The Antilope Party – Wit Theatre

Auf das gestrige Stück freute mich mich ganz besonders. Amerikanische Gesellschaftskritik trifft auf „My little Pony“ – das klingt doch in vielerlei Hinsicht vorzüglich! Deswegen war ich Nic sehr dankbar, das Stück gefunden zu haben und ging voller Vorfreude zum Theater in einer Neighbourhood, die sehr theaterlastig war. als wir unsere Karten holten und eine kleine MLP-Figur bekamen, freute ich mich sehr – alles was sehr stimmig. Wir betraten das Theater, am Boden unechter grüner Rasen ausgelegt, alle Wände zeigten Bilder aus einem Industriegebiet, einer heruntergekommenen Stadt im Rust Belt der Vereinigten Staaten. Der Publikumsraum war gespickt mit ebenso heruntergekommenen Straßenlaternen. Doch das eigentliche Zentrum der Bühne war anders – ein Raum in einer kleinen Wohnung, Wohnzimmerartig. Alles dort war bunt, Regenbogenvorhänge, Party-Lichter, die bunte Stroboskope überall, nicht zusammenpassende Möbelstücke, die billig zusammengestellt wurden, aber sowieso kaum zu sehen waren, weil sie gänzlich mit Plüsch-Ponys in allen Größen, Formen und Farben gespickt waren. Währenddessen lief typische amerikanische Country-Musik, die sich nicht so ganz in den Raum einfügen wollte.

Da das folgende Stück vor allen durch das Buch brilierte, möchte ich die Handlung hier kurz umreisen. Fünf Freunde leben in einem Stadt mit immer weiter ansteigenden Kriminalitätsrate, sie haben Angst um ihre eignen Jobs und die Wirtschaftsspirale ist auf einem Abwärts-Weg. Doch all das ist unseren Protagonisten, nicht so wichtig, denn sie haben sich gegenseitig und ihre Freundschaft. Da Stück beginnt mit einer rührenden Rede von Shawn in einem sehr rosanen Pinky-Pie Kostüm, in der er erzählt, wie berührt er ist, in der Brony-Gruppe aufgenommen worden zu sein, die ihn umgibt, dass all seine Freunde hier sein Leben verändert haben, dass er sich sicher fühlen kann, obwohl er sich draußen verstecken kann – hier in der Wohnung von Ben mit den anderen kann er sein, wie er wirklich sein möchte. Ganz stimmig wirkt die Situation aber nicht, denn neben 2 Männern und 1 Frau, die sehr auffällig ponyig gekleidet sind, sitzt eine weitere Frau auf einem Stuhl und scheint sich eher unwohl zu fühlen. Als der rosane Redestab zu ihr kommt und sie endlich erzählen darf, was ihr auf dem Herzen liegt, offenbart sie dass ihr Erscheinen ein Versehen war. Nach den schrecklichen Geschehnissen von 9/11 gab es die Truth-Bewegung, die aufdecken wollten, dass diese schreckliche Tat ein Inside-Job war – sie ist ein Teil davon gewesen, bis sich alle trennten, weil die Regierung hinter ihnen her war und es nicht mehr sicher war, sich zu treffen – so erzählt sie zumindest. Als sie das und Plakat der MLP-Meeting-Group sah, entdeckte sie dort eine geheime Botschaft und hoffte, ihre Freunde wären undercover unterwegs und tarnten sich – welcher erwachsene Mensch würde schon auf eine Kinderserie stehen? Sehr zerknirscht, enttäuscht und der festen Überzeugung, ihre Verschwörungskumpanen jemals wiederzusehen verabschiedet sie sich.

Unsere Bronies und Pegasisters sind etwas verwirrt, haben aber wenig Zeit, den Vorfall zu reflektieren, denn Doug, ein weiteres Mitglied erscheint aufgewühlt und erzählt, dass Maggie von der Neighbourhood-Watch gefangen genommen wurde – einer Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, da die Polizei mit der Situation, all den Fremden und Obdachlosen in der Stadt nicht mehr klarkommt. Da unsere Bronies auch anders und ganz speziell sind, haben sie Angst, ebenfalls als Bedrohung wahrgenommen zu werden und Ärger zu bekommen. Maggie textet relativ schnell, dass alles ok ist und sie nur auf eine Pizza eingeladen wurde, sie kommt dann etwas später zur Gruppe dazu, möchte aber nicht über das Passierte reden. Doug ist sehr besorgt und kauft ihr nicht ab, dass alles ok ist – er geht und ist sehr enttäuscht. Die anderen verbringen den Abend mit einem Rollenspiel – ein jeder spielt einen der Charaktere ihrer geliebten Serie und sie bestreiten Abenteuer in Equestria – Pen and Paper lässt grüßen. Noch können sie den aufgehenden Schatten ignorieren, doch bald verschärft sich die Situation.

Shawn begleitet Maggie nach Hause, sie erzählt ihm, dass ihr Vater ein wichtiger Teil der Neighbourhood Watch ist und sie von ihrem Cousin aufgegriffen wurde, den sie schon länger nicht mehr sah. Sie relativiert all das Geschehene nochmal, da man in den schweren Zeiten ja auch Menschen bräuchte, die die Stadt vor all dem drohenden Unheil beschützen – die Welt sei nunmal nicht mehr so sicher wie früher. Am gleichen Abend wird Doug aufgegriffen und bedroht – er solle doch so spät nicht alleine unterwegs sein – kommt aber einer Prügelei mit der Watch davon, indem er kooperiert und nach Haus geht.

Die Handlung macht einen Zeitsprung, drei Wochen später sind Shawn und Maggie ein Paar und Doug hat sich schon lange nicht mehr bei den Treffen blicken lassen („Three week are a long time in Broniverse…“). Er trifft sich Rachael alias Twilight Sparkle in einen Restaurant und erzählt ihr von all seinen Sorgen – er ist unsicher, wie er mit Maggie verfahren soll, die der Watch so nahe steht, außerdem hat er einmal mit Maggie gekuschelt und das wäre jetzt ja seltsam für Shawn, würden sie sich wiedersehen. Die ruhige und etwas schüchterne Rachael versucht zu schlichten und sagt, dass diese Geheimnistuerei keinen Sinn macht und er zur Gruppe kommen soll – über die Neighbourhood Watch wird aber nicht geredet, diese Regel haben alle gemeinsam beschlossen. Eigentlich zwar eher Maggie allein, aber man möchte keinen Konflikt, der die Magie der Freundschaft gefährden würde. Doug rafft sich auf und kommt zum Treffen, redet aber doch über seine Sorgen und wird dafür vorerst stark kritisiert, Maggie allerdings öffnet sich nun und erzählt allen, was ihre Beziehung zur Watch ist und dass sie zusammen mit Shawn nun eingetreten ist – wenn eine Entwicklung einem nicht gefalle, sollte man sie aktiv verändern – denn auch in all diesem Menschen stecke ein magic pony. Doug wirkt nicht überzeugt, Rachael sogar entsetzt doch niemand sagt etwas.

Ein paar Tage später eskaliert die Situation – der übergewichtige und schwarze Ben wird von der Antelope Party (wie sich die Watch mittlerweile nennt) aufgegriffen und verprügelt. Er kommt mit blutender Nase in sein Apartment, Shawn im Schlepptau. Dieser versucht die Situation zu relativieren und den Täter als Einzeltäter darzustellen, mit dem der Rest der Party nichts zu tun hat. Später kommen die anderen dazu, sind entsetzt und wissen nicht was zu tun. Just in diesem Moment bittet Maggie alle, ein Unterstützerschreiben zu unterschreiben, da sich in der Öffentlichkeit niemand traut für oder gegen die Party zu sprechen und sie wissen wollen, wer auf ihrer Seite steht. All die Leute, die das Schreiben ausfüllen sind garantiert sicher, da die Party sich auf ihre Loyalität verlassen kann und sie vor den „Gutterpunks“, dem Abschaum auf den Straßen beschützen kann. Das sei wichtiger als je zuvor, da die Gutterpunks eine große Sache planen, Anschläge, Verbrechen und wer weiß schon genau, was noch. Vor allem Rachael ist sehr unsicher, da auf dem Schreiben auch ihre Adresse stehen soll – sie will sich das ganze lieber ausführlich überlegen doch Maggie und Shawn bedrängen alle – es seien ja nur Formalitäten und sie könnten es sich nicht verzeihen, wenn so etwas wie mit Ben ein zweites Mal passiert.

Nachdem Rachael das Schreiben unterzeichnet, traut sie sich nicht mehr in ihre Wohnung. Sie lebt einige Tage bei verschiedenen Freunden und bittet dann Doug im ein Treffen – außerhalb des Staates, sie fühlt sich nicht mehr sicher, traut sich nicht, etwas gegen die Antelope Party zu sagen, die mittlerweile vollkommen Ernst gemeint ideologisch verbreiten, dass die Guten Menschen von den Antilopen abstammen würden, all die Verbrecher von den Coyoten (Man hätte ja nie gesehen, ob Lincoln keine Hufe hatte – er trug immer Schuhe! Außerdem wurde auch die Geschichtsbücher von jemandem geschrieben und all das was wir denken zu wissen, sind Geschichten wie Märchen es auch sind). Doug ist nun auch Teil der Antelope Party, da es viele Vorteile bietet und er sich nur so gänzlich sicher fühlen kann – er eröffnet Rachael aber, dass er dies nur macht, um besser ermitteln zu können, was sie vorhaben. Rachael traut ihm nicht und sagt einfach nichts mehr, hält sich still und ist gelähmt.

Ein wenig später eskaliert die Situation gänzlich und Gutterpunks und Antelopes stoßen aufeinander – dabei wird ein Mädchen verletzt und muss ins Krankenhaus, beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Shawn kleidet sich mittlerweile gänzlich anders und ist ein hohes Tier in der Party geworden, er braucht eine Bronies nicht mehr, er hat jetzt eine neue, bessere Gemeinschaft – dennoch trifft er sich mit ihnen, da es irgendwo einen Spion gibt und er niemandem vertraut. Er behandelt Maggie extrem herablassend und wirft ihr vor, sie halte ihn absichtlich klein um sich selbst besser zu fühlen. Nachdem sie ein paar Seiten aus der “Bibel“ der Party reißt, gerät er außer sich und gibt ihr eine Ohrfeige, woraufhin sie wegrennt.

Die Treffen der MLP-Gruppe sind mittlerweile sehr karg geworden. Niemand traut sich mehr, die farbenfrohen Kostüme zu tragen, niemand traut sich mehr, etwas zu sprechen, niemand traut sich mehr, nicht konform zu sein. In diese Situation stürmt Jean – wir kennen sie vom Anfang als 9/11-Truther! Sie hat beschlossen, ihre alte Welt hinter sich zu lassen, sie möchte Teil der Gemeinschaft sein, sie möchte Apple-Jack sein, genau die Rolle die der Gruppe noch gefehlt hätte, um das Rollenspiel zu komplementieren. Doch die Gruppe ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und Shawn erinnert sich, dass Jean das erste Mal erschien als Maggie von den Gutterpunks entführt würde! Das war doch so!? Niemand widerspricht ihm, weil er allen im Raum als Führungsperson der Antilope Party Ärger machen könnte. Also wird Jean gefesselt und Rachael bleibt zurück um auf sie aufzupassen. Gegen Ende warten beide auf eine Textnachricht von Doug. Sobald er schreibt, dass die Luft rein ist, werde sie Jean losmachen und sie könnten gemeinsam nach Kanada fliehen, raus aus der Hölle. Doch Doug schreibt nicht, stattdessen kommt Maggie und möchte sich bei Rachael entschuldigen. Sie ist entsetzt, Jean gefesselt zu sehen und möchte sie losmachen, Rachael auch. Beide haben aber Angst, dass die jeweils andere sie testet – so stehen sie da und tuen nichts, bis gegen Ende die Tür klingelt…

Das Buch des Stückes war in vielerlei Hinsicht sehr eindrucksvoll geschrieben, manchmal schoss es allerdings über das Ziel hinaus (Villeicht bin ich als Deutscher die Nazi-Keule aber auch einfach so sehr gewohnt, dass mir etwas mehr Subtilität an manchen Stellen gut getan hätte). Dass die Bronie-Gruppe schon von Anfang an ihre eigenen Konflikte hat und alle versuchen, übertrieben freundlich und höflich miteinander umzugehen befeuert all die kommenden Probleme – man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Radikalisierung der Gruppe zufällig oder willkürlich passiert – jeder hat seine eigenen Probleme und Sorgen, die ihn anfällig machen. Maggie hat die familiäre Vorbelastung, Shawn möchte Anerkennung, Ben ist schwach und Teil einer Minderheit, Rachael traut sich nicht, zu widersprechen und Doug… Doug ist undurchschaubar und arbeitet vor allem seinem eigenen Vorteil zu.

Leider war die Schauspielleistung an manchen Punkten nicht gänzlich überzeugend, weswegen manche der rollen nicht die Tiefe bekamen, die sie verdient hätten und die das Buch hergegeben hätte. Auch das Abdunkeln der Bühne und Szenenumbauten bei Musik brachten mich immer wieder aus dem Bühnengeschehen was sehr schade war, da das Stück so viel Potential vergeudete, das da gewesen wäre. Ein absoluter Glückstreffer war allerdings die Schauspielerin von Jean, die ihren Wandel und ihre Motive eindrucksvoll auf die Bühne brachte und damit den restlichen Cast gegen die Wand spielte.

Insgesamt wusste das Stück nicht genau, ob es eine Komödie sein wollteund satirisch arbeiten oder sich ernst nimmt und gesellschaftskritisch die Keule austeilt. Aber villeicht ist diese fehlende Subtilität auch genau das, was Amerika und auch Deutschland zurzeit wirklich braucht. Dass der Stoff fast eins zu eins auch auf Deutschland und eine Partei mit dem Anfangsbuchstaben A übertragen könnte zeigte, dass Angst und effektives Werkzeug ist und man sich ihr auf keinen Fall ergeben sollte. Denn Friendship is Magic. Allerdings nur echte Freundschaft, echtes Vertrauen in sich selbst, in einander und in die Welt. Dazu muss manchmal auch gehören, dass Themen angesprochen werden, die man villeicht nicht hören möchte, weil sie einen verunsichern oder verärgern.

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