The Toxic Avenger – Phoenix Theatre Minneapolis

Wenigstens ein Stück in Minneapolis wollten wir sehen – The Toxic Avenger bot sich aus mehreren Gründen an. Erstens lief es um die richtige Uhrzeit, zweitens war es ein eher unbekanntes Musical basierend auf einem Trashfilm aus den 80ern, drittens war des Theater wirklich schön klein und ich finde, dass dort häufig die intimsten und interessantesten Erlebnisse entstehen können. Und viertens – der Titel und Inhalt sind wirklich unwiderstehlich.

New Jersey ist überdeckt von giftigen Abfällen und Müll, der im reichen Manhattan in den Hudson River geschmissen wird. Um es dort überhaupt aushalten zu können, muss man schon einer der Protagonisten sein. Sara hat es einfach, denn sie ist eine blinde Bibliothekarin und muss alles um sie herum nicht sehen. Melvin ist in Sara verliebt und erträgt die Stadt, um in ihrer Nähe sein zu können. Und die Bürgermeisterin ist Besitzerin der „Good Earth Corporation“, die für die Verschmutzung verantwortlich ist, damit viel Geld verdient und versucht, all das zu vertuschen, indem sie die entsprechenden Akten in der Bibliothek versteckt und eine blinde Bibliothekarin anstellte. Die wiederum hängt viel mit Melvin rum, ignoriert aber seine Gefühle für sie, weil sie sie nicht erwidert.  In einem Gespräch kommen sie auf die Stadtakten und Melvin entdeckt das Geheimnis der Bürgermeisterin. Er konfrontiert sie und sie setzt ihre Schergen auf ihn an – die schmeißen ihn in einen giftigen Müllhaufen. In der Überzeugung, er sie tot, wollen sie verschwinden, doch Sara läuft ihnen über den Weg – sie beginnen sie zu bedrängen. Doch bevor etwas schlimmes passieren kann, vernehmen alle ein ohrenbetäubendes Brüllen und ein großes grünes Monster mit deformiertem Kopf und einem heraushängenden Augenball kommt aus dem Loch hervor. Es (bzw. er – es handelt sich natürlich um den mutierten Melvin) schnappt sich die beiden Männer, reist sie ein Einzelteile und trägt die ohnmächtige Sara nach Hause. Dort bedankt sie sich überschwänglich bei ihrem Retter und ist beeindruckt von dessen Oberkörpermuskulatur, sein Gesicht darf sie nicht betasten. Er sagt zu ihr „I’m toxic“ und sie geht davon aus, einen gestandenen französischen Mann vor sich zu haben, sie lädt im am nächsten morgen zum Brunch ein und träumt davon, mit dem Mann ihrer Träume zusammenzukommen. Als Melvin zu Hause ankommt, konfrontiert seine Mutter ihn und sein Aussehen – sie schleppt ihn zum Arzt, aber außer dass er eine große Enttäuschung ist, kann niemand feststellen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, ihn mit Bleichmittel umzubringen, aber keine Heilungsmöglichkeit. Im Laufe des nächsten Wochen wird Melvin beliebt in der Stadt – the friendly monster from your neighbourhood – und hilft allen möglichen Menschen aus. Die Beziehung mit Sara verläuft jedoch schleppend, da er keine Form von Körperkontakt haben möchte. Nach einiger Zeit fasst Melvin sich ein Her und offenbart sich ihr – sie ist entsetzt, angelogen worden zu sein und beendet sie Beziehung. Völlig außer sich läuft er durch die Stadt und läuft Amok, dabei tötet er eine ältere Frau. Auf genau eine solche Katastrophe wartete die Bürgermeisterin, die nun einen wütenden Mob hinter sich versammelt und mit Bleichmittel die Verfolgungsjagd aufnimmt. Auch Sara ist hinter Melvin her, nachdem ihre Freundinnen ihr klargemacht haben, dass alle Männer Freaks seien. Zum großen Showdown treffen sich alle im Stadtzentrum, Sara stellt sich schützend vor Melvin, der deckt das Geheimnis der Bürgermeisterin auf und sie wird erschossen. Im letzten Atemzug bespritzt sie Melvin mit Bleiche, der daraufhin auch zu Boden geht. Aus de Verzweiflung heraus, unternehmen Sara und die Mutter einen letzten Versuch, ihn zu retten, indem sie ihm das ekligst-vorstellbare Getränk (Wasser aus dem Hudson) geben. Tatsächlich rettet ihn da und er und Sara küssen sich. Melvin hält eine Rede darüber, dass er nun begriffen hat, dass die Erde gerettet werden muss, weswegen er sich für die green party engagieren wird und wenn ein Staatsoberhaupt nichts ändern möchte, hat er als Mutant Möglichkeiten, nachzuhelfen…

Das Musical bot eine ähnliche Erfahrung wie es Die Rocky Horror Picture Show auch bieten könnte – eingänge, rockige Musik mit angehauchtem 80er-Klang, gepaart mit einer trashigen Handlung, die mehr Tiefe hat, als man auf den ersten Blick sieht. Der Abend war ein großer Spaß und alle Schauspieler spielten mit einer solchen Freude, dass man immer wieder über kleinere Ungereimtheiten hinwegsah. So war die Gesangsstimme von Melvin nicht optimal, die Chorepgraphien unsauber ausgeführt, bei Umbauten fielen die Schauspieler teils kurz aus der Rolle, etc – geschenkt! Ergänzend sollte man erwähnen, dass gerade einmal 5 Schauspieler auf der Bühne standen – Melvin, Sara, besorgte Nonne/Bürgermeisterin/Mutter und zwei „Stadttisten“, die alle Rollen übernahmen, die mit der Bevölkerung zusammenhingen – die bösen Schergen der Bürgermeisterin, die Freundinnen von Sara, der wütende Mob und auch teilweise Double der anderen Schauspieler. Dadurch wurde auch desöfteren mit der vierten Wand gespielt, Sara lief öfter bei ihrem Abgang in Kulissen hinein, die gerade umgebaut wurden – sie fluchte dann laut, dass ständig alle vergessen, dass sie blind ist, das gab der Rolle wesentlich mehr Glaubwürdigkeit, obwohl es offensichtlich nur ein „Running Gag“ war, hier zeigte sich aber die Konsequenz der Inszenierung. Einmal geriet Melvin bei einer Verfolgungsjagd in eine Sackgasse und entkam durch ein Ausweichmanöver in den Publikumsraum, was die Bürgermeisterin empört kommentierte – da sei doch eine Grenze! Allgemein wurde die Grenze zwischen Bühne und Publikum immer wieder verwaschen, das Publikum direkt angesprochen und auch zu Stadtbewohnern gemacht – hier leisteten die beiden „Stadttisten“ volle Arbeit. Die größte Szene jedoch war die, als Mutter und Bürgermeisterin aufeinandertrafen, miteinander stritten und ein Duett sangen. Da beide von der gleichen Person gespielt wurden, war ein gleichzeitiges Auftreten der Rollen eigentlich unmöglich. Eigentlich – sie stürmte auf die Bühne und von der Bühne, wechselte in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit ihr Kostüm und wurde in ihrer Abwesenheit von den zwei weiteren Schauspielerin dargestellt, die ihr Kostüm anhatten und über die Bühne tanzten und miteinander kämpften. Das war in seiner Trashigkeit so unglaublich überzeugend, dass ich ob der grandiosen darstellerischen Leistung nur begeistert applaudieren konnte.

Allgemein ließ das Stück keine Gelegenheit aus, eine popkulturelle Referenz einzuflechten, einerseits jene aus den 80ern, die bis heute aktuell sind und viele gesellschaftspolitische Probleme wie den Klimawandel, den Ausschluss von Andersartigen und die negativen Folgen des Kapitalismus adressierte. Das wurde gepaart mit ganz aktuellen Kommentaren, die vor allem soziale Medien und Smartphone-Nutzung betrafen. doch auch der Slapstick und Trash kam nicht zu kurz – als Melvin als Monster die Täter in stücke riss, riss er nur ihre Ärmel ab, sie versteckten ihre Arme hinter dem Körper und rote Stofffetzen hingen an ihnen herab. Auch das Monsterkostüm wäre selbst für eine der frühen Star Trek Folgen absolut nicht überzeugend gewesen, genau das macht aber den Charme aus. Das Stück versuchte gar nicht erst, es gut zu machen, sondern so lustig schlecht, dass man schon wieder darüber hinwegsehen könnte, weil es eine ästhetische und konsequente Entscheidung war.  Insgesamt hatte ich das Gefühl, unterhalten worden zu sein, aber trotzdem keine seichte Unterhaltung genossen zu haben – das Stück wollte definitiv etwas aussagen und die Zuschauer zum Nachdenken anregen- dabei aber auch wirklich viel Spaß haben. Das ist häufig die beste Art von Botschaft – da man das Theater nicht deprimiert, sondern voller Tatendrang verlässt

Ein Gedanke zu „The Toxic Avenger – Phoenix Theatre Minneapolis“

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