You got older – The Steppenwolf Theatre

Es ist immer interesannt, wenn ein Medium sich selbst verrät, sich dadurch offenbart und mehr Existenz gewinnt als das was es darstellen will. Beim Theater speziell kann das passieren, wenn man als Zuschauer in eine andere als die gewohnte Sehkonvention hineingeworfen wird und das dargebotene Stück nicht das ist, was man aus dem Abend mitnimmt, sondern den Umgang des Publikums damit. Spannend ist das vor allem dann, wenn man bemerkt, wie anders eine Sehkultur und Theaterwahrnehmung in einem anderen Kulturkreis sein können.
So geschehen gestern als Nic und ich You got older im Steppenwolf Theatre besuchten – ein wie immer sehr schönes Theater, das sich perfekt für die Aufführung der Steampunk Opera eignen würde, da es diesen Industrie-Look hat, den fast alle bisherigen Theater hier in Chicago bisher offenbahren. Außerdem war es geschickt gebaut und jeder Zuschauer konnte sehr gut sehen, was auf der Bühne passiert – die Bühne reichte in den Publikumsraum hinein, der sich halbkreisförmig um sie erstreckte – fast schon wie in einem griechischen Theater, nur drinnen. Doch im Hintergrund der Bühne standen als Bühnenbild in den Himmel ragenden Bäume und ein angedeuteter Wald, in dem sich die Bühne ins Nichts verlor – also doch antikes griechisches Theater mit der Natur als einziges Bühnenbild.

Zur Handlung: Mae pflegt ihren Vater, der Krebs hat und ist mit ihrem Leben sehr unzufrieden. Sie verließ ihren langjährigen Freund kurz zuvor, der war blöderweise ihr Boss und feuert sie. Sie kann ihre Miete nicht mehr bezahlen, hat keine Krankenversicherung und jetzt neuerdings noch einen wirklich unangenehmen Ausschlag an ihrem ganzen Körper. Bei ihrem Vater zu wohnen ist also nicht nur ein Akt reiner Nächstenliebe – ihr bleibt fast nichts weiteres übrig. So sitzen sie beide da, wissen nicht genau, was sie reden wollen und sie fühlt sich wieder wie in der High-School, nur dass ihr Vater kein starkes Vorbild ist, sondern ein alter, verletzlicher Mann. Man hat den Eindruck, sie möchte nicht bei ihm sein und ist beschämt, ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Nach einigen Therapien schlägt eine endlich an, der Krebs kommt in Remission, Mae und ihre 3 Geschwister feiern den Vater im Krankenhaus und Mae bleibt danach noch bei ihm, weil die Behandlung ihn viel Kraft kostete. Die Situation auf dem ländlich gelegenen Haus bleibt aber weiter angespannt, die beiden können nicht sonderlich viel miteinander anfangen. Spätestens nachdem ihr Vater sich anmaßt, ihr Ratschläge bei einem Bewerbungsgespräch zu geben, bricht die angespannte Situation, sie schreit ihn an, er wisse nicht immer alles besser und überhaupt wolle sie ihr eigenes Leben leben! Ihr Vater versucht sich zu entschuldigen, kann aber nicht zu ihr durchdringen. Als sie wieder auszieht, um sich besser nach Jobs umschauen zu können, sind beide etwas erleichtert, da die Situation offensichtlich sehr angespannt ist. Mae fängt nun endlich wieder an, glücklich zu werden und in ihrem eigenen Leben anzukommen. In diesem Moment ruft ihr Vater an. Der Krebs ist zurück, in seinen Lungen. Er verabschiedet sich und verlässt die Bühne. Just in diesem Moment spielt das Lied Timber und die Geschwister kommen tanzend auf die Bühne, eine von Maes Schwestern hat ein Hochzeitskleid an, sie tanzen ausgelassen und wirken alle glücklich.

Neben dieser Haupthandlung ergibt sich ein Nebenstrang, der sich mit Maes Sexualität beschäftigt. In regelmäßigen Abständen fantasiert sie von einem Cowboy, der ihr immer über den Weg läuft und ganz bestimmte Dinge mit ihr anstellen will – gegen Ende führt das soweit, dass sie von ihrer Fantasie vergewaltigt wird und das gleichzeitig abstoßend und erregend findet. Daneben trifft sie in ihrem Heimatort einen ehemaligen Klassenkameraden ihrer Schwester, dem sie von ihrem sexuellen Hunger erzählt und der von da an immer versucht, sie ins Bett zu bekommen, aber entweder zu betrunken ist oder sie einfach nur umarmt werden muss, weil sie mit allem nicht mehr klarkommt. Schlecht für ihn, egal für sie, sie hat ja den Cowboy.

Im Programmheft stand ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Autorin. Sie schrieb das Stück als sie 27 war, ihr Vater Krebs hatte und sie das Gefühl hatte, ihr ganzes Leben gegen die Wand gefahren zu haben. Dazu war sie Single und unterdrückte ihre eigene Sexualität. Also begann sie, Fragmente zu schreiben und diese dann zu einem Stück zusammenzuschließen, das ihre Situation darstellen sollte – aber eben unverfälscht und autobiograpisch, nicht mit einem späteren Blick nach außen. Doch wie Marc-Uwe Klingt bereits schrieb: Das Leben schreibt zwar manchmal interesannte Geschichten, erzählt sie aber furchtbar bedeutungslos und langgezogen. Wir beide hatten in den zwei Stunden niemals das Gefühl, eine Identifikationsfigur auf der Bühne zu haben, Leute redeten aneinander vorbei oder auch gar nicht, alles war sehr naturalistisch und realistisch angelegt aber eigentlich passierte wirklich nichts. Nach 5 Minuten verstand man die Lage von Mae und ab dem Moment bemitleidete ich nur noch die Lage des Vaters, der sich neben dem Krebs noch mit seiner Tochter herumschlagen muss, die nicht bereit ist, irgendetwas an ihrer Situation zu ändern – all das machte mich vor allem traurig. Als der Vater am Ende starb, wirkte das Stück in sich wenigstens konsistent – auch wenn alles bergauf geht, geht es gleichzeitig auch immer bergab. Und gegen Ende hatte Mae wenigstens diesen einen intimen Moment mit ihrem Vater, als sie Lebewohl zueinander sagten. Die inszenatorische Entscheidung, noch während seinem Abgang ein Pop-Lied aufzulegen und Leute auf der Bühne tanzen lassen, kann und will ich aber nicht gutheißen. Ich verließt das Theater mit dem fixen Gefühl, nun wird gefeiert, dass der alte Mann endlich tot ist, nun sind alle Sorgen weg und man kann sich betrinken. Klar sollte die Aussage wohl sein, es geht weiter und „alles wird gut“ – allerdings nahm das Stück sich sehr viel Zeit zu zeigen, dass nichts vorran geht und leider gar keine, um den schmerzhaften Prozess von Trauer und Depression zu dem ersten Sonnenaufgang seit langer Zeit zu zeigen.

Dazu kam die Geschichte mit der Sexualität und dem Cowboy. So sehr das Stück sich auch bemühte, weibliche Sexualität ernstzunehmen, so sehr arbeitete die Inszenierung dem entgegen.  Diese Szenen waren fast schon Sitcom-artig gestaltet und wurden für billige Lacher im Publikum missbraucht. Haha, eine Frau steht auf einen Cowboy, der sie mal so richtig durchnehmen kann, wie lustig. Dass all diese Szenen zutiefst traurig waren und Mae sich eigentlich nach Geborgenheit sehnte und nicht nach billiger Körperlichkeit wollte die Aufführung nicht wahrhaben. Selbst der letzte Moment, als der Cowboy sie letztlich von hinten nimmt und mehr vergewaltigt, was in ihrem Kopf passiert und zu einer Masturbation ihrerseits geschieht, wird zur Lachnummer. Wenn diese Inszenierung etwas nicht machte, dann war es die Sorgen und Probleme ihrer Protagonistin ernstzunehmen, sondern kümmerte sich vor allem um den Comic Relief. Fast als wäre man erleichtert, dass neben der harten Haupthandlung hier etwas geboten wird, das das Publikum ENDLICH zu Lachen bringen kann. Hier konnte man gut sehen, was passieren kann, wenn Theater in privater Hand liegt und gewinnorientiert ist und damit sein Publikum unterhalten MUSS. Die Experimente gehen verloren und das Theater traut sich nichts, was nicht garantiert ein Publikumserfolg sein könnte.

Nach dem Stück gab es eine Post-Show Diskussion. Hier wurde uns klar, was wir während dem Stück schon erwarteten. Unser Art, Theater zu sehen, hat sich aufgrund unserer Seherfahrung in Deutschland und auch im Rahmen unserer Studiums so geändert, dass wir mit einem gänzlichen anderen Auge auf Theater blicken als der amerikanische Standardzuseher. Die Diskussionen drehten sich darum, ob ihr Vater nun wohl wirklich gestorben war (Man sah es ja nicht, er ging nur von der Bühne!) oder was das Ende des Stückes uns wohl sagen wollte. Hier wurde eigentlich nur fein säuberlich eine Deutungsabsicht vorgelegt, dass die Leute, die in dem Stück wohl offensichtlich zwei Stunden schliefen nach Hause gehen konnten und wussten, was sie jetzt denken sollten, obwohl auch die Aufführung das ja mehr als plakativ darstellte.

Im griechischen Theater bedeutete der Auftritt einer Figur von rechts, dass sie aus Sparta kam, von links aus Athen. Die Codifizierung in You got older war im Verhältnis gesehen wesentlich einfacher. Da die Umbauten zugunsten des naturalistischen Bühnenbildes kurz gehalten werden sollten, kamen die beiden Hauptsettings Esszimmer und Pub von rechts und links auf de Bühne gefahren. Ähnlich wie bei The Antelope Party wurde auch hier während dem Umbau Musik eingespielt und das Licht gedimmt (Während Mae sich meist etwas anderes anzog, um ihre körperliche Verletzlichkeit weiter zu zelebrieren). dem Zuschauer wurde also sofort klargemacht, wann eine neue Szene beginnt und wo sie spielt, nur anhand der Einfahrt der Requisiten. Auf der einen Seite hatte das die Stärke, die auch das griechische Theater bereits hatte – man muss nichts etablieren, sondern die Bühnenseiten sind bereits codifiziert und bedeutungsgeladen. Auf der anderen Seite wurde dem Publikum hier wirklich jede Bedeutung ohne Reflexion geliefert. Und  trotzdem verstand das Publikum sie teilweise nicht.

Ein Gedanke zu „You got older – The Steppenwolf Theatre“

  1. Woher weißt du denn so genau wie die Zuschauer das Stück empfunden haben?
    Verlegene Lacher oder einfache Fragen nach dem Stück sagen doch darüber nichts aus

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