Joseph and the amazing technicolour dreamcoat – Drury Lane Theatre

Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet der kommerzielle Mainstream ist, der mich überrascht? Gestern fielen wir nicht darauf herein, dass das Theater nicht erreichbar war und machten uns nach dem Koffer packen rechtzeitig 2,5 Stunden vor Beginn auf den Weg, fuhren mit der Metro an Ende des Systems, stiegen um und fuhren mit einem Bus gefühlt ans Ende des Systems, stiegen aus und kämpften uns in etwa 30 Minuten Fußgängerweg-los durch Schneematsch und über Straßen mit vielen Autos, die glücklicherweise breit genug waren, dass wir nicht ständig überfahren wurden.Als wir das Theater erreichten und all die Autos überall sahen waren wir uns mehr aus sicher, dass es wirklich nicht vorgesehen war, eine der größte Musicalstätten Chicagos mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Immerhin stimmte unsere Odyssey und gut auf die Geschichte Josephs ein – Man kennt ihn aus der Bibel. Joseph – einer der zwölf Söhne Jakobs, träumt viel und kann Träume unglaublich gut deuten. Achja und sein Vater sieht in ihm seinen Lieblingssohn, also schenkt er ihm einen tollen Mantel, mit dem er immer herumspaziert. Er ist sehr stolz und erzählt seinen Brüdern, dass er träume, das neue Stammesoberhaupt zu werden. Die sind alle sehr neidisch, schmeißen ihn erst lange in einen trockenen Brunnen und verkaufen ihn schließlich als Sklaven nach Ägypten – Jakob erzählen sie, er sei von einem Löwen gefressen worden – nur der Mantel war übrig. In der Sklaverei geht es Joseph verhältnismäßig gut – bis die Frau seines Besitzers ihn verführt und er ins Gefängnis geschmissen wird – auf seine Exekution wartend. Dort bemerken die Leute schnell, dass er Träume verstehen kann und sie fragen ihn aus, ob sie lebend aus ihrer Zelle herauskommen oder hingerichtet werden werden. Nach einiger Zeit bekommt der Pharao Wind davon und bittet Joseph zu ihm – er hat seltsame Träume, die er nicht versteht. Joseph kann diese deuten: Sieben Jahre des Überflusses und sieben Jahre der Hungersnot werden kommen. Der Pharao erhebt ihn in die Funktion des Vizekönigs, der genug Vorräte ansammeln soll, um durch die Krise zu kommen. Als es zur Krise kommt, gehen in Kanaan, Josephs ehemaligem Zuhause die Vorräte zur Neige und eine Hungersnot breitet sich aus – sie ziehen nach Ägypten und bitten um Hilfe. Joseph erkennt seine Brüder, sie ihn nicht und reagiert erst unbarmherzig – er schiebt einem sogar sogar einen Diebstahl zu. Doch als er merkt, dass seine Brüder sich geändert haben und Reue für ihr früheres Verhalten zeigen, offenbart er sich.

Joseph and the amazing technicolour dreamcoat ist eines der frühesten Musicals von Andrew Lloyd Webber und an einigen Stellen kann man die Einschläge hören, die schließlich zu Jesus Christ Superstar führten. Allerdings verfolgt Joseph eine gänzlich andere erzählerische Strategie und bringt die Geschichte dar, indem er verschiedenste musikalische Stile durchexerziert – Von ChaCha über Tango und Chansons bis hin zu einem Lied, das ein typischer Elvis Presley Song ist (und natürlich vom Pharao, dem King, gesungen wird). Trotzdem soll die Inszenierung – denke ich – relativ naturalistisch angehaucht sein und im historischen Kanaan und Ägypten spielen – die Leider bieten dann einen Gegenpool, mit dem sich die Geschichte in die heutige Zeit verfrachten lässt. Ich sage – denke ich – weil die Inszenierung, die wir sahen einen gänzlich anderen Weg ging, der einerseits intelligent war und andererseits unglaublich viel Spaß macht.

Joseph wird von einem Touristen dargestellt, der einen Urlaub in Las Vergas macht. Nach dem anstrengenden Flug fällt er vorerst ins Bett und möchte sich nur ausruhen. Doch dann hört er ein Weinen und die Erzählerfigur des Musicals schwebt vor seinem Fenster – sie beginnt zu singen und mehr und mehr Leute kommen auf die Bühne – das Zimmer des überforderten Mannes verwandelt sich selbst in eine dieser übertriebenen Revuenummern deren wegen man überhaupt erst nach Las Vegas kommen möchte. Die Figuren erheben Joseph zum Mittelpunkt ihrer Geschichte, ziehen im den Mantel an und feiern ihn – dann verschwinden sie. Währenddessen läuft noch ein heruntergekommner Elvis aus seiner Toilette und grüßt kurz alle. Völlig überfordert ruft er die Security und erzählt die Geschichte in Form des Liedes, das auch im Originalmusical vorkommt. Die Regieführung und Umdeutung des Textes passiert hier so geschickt und intelligent, dass ich zu keinem Zeitpunkt hinterfrage, ob die Geschichte das braucht oder ob das Stück nicht so umgewandelt werden möchte. Ich habe den Eindruck, der Text selbst hat Spaß, so absichtlich missverstanden zu werden – vor allem, weil dadurch die Aussage des unbedarften Joseph, der gar nichts böses möchte, sich aber zu sehr selbst darstellt in Perfektion aus der Szene gearbeitet wurde.

Auf diese Art geht das Stück dann weiter – wir und Joseph werden immer wieder daran erinnert, dass alles nur ein Traum ist – eine seltsame Traumwelt, die seine eigenen Wünsche mit seiner Fantasie von Vegas verbindet. Viele der Lieder wurden dafür moderneren Popsängerinnen zugeordnet – wir sehen die Erzählerin als Britney Spears, als Cher, als Liza Minelli, Celine Dion und vielen weiteren (in der Zugabe sogar als Idina Menzel). All das führt sie mit einer solchen Freude und Perfektion aus, dass sie das Publikum mit einer Leichtigkeit lenkt und von rockigeren Titeln routiniert in bewegende Balladen wechselt. Als der Pharao das erste Mal auftritt, erwarten natürlich alle Elvis – hier noch mehr, wenn sie es in Vegas setzen muss das ja der absolute Höhepunkt ist. Als dann aber Elton John erscheint, der dem Publikum sogar noch zuruft „Ihr wolltet Elvis, nicht? Pech gehabt!“ und dann aber auf seine typische Art und Weise virtuos das Klavier bearbeitet und Joseph von seinen Träumen erzählt, wir einem klar, dass die Regie auch hier wieder nicht das machte, was das Stück vorgab, sondern das was das Stück wollte. Ein Nachmittag voller Spaß und ernsten Momenten, der für alle damit endete, aufzuwachen und Josephs Mantel im Schrank des Touristen zu finden. Er hat zwar geträumt, sich dabei aber weiter und weiter in die Geschichte eingearbeitet bis er ein Teil von ihr wurde und an ihr wuchs. Am Ende ist Joseph nicht mehr der unbedarfte Tourist, sondern ein Mann, der weiß, was er will und der ausgerechnet in Vegas eine wichtige Lebenslektion lernte.

Das Publikum honoriert diese Botschaft, ebenso wie die wirklich gute Band und den durchweg perfekt besetzten und ausgeführten Cast. Manchmal ist das, was man erwartet gar nicht das was man will – nach dieser Inszenierung habe ich keine Lust, Joseph in einer herkömmlichen Bühnenfassung zu sehen – ich würde viel vermissen.

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