Modern Masters – Joffrey Ballet im Auditorium Theatre

Eine Woche ist es nun schon her, dass wir das letzte Mal ein Theater und eine Aufführung besuchten und ich musste das letzte Stück ein wenig länger sacken lassen. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, über Tanz zu schreiben, da Narrativität oder Hanldungsbeschreibungen mehr als unzulänglich dafür sind – vor allem, wenn man eine solch zeitgenössische Vereinigung verschiedener Choreographien wie in Modern Masters vorfindet. Das Konzept des Abends ist recht einfach zusammengefasst: In vier ca. 20-25 minütigen Choreographien von bekannten Choreographen des 20. Jahrhunderts und auch unbekannten zeitgenössischen Künstlern soll ein Einblick in die Vielfalt des modernen Tanzes und der Spitze der zeitgenössischen Choreographen geboten werden – Modern Masters eben. Deswegen macht es wohl auch am meisten Sinn, zu jedem einzelnen dieser Tanzstücke ein paar Worte zu verlieren. Da ich versucht habe, das Programmheft möglichst neben mir zu lassen, kann ich zu den einzelnen Choreographen und Komponisten nicht viel sagen – wen dieser Hintergrund interessiert, kann das gerne selbst recherchieren.

The Four Temperaments (Choreographie George Balanchine, Musik Paul Hindemith)

Die erste Performance des Abends wurde für mich stark von den nachfolgenden verdeckt, weswegen ich nicht genau weiß, wo ich hier ansetzen soll. Die Musik von Paul Hindemith war einerseits meditativ und andererseits für mich schwer zu greifen, weswegen ich beim Betrachten der Tänzer etwas in der Luft hing. Daraus resultierte eine Art Trance – ein traumähnlicher Zustand, in den ich öfter gerate, wenn ich Tanz betrachte. Alles verwischt dann ineinander und ich kann mich nur noch an das grobe Gefühl erinnern. Das Gefühl in diesem Fall war Musik oder Musikalität. Die Tänzer führten mithilfe ihrer Körper aus, was die Musik vorgab. Das heißt, es gab keine wirkliche Handlung, nichts was passierte – das einzige, was sich entwickelte, war die Musik und die sich bewegenden Körper der Tänzerinnen und Tänzer mit ihr. Wenn man eine Partitur von Noten oder die Schwingungen verschiedener Töne in Bewegungen übersetzen würde, wäre das Ergebnis wohl ein Ähnliches wie das Dargebotene. Das stimmte mich gut auf den Abend ein, ich konnte ein wenig in der Musik versinken und vor mich hin träumen, auch wenn dadurch die Choreographie in meiner Erinnerung leider etwas verschwand. Villeicht sollte das Bühnengeschehen aber auch genau das mit mir machen – auf jeden Fall war ich gefangen und auf keinen Fall gelangweilt, sondern wurde von der Bühne gebannt und konnte mich auch gedanklich nicht davon losreißen.

Body of your dreams (Choreographie Miles Thatcher, Musik Jacob ter Veldhus)

So sehr das erste Stück mich in eine Trance versetzte, so sehr wurde ich nach einer kurzen Pause von „Body of your dreams“ wieder in die Realität gezerrt. Das lag einerseits an der Musik – sehr beatgeladene, energetische Musik prallte vom Band auf das Publikum ein, ein krasser Gegensatz zu der romantisch aufgeladenen Hindemith-Musik, die vom Ballet-eigenen Orchester gespielt wurde. Die jetzige Musik konnte aber auch nicht live gespielt werden, da sie vor allem auf Aussagen von verschiedenen Menschen bestand, die über Fitness und Gesundheit redeten. Aufgrund des fetzenartiges Charakters konnte ich nur vereinzelte Worte wahrnehmen, aber klar war: Hier wird von dem Traum eines perfekten Körpers geredet, von dem Druck der Gesellschaft, perfekt auszusehen und auch von verschiedenen Werbebotschaften, wie man das erreichen könnte. Um daraus Musik zu machen, schnappte sich der Komponist einzelne Aussagen, zerpflückte sie in ihre Silben und verwendete sie als Beat-Basis für seine Musik, die dann noch mit Power-Chords von Klavier und Synthesizern unterlegt wurde. Die ganze Musik drückte Drill und Stress aus – den Stress, immer an der Spitze zu stehen und sich selbst möglichst perfekt zu trainieren. 

Auf der Bühne geschah eben das, was die Musik propagierte – die Tänzer, gekleidet in stilisierten Trainingsoutfits turnten über die Bühne, tanzten unter Zuhilfenahme von Liegestützen, Sit-Ups, kurzen Sprints und weiteren Bewegungen, die typischerweise in ein Fitnessstudio gehören. Dazu umkreisten sie Spiegel, die auf der Bühne standen und ihnen stets die Reflexion ihrer eigenen Bewegungen gab – auch diese drehten sich mit den Tänzern im Kreis und irgendwann verlor man den Überblick in all dem Wahnsinn. ein jeder versuchte, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen doch mehr und mehr ähnelten sich die Bewegungen einzelner Tänzer, bis schließlich alle als große  pyramidige Maschinerie über die Bühne walzten. 

Diese Performance war sehr gesellschaftskritisch, man konnte den Druck der Welt auf einen perfekten Körper, auf eine perfekte Fitness förmlich spüren – auch der Höher, Schneller, Weiter – Gedanke spielte eine wichtige Rolle. Und was ich nicht sah, aber durchaus interesannt fand: Nic sagte, dadurch dass die Stimmen propagierten, dass es die Möglichkeit gibt, diese perfekte Sportlichkeit mit Hilfe der beworbenen Produkte zu erreichen, sah er auch eine Kritik an dem Gegenteil der Fitniss: Eine sich ausbreitende Fettleibigkeit. Jeder möchte gerne sportlich sein und den perfekten Körper haben, aber etwas dafür tun? Dafür bräuchte es ein Wundermittel…

Beyond the shore (Choreographie Nicolas Blanc, Musik Mason Bates)

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Während das erste Stück des Abends mich zwiespalten zurückließ, weil ich nicht wirklich wusste, was es mir gegeben hat und das zweite mit all seiner Gesellschaftskritik wirklich gut aber auch anspruchsvoll zu betrachten war, kam mit Beyond the shore ein visuelles und akustisches Meisterwerk auf uns zu. Auch hier fällt es mir wieder ganz schwer, das Gesehene in Worte zu fassen, weil ich auf der Bühne pure Emotionen sah. Beschützerwille, Das Streben nach Großem, Naturverbundenheit, eine große Reise – und all das in 25 Minuten.

Die Musik von Mason Bates kombinierte klassische sinfonische Elemente der großen Filmmusiken mit Jazz und Big Band Einflüssen und ließ auch unkonventionelle Instrumente zum Zug kommen. So gab es Drumpads und Synthesizer, der der Musik oft einen futuristischen Einschlag gaben, dazu experimentierte die Musik mit Alltagsgegenständen – ein Besen beispielsweise wurde in einem Teil zur bestimmenden akustischen Mitte des Stückes. Insgesamt klang die Musik sehr episch und gleichzeitig zurückgenommen – man hatte immer wieder das Gefühl, sie hielt für mehrere Minuten den absoluten Höhepunkt, bis sie endlich aufgelöst wurde. Dabei blieb aber eine andauernde Spannung da und ich fühlte mich wie in einem gigantischen Science-Fiction Epos und vor einer wundervollen optimistischen Zukunft stehend.

Hoffnung auf die Zukunft war allgemein das große Thema, das ich in dieser Performance sah. Die Bühne war immer in einer Farbe dominant beleuchtet – grün, rot, blau, schwarz/orange, ganz wie die vier Elemente, die auch eine entscheidende Rolle im Tanz spielten. Im einen Moment schienen die Sänger durch die Luft zu schweben und schwerelos zu sein, dann kämpften sie sich durch einen dichten Dschungel, der sich in einen wunderschönen Wald verwandelte (all das nicht wörtlich – ich nutze nur Metaphern, um annähernd beschreiben zu können, was ich sah). Dabei waren sie immer eine Einheit, die gemeinsam ihre Abenteuer erlebt und gegen Ende hatte ich das unbestimmte Gefühl, hier gerade mehrere Staffeln einer futuristischen, optimistischen Science-Fiction Serie gesehen zu haben, die auch perfekt abgeschlossen wurde. Manchmal geht Binge-Watching auch in einer sehr kurzen Zeit. Alles was blieb, war eine große Zufriedenheit und das Gefühl, etwas wahrlich großes gesehen zu habenn.

Glass Pieces (Choreographie Jerome Roberts, Musik Philipp Glass)

Ich muss ja zugeben, dass ich mich auf das Finale am meisten freute – Philipp Glass begleitet mich nun seit einigen Wochen sehr intensiv musikalisch durch mein Leben und ich war sehr gespannt, auf welche Art und Weise seine repetitive und meditative Musik in Bewegung übersetzt werden würde. An der Stelle möchte ich nochmals ein Lob an das wundervolle Orchester aussprechen – die Tatsache, ein Groß der Musik gänzlich oder teilweise live erleben zu können, machte die gesamte Erfahrung wesentlich immersiver – verstärkt dadurch, dass die meisten musikalischen Momente perfekt ausgeführt wurden und die Stimmung auf der Bühne meist auf den Punkt trafen. Nun zum Abschluss also Philipp Glass – Musik, die auf dem Papier einfach aussieht und ihre Schwierigkeit durch die immer gleichen Töne über lange Zeit bei emotionaler Phrasierung erhält. Es ist sehr schwer, diese Musik akkurat zu spielen und dabei nicht roboboterhaft zu werden. Auch hier war es die Interpretation des Orchesters, die dem Bühnengeschehen den letzten Hauch an Leben gab.

Die Choreographie war dreigeteilt – im ersten Teil tanzte das gesamte (ca. 40-45 köpfige Ensemble) über die Bühne – bzw. rannte mehr. Zu einer sehr stressgeladenen, dynamischen Musik  kämpften sich alle ihren Weg durch die Menschenmasse – mir kamen sofort Bilder einer überfüllten U-Bahn zu Stoßzeiten ins Bild. Immer wieder führten sie dabei die immer gleichen Bewegungen aus und wurden so zu einer Masse. Immer wieder kamen Solisten auf die Bühne, durchbrachen die Masse und konnten sich etwas Individualität freitanzen – nicht ohne wieder von der schieren Masse des Ensembles eingefangen zu werden. Die Perfektion mit der die Bewegungen synchron zueinander ausgeführt wurden, war mehr als beeindruckend und das Bild der stressigen Stadtgesellschaft, die nur noch von einem Termin zum nächsten rennt, auf den Punkt getroffen.


Der zweite Teil war wesentlich ruhiger – ein tiefes Streicherostinato in Terzen gab den Rhytmus an, das Stück basierte gänzlich auf zwei Akkorden. In Hintergrund der Bühne, im Schatten bewegte sich eine endlose Reihe an Tänzerinnen von rechts nach links – nur ihre Silhouetten waren erkennbar, sie sahen durch die exakt identisch ausgeführten Bewegungen alle gleich aus – verstärkt dadurch, dass sie immer wieder Plätze tauschten. Die Bewegung passte eigentlich nicht zu der ruhigen balladenhaften Musik – das sehr beatbetonte Laufen und auf der Stelle wippen erinnerte eher an zaghafte Disco-Bewegungen einer schüchternen, jungen Frau. Trotzdem passten sie perfekt auf die Musik, da diese für mich die innere Zerbrechlichkeit dieser Mädchen (oder des einen Mädchens – teilweise verschwammen alle Tänzerinnen zu einer) darstellte. Mauerblümchen im Hintergrund, wunderschön aber zu schüchtern, um sich in den Vordergrund zu drängen. Dieser wurde immer wieder von einem tanzenden Solopaar ausgefüllt, die sich ebenfalls zur Musik bewegten und vor Energie strotzen – trotzdem blieb meine Aufmerksamkeit immer auf dem unscheinbaren Hintergrund. Manche von euch kennen diese Geschichte – ich hatte das Gefühl, einmal mehr das Porzellanmädchen zu sehen.

Der dritte Teil war sehr Trommel- und Rhytmusgeladen und ich war noch so sehr vom vorhergehenden Bild verzaubert, dass ich gar nicht viel davon mitbekommen habe. Ich erinnere mich nur noch, das Gefühl gehabt zu haben, einen rituellen Balztanz zwischen Männern und Frauen vor mir zu sehen – beide Seite sind stark und wollen vor der anderen Seite keine Schwäche zugeben, finden am Ende aber irgendwie zusammen, weil es das ist, was offensichtlich alle wollen. Dieser Teil brachte mich wieder etwas in die Realität zurück, trotzdem verließ ich das Theater sehr verzaubert und höre die Musik des zweiten Teils der Glass Pieces auch gerade in diesem Moment (https://www.youtube.com/watch?v=l5rQwfcU70E).

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