Rose – Greenhouse Theatre Center

Gestern war ein guter Tag, der damit begann, dass wir das erste wirkliche Mainstream-Stück, das auf unserem Plan stand verpassten. Cabaret wird derzeit im Paramount Theatre in einer Inszenierung von Sam Mendes (American Beauty, Skyfall und weitere) aufgeführt und wir freuten uns sehr darauf – bis wir merkten, dass das Paramount Theatre in einer Suburb zu finden ist, zu der wir über 2 Stunden unterwegs wären, was zu dem Zeitpunkt als wir es bemerkten schon zu spät gewesen wäre, um loszufahren. Leider gab es keine Möglichkeit, die Karten zurückzugeben und wir waren ein wenig genervt von der Gesamtsituation – also wollten wir unbedingt etwas machen, was es wert machen würde, das Stück verpasst zu haben. Scheinbar lief nur ein einziges Stück an diesem Mittwoch nachmittag in ganz Chicago, also kauften wir Karten dafür: Rose.

Rose ist ein Solostück für eine intimere Bühne, das das Leben von Rose Kennedy, der Mutter all jeder bekannten Kennedys – allen voran John – reflektiert. Ein Stück tiefster amerikanischer Geschichte, 90 Minuten, nur eine Frau auf der Bühne – es wäre nicht unsere erste Wahl gewesen und doch bin ich sehr froh sie getroffen zu haben. Mit den Greenhouse Theatre werden wir später noch einiges verbinden, da das Musical Theatre Festival dort stattfinden und wir 2 Tage mehr oder weniger in dieses Theater einziehen werden – dadurch stellte sich gleich schon beim ersten Mal ein wohliges und vertrautes Gefühl ein. Überall standen alte Bücher und Theatertexte herum, in denen man blättern und die man erwerben konnte. Der eigentliche Theaterraum war sehr klein, die Bühne mit alten Teppichen bedeckt, auf welchem typische „Großeltern-Möbel“ standen, die mit Familienfotos übersät waren. Man fühlte sich sofort wohl und ein Stück weit zuhause, selbst der Geruch passte. Der Altersdurchschnitt wurde durch Nic und mich drastisch gesenkt, den Groß des Publikums machten tatsächlich Senioren aus – deren penetranter Parfümgeruch war es auch, der diesen Teppich aus vertrauten und doch fremden Gerüchen durch den Raum trug.

Schließlich kam Rose auf die Bühne, ohne dass es groß zu einer Lichtänderung kam, nur eine kleine musikalische Einleitung kündigte ihr kommen an. Sie sprach zu einem imaginären Herren, der wohl ihre Biographie aufschreiben sollte, sie schenkte ihnen Kaffee ein und schon ab diesem Moment hatte ich nicht das Gefühl, ein Stück zu sehen, sondern Rose Kennedy leibhaftig auf der Bühne vor mir zu haben, wie sie mir Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Zwar konnte man den Ansatz der Perücke erkennen und auch die Anordnung der Möbel war sehr Bühnenmäßig, wenn sie von dem See vor dem Fenster erzählte, spielte sie nur eine weiße Wand an, aber ich vergaß das alles. Ich sah eine ältere Dame, die mit gerne Geschichten aus ihrem Leben erzählt, die Fehler gemacht hat und trotzdem versuchte, die liebende Mutter zu sein.
Sie erzählte, wie sie ihren Mann kennenlernte, wie sie gerne auf ein College gegangen wäre, das aber protestantisch war und das nicht gegangen wäre, wie sie sich unterordnete, sehr früh Kinder bekam und ein sehr katholisches und konservatives Leben lebte, wie sie die gesellschaftlichen Strukturen, die sie selbst gefangennahm weitergab und auch bestätigte. Und vor allem erzählte sie die tragische Geschichte ihrer Kinder.

Joe, der älteste, sollte immer in die Fußstapfen des Vaters treten und sich deswegen im zweiten Weltkrieg beweisen – Vater und Mutter drängten ihn zu immer weiteren Heldentaten, er kam immer wieder nach Hause, doch eine der Missionen war die eine zu viel. Sein Flugzeug explodierte und stürzte ab. Kathleen Kennedy und Rose entfernten sich voneinander, als Kathleen einen Protestanten heiratete, da dies die ganze Familienehre beschmutzen würde. Sie hatten schon lange nicht mehr gesprochen, als Kathleen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. John, den ikonischen Präsidenten, den Sohn auf den sie so stolz war, der immer versuchte, in die Fußstapfen seines großen Bruders Joe zu treten, John, den Rose liebevoll Jack nennt, wurde seine politische Karriere zum Verhängnis und er kam bei dem berühmten Attentat zum Leben. Seinen Bruder Robert ereilte das selbe Schicksal einige Jahre später in Dallas, auch er war auf Druck des Vaters und der Mutter Politiker um die gesellschaftliche Stellung und Macht der Kennedys zu halten. Die Familie griff nicht nur nach der Sonne, sie flog direkt in sie hinein und verbrannte, einer nach dem anderen.

Die menschlichste und berückendste Geschichte ist aber wohl die von Rosemary. Sie war ein lebhaftes Mädchen, ihr wurde eine leichte Intelligenzstörung attestiert und sie wollte nicht so recht in die konservative Familie passen. Die Eltern hatten Sorge, dass sie bei ihrem Lebensstil irgendwann ungewollt schwanger werden könne und damit das Vermächtnis der Kennedys begraben könnte. Also veranlasste der Vater eine Lobotomie, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Rose erzählte mit brechender Stimme, dass der Eingriff ihr nicht wehtat und sie währenddessen singen sollte. Sobald ihr Gesang verstummte, wusste man dass das Ergebnis erfolgreich war. Danach war sie jedoch nicht mehr die selbe, sie was lustlos und gleichzeitig aggressiv. Sie kam in eine Nervenheilanstalt und ihre Familie redete nicht mehr über sie – Rosemary war weg, von einem Tag auf den anderen. Wie der Ehemann von Rose wohl sagte „She sang too long…“. Rose erzählt voller Bitterkeit, dass sie all das hätte aufhalten können und sich hätte wehren können. Sie hatte 5 ihrer Kinder verloren und kein gutes Verhältnis zu den anderen. Eunice Kennedy distanzierte sich von ihrer Mutter und unterstützte Programme für behinderte Menschen, den sie anstelle ihrer Schwester noch helfen konnte. Der junge Teddy verstand einfach nicht, wieso seine Schwester plötzlich weg war, niemand redete mit ihm darüber. Rose erzählt voller Reue, dass sie ihren Kindern nie sagte sagte, dass sie sie liebte. Auch nachdem ihr Ehemann einen Schlaganfall hatte und danach nur noch bettlägerig war, wahrte sie den Schein der perfekten Familie weiterhin und es wirkt so, als würde ihr das leidtun. Doch sie wurde ihr Leben lang dazu erzogen und es ist nicht leicht, seine Gewohnheiten abzustellen.

Das gesamte Stück über wartet Rose auf ein Lebenszeichen von Teddy, ihrem letzten lebenden Sohn, der eigentlich schon vor einem Tag hätte kommen sollen. Ich bangte in jeder Sekunde, die verstrich, mit ihr mit und hatte wirklich Angst, dass die arme Frau einen weiteren Verlust erleiden musste. Gegen Ende kommt dann endlich der erlösende Anruf – Teddy erzählt ihr, dass er sich aus der Politik zurückziehen möchte um mehr mit seiner Frau zusammen zu sein. Sie schellt ihn, dass er doch an seine Familie denken müsse und nicht nur egoistisch entscheiden könne, was für ihn am Besten ist, fängt dann aber einfach an zu weinen. Sie sagt Teddy, dass sie ihn liebt und dass er Recht hat und das tun soll, was am Besten für ihn ist.

Gegen Ende möchte man nicht, dass es vorbei ist. Ich könnte ihr stundenlang zuhören, möchte noch mehr Geschichten aus ihrem Leben hören, ihr akzeptiere nicht, dass sie „nur“ eine Schauspielerin ist. Theater macht dann alles richtig, wenn du vergisst, dass es nicht real ist.

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