejaht das, er vermisse seine Mutter, die starb als er 7 war, obwohl er sich nur noch an ihr Gutenachtlied erinnerte. Das Gespräch geht noch etwas weiter, der Schüler würde gerne wissen, woher Tru eines der im Unterricht behandelten Gedichte habe. Tru gibt ihm ein Notizbuch, in dem mehrere Gedichte des Autoren drinstehen – er gibt aber zu, nicht mehr zu wissen wo er es her habe, dann verabschiedet er sich, er müsse dringend los.
Zurück bei Isla fühlt sie sich immer noch sehr verloren, doch ihre Großmutter bestärkt sie in dem was sie tut und bittet sie, Blumen aus ihrem Laden zu zeichnen. Außerdem haben die beiden viel Spaß miteinander, die Oma betont immer, dass es wichtig ist, nicht zu viel zu arbeiten, sondern das Leben zu genießen, und immer wieder Samen zu sähen, deren Früchte man später im Leben ernten kann.
Tru wird von seinem Vater besucht – mit dem telefonierte vorhin die Blumenomi (Gail) – er ist offensichtlich besorgt, tut aber so, als würde er Tru zu seiner Verlobung gratulieren wollen. Trus Verlobte stellt sich zwischen Tru und seinen Vater und wirft diesem vor, er sei die letzten 10 Jahre nicht für Tru dagewesen und solle nun nicht so tun. Doch der Vater spricht durch sie hindurch, als würde er gar nicht existieren… Er sagt, er geht noch spazieren und Tru bietet ihm an, bei ihm zu schlafen und zu reden. Trus Freundin (die tatsächlich namenlos ist und im Programmheft als „Her“ bezeichnet wird) redet emotional auf Tru ein, dass es endlich an der Zeit ist, aus dem, was die beiden gemeinsam aufgebaut haben, einen Sinn zu machen, dass sie endlich Wahrheit aus dem machen müssen, vor dem sie sich beide fürchten. Sie wird sehr emotional, führt ihn aufs Dach und verlässt ihn dort, was scheinbar schon vorkam – er bekommt Panik, weil er nicht weiß, was er ohne ihr machen soll, doch sie kann nicht existieren, solange er realisiert, dass sie nicht real ist und solange sein Vater in der Nähe ist und ihm klar wird, dass er Probleme hat. Am nächsten Tag kommt es im Blumenladen zum endgültigen Aufprall der beiden – Tru wirft seinem Vater vor, sein Leben zerstört zu haben, sein Vater betont, wie leid ihm alles tue, doch er nach dem Tod der Mutter (es wird immer wieder angedeutet, dass die an einer ähnlichen Krankheit wie Tru litt und sich villeicht sogar umbrachte) zu viel Angst hatte, etwas mit Tru falsch zu machen und sich deswegen aus dessen Leben zurückzog, sobald er konnte. Tru stürmt davon, sein Vater möchte ihn gehen lassen, doch nachdem er erzählt, Tru auf dem Dach gefunden zu haben, besteht Gail darauf, den Krankenwagen zu rufen, was Isla schließlich auch tut. Durch Zufall ist auch Trus Schüler mit den Adoptiveltern gerade im Laden und bekommt so ein wenig mit, was für Probleme Tru hat. Trus Vater holt ihn ein und überzeugt ihn, dass er Hilfe braucht. Auch „Her“ taucht wieder auf und betont auch, dass sie Tru liebt und möchte, dass er sich Hilfe sucht.

Das Stück macht einen Zeitsprung – Tru hat nun eine intensive 5monatige Therapie hinter sich und ist in Behandlung. Kurz vor Graduation besucht er seine Klasse wieder und sagt ihnen, wie stolz er auf sie ist. Vor allem dem einen Schüler betont er nochmal, wie stolz er auf ihn sei, seinen eigenen Weg zu finden und dass es gut war, dass er sich ihm damals so geöffnet hat. Direkt im Anschluss geht Tru in den Blumenladen und findet dort nur Isla vor, die gibt ihm einen Brief, in dem Gail sich von ihm verabschiedet, sagt, dass sie schwer krank ist, es schade findet, ihn nicht mehr persönlich gesehen zu haben, aber dass sie überzeugt ist, dass er seinen Weg finden wird. Er ist berührt und traurig über die Nachricht und unterhält sich mit Isla darüber, welch tolle Frau sie war. Isla hat ihren Platz mittlerweile gefunden und beerbt ihre Großmutter im Blumenladen. Die beiden verabreden sich zum Essen. Nach mehreren Dates eröffnet Tru Isla, dass er mit ihr über seine Krankheit sprechen möchte, sich aber nicht traut. Sie sagt, dass sie auch etwas Angst davor hat, weil sie nicht weiß, ob sie damit umgehen kann. Schließlich küssen sie sich aber, woraufhin Tru sie extrem abweist, weil er nicht weiß, ob er über seine Traumfrau schon hinweg ist. In diesem Moment erscheint sie wieder und sagt Tru, dass sie ihn vermisst, aber liebt und deswegen möchte, dass er sein Glück im wahren Leben findet. Bestärkt von diesem Segen rennt Tru Isla nach und sie kommen zusammen. Ihre Beziehung ist sehr glücklich und „Her“ hat immer eine Auge auf die Beiden. Doch sie bleibt im Hintergrund und ist ein Teil seines Lebens, behindert ihn aber nicht weiter. Tru erzählt Isla, dass sie auftauchte, als seine Mutter starb und sein Vater nicht mehr für ihn da war – mit ihr konnte er spielen, später verliebte er sich in sie und sie war immer, was er gebraucht hatte. Trotzdem war auch sie diejenige, die in krank machte, da er nicht realisierte, was er in der Realität verpasste.
Ganz am Ende gibt es einen weiteren Zeitsprung – Tru wacht vom Schreien seines Kindes mit Isla auf. Er singt ihm das Lied seiner Mutter und „Her“ begleitet ihn. Sie ist weiterhin ein Teil von ihm. Und sie ist glücklich mit dem Leben, das er hat.

Eine wichtige Intention der Autoren war es, die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zu bekämpfen und das machte das Stück sehr eindrucksvoll. Indem Tru als „normaler“ Mensch dargestellt wurde, der mitten im Leben steht, war er nicht das typische Opfer, das nicht mehr in der Realität lebt, sondern jemand, mit dem man normal umgehen konnte und der ein Paket zu schleppen hatte, wie jeder von uns etwas zu tragen hat. Auch dass seine Krankheit durch seine Freundin sehr ambivalent dargestellt wurde, tat dem Stück sehr gut – eine psychische Krankheit ist Teil des Lebens des Betroffenen und ein Grund, sich nicht helfen zu lassen ist auch, Angst davor zu haben, das zu verlieren, dessen man sich sicher ist. Auch gab es mit Gail einen Charakter, die aus dem Buche zeigte, wie man mit einem Betroffenen umgehen sollte – Verständnisvoll, aber bestimmt, wenn man das Gefühl hat, selbst nicht mehr helfen zu können, andere Hilfe zu holen. Auch Isla war ein wunderbares Gleichgewicht, da sie durch ihre Unsicherheit im Leben ein Problem hatte, mit dem viele Menschen sich gut identifizieren können, dadurch war Trus Scheinrealität nicht mehr so weit vom Verständnis des Zuschauers entfernt und man konnte sich auf die Reise einlassen und wurde an der Hand geführt. Das einzige Problem war die Romanze am Ende – die war etwas zu ausführlich und nahm Isla leider viel von der Tiefe, die sie davor aufgebaut hatte, es ging hier plötzlich nur noch um Tru und sein Leben, das besser wurde – das hätte etwas geschickte gelöst werden können. Abgesehen davon war aber alles in sich stimmig, die Schauspieler wirklich eindrucksvoll und man war immer mitten im Stück und gerührt von dem, was man sah.

Auch die Musik war wirklich gut. Vielen Situationen und Menschen waren Themen zugeordnet, die in den Stücke immer verarbeitet wurden – wenn am Anfang Oben gepaart mit LaLaLand versprochen wurde, versprach das Stück wirklich nicht zu viel – jedes Lied für sich war stimmig und aufregend gestaltet – genau die richtige Menge Vertrautheit, um dann wieder mit einem unerwarteten Kniff überrascht zu werden, die Musik wurde nie langweilig und war trotzdem zu jedem Zeitpunkt greifbar. Das lag auch an der wunderbaren Ausführung des Ensembles, die wunderbar auf einander eingespielt waren und auch die optimale Lautstärke hatten, um die nicht mikrophonierten Sänger nicht zu übertönen, was ja auch schon eine Kunst für sich ist.

Mit diesem Stück ging der heutige Tag sehr gut los und ich bin immer noch sehr froh, es gesehen zu haben. Einerseits, weil es mich berührte und ansprach wie es sonst nur Pixar-Filme tun und andererseits, weil es mich inspirierte, etwas auf die Beine zu stellen, um selbst Menschen zu inspirieren und Ängste abzubauen – genau für solche Lichtblicke tue ich, was ich tue.

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