Claire Cunningham & Jess Curtis: The way you look (at me) tonight

Wann beginnt ein Theaterstück? Oder sollte man lieber Aufführung sagen? Das war eine der Fragen, die gestern nach der Performance von Claire Cunningham und Jess Curtis „The way you look (at me) tonight“ durch meinen Kopf gingen. Das Bühnengeschehen war nicht nur aus dem Leben gegriffen, sondern ein solcher Teil davon, dass es sich einen Platz im persönlichen Narrativ meines Lebens geschaffen hat und wohl schon ab dem Moment losging, als wir die Karten dafür kauften.

Nach einer ziemlich spontanen fixen Idee, nach Chicago zu fliegen, inmitten dieser großen Schneewüste, umgeben von Kälte uns Eis, buchten wir die Tickets für verschiedene Shows, da wir einige Theaterstücke sehen und unsere Theatererfahrungen erweitern wollten – das hier beschriebene Stück sollte das erste sein. Vor mittlerweile fast 4 Tagen begannen wir unsere Reise in zwei verschiedenen Flixbussen nach Prag, gelangten vom HBF zum Flughafen, versuchten dort mit mäßigem Erfolg ein wenig zu schlafen, flogen nach London und dann weiter nach Chicago. Bis wir in unserem Hostel waren, betrug die Reisezeit ca. 37 Stunden und dennoch war es gerade erst früher Abend. Die Zeitverschiebung kommt mir gerade auch beim Schreiben dieses Textes zugute – es ist nicht einmal 7 Uhr morgens und ich schreibe, weil ich das Gefühl habe, meine Erfahrungen in Worte fassen zu wollen. Dieses spezielle Mal auch tatsächlich nur Worte, ich habe das Gefühl, Bilder können nicht beschreiben, was ich ausdrücken möchte, außerdem möchte ich an meinen Worten etwas arbeiten.

Ich weiß nicht einmal genau, wie ich nennen soll, was ich hier gerade mache – eine Review oder Kritik wird es nicht werden, eher ein Erfahrungsbericht. Deswegen beschreibe ich explizit nicht nur die Performances, die wir sehen. Auch alle anderen Erfahrungen sind einer Erwähnung wert – beispielsweise, dass der Lake Michigan zugefroren ist und Chicago an einer seiner Seiten tatsächlich einfach zu enden schient und dort eine endlose weiße Fläche zu sehen ist, die der Animator bisher wohl noch nicht gefüllt hat. Oder auch, dass ich noch nicht ganz realisiert habe, wie weit weg von Bayreuth und Regensburg wir doch sind – abgesehen von der Möglichkeit, Taco Bell Tacos genießen zu können und keine Möglichkeit zu haben, sich gesund zu ernähren. Fairerweise muss man aber dazu sagen, dass wir so viele Supermärkte noch gar nicht probiert haben, insoweit heißt es, die Hoffnung noch nicht gänzlich aufzugeben. Achja, ich sollte noch erwähnen, das der Urlaub für mich bisher unter dem Motto „Jonas lässt überall Süßigkeiten rumfallen und isst sie trotzdem“ steht – ich versuche aber daran zu arbeiten.

Nun also spezifisch zu Samstag. Wir verbrachten den Tag im museum of contemporary art, da unser Performance-Ticket uns kostenlosen Eintritt beschaffte. Wie moderne Kunst eben funktioniert, war manches ziemlich gut und durchdachte, hat uns mitgerissen, uns die Möglichkeit gegeben, in Diskussionen zu verfallen und anderes war eher ziemlich pointless. Aber auch ein wichtiger Teil einer solchen Museumserfahrung ist ja immer der Museumsshop und dort fühlten wir uns beide sehr wohl – so verging die Zeit relativ schnell und wir konnten nach einigen hochspannenden Gesprächen das Theater betreten.

Wir wurden nicht durch den Haupteingang hereingelassen, sondern schlängelten uns durch die Katakomben unterhalb des Museums und betraten schließlich nicht den Zuschauerraum, sondern die Bühne. Auf dieser waren gleichmäßig einige Stühle und Kissen verteilt, zusätzlich war der Bühnenraum von Sitzgelegenheiten umgeben. Der eigentliche Publikumsraum war leer und die Stühle starrten die Bühne gewissermaßen an. Sich an die neue Perspektive zu gewöhnen, fiel allerdings kaum schwer, denn die beiden Performer Jeff Curtis und Claire Cunningham waren bereits munter auf der Bühne unterwegs (Er lief mit einem Stück, sie hatte Krücken) und ermunterten die einkommenden Gäste, die sie persönlich begrüßten, die Plätze mitten im Bühnenraum zu nutzen, dabei sprachen sie allerdings die Warnung aus, dass es dort bis zu einem bestimmten Punkt zu Körperkontakt mit den Performern kommen könne. Manche Zuschauer setzten sich eher zaghaft an den Rand, beobachteten lieber, andere reservierten sich Plätze im exakten Zentrum der Bühne. Unschwer zu erkennen, zu welcher der beiden Gruppen wir gehörten.

Der Raum füllte sich mit Menschen und mit Leben, man konnte ein Stimmgewirr wahrnehmen und die Performer nahmen sich mehr und mehr Raum, indem ihre Stimme einen größeren Kreis ansprach. Zuletzt durfte die Stage Managerin/Technikerin nochmal die Bühne sauberwischen, da der schmelzende Schnee eine Ausrutschgefahr darstellte, dann wurde schließlich das ganze Publikum adressiert. Herzlich willkommen geheißen zu diesem Tanzabend. In den einleitenden Worten stellten Jeff und Claire sich vor und erzählten, dass aus Gründen der Barrierefreiheit große Teil des Stückes nicht (nur) getanzt, sondern auch erzählt werden werden und es zu gegebener Zeit an den die Bühne umgebenden Leinwänden Übertitel für all jene, die nicht oder schlecht hören können, geben werde. Da das Stück sich mit dem Thema Behinderung, Handicap und dem daraus resultierenden Anderssein beschäftigte war es wichtig, jeden Menschen unabhängig von Benachteiligungen adressieren zu können. Dementsprechend gemischt war auch das Publikum – eine Frau hatte sogar ihren Blindenhund dabei, der brav und teils sogar hochinteressiert dem Bühnengeschehen folgte.

Ich möchte nicht sagen, dass es nach dieser Einleitung „losging“ – dafür war diese Einleitung schon zu sehr Teil des Stückes. Die beiden Performer begannen, durch den Raum zu gehen, ihre Köpfe seltsam zu verrenken und in regelmäßigen Abständen Push-Ups zu machen (Oder das Pandon dazu, das ihr Körper hergab). Nach einiger Zeit fingen sie an, dazu zu sprechen. Sie erzählten von ihren Erfahrungen, durch die Gehhilfen immer wieder Menschen in ihrem peripheren Sichtfeld zu sehen, die sie anstarrten und wieder wegblickten, sobald die Performer den Blickkontakt suchten – diesen Moment merkten, an dem es unangebracht war, einen anderen Menschen anzustarren und ihn aufgrund dessen mit noch mehr Nicht-Beachtung zu strafen – ein ganz natürlicher Prozess, in dem auch ich mich wiedererkannte. Hier zeigten die beiden schnell, dass ihnen jede Form von Verurteilung des Verhaltens fremd wäre – es ging vielmehr darum, klarzumachen dass ein gänzlich normales Leben mit einer Behinderung nicht möglich ist und dass sichtbare Handicaps natürlich eine Auffälligkeit erzeugen, die nicht immer angenehm ist. Währenddessen liefen die beiden weiter durch den Raum und luden uns Publikum ein, sie nur durch unsere periphere Sicht wahrzunehmen – sie weder direkt anzublicken noch aus unserem Blickfeld zu verlieren – falls doch sollten auch wir ein Push-Up machen, da laut Claire Cunningham eine Aufgabe gekoppelt mit einer Penalty gleich mehr Wettbewerbscharakter hätte.

Auf diese Art und Weise ging der Abend weiter. Da es keine Pause gab und Jeff Curtis am Anfang alle mit einer unruhigen Blase einlud jederzeit die Toilette aufzusuchen, gab es immer wieder ein wenig Fluktuation, der Raum war immer offen und ständig in Bewegung. Die beiden Performer bleibendem Stil treu, irgendwie nicht so richtig „anzufangen“, sondern einzelne Übungen zu zeigen, Tanz zu improvisieren und dazwischen durch den Raum zu laufen und miteinander über persönliche Dinge zu sprechen. So kam die Rede auf ihre Behinderungen Claire Cunningham leidet an Muskelschwäche und Knochenschwund uns ist so schon immer an ihre Krücken gebunden, von denen sie auch immer wieder als eigene Körperteile berichtet, die sie schon immer begleiten – sie kann damit auch Dinge anstellen, die mich immer wieder hinterfragen lassen, ob ich jemanden, der offensichtlich in jeder körperlichen Hinsicht fitter als ich ist, wirklich behindert nennen möchte – trotzdem bracht sie die Krücken um sich fortzubewegen, vor allem über längere Strecken, weswegen sie zumindest ein Hilfsmittel braucht. Wirklich behindern tut es sie aber nicht – sie turnt durch den Raum, springt, macht Drehungen und sieht teilweise wirklich aus, als hätte sie ein Skateboard. Als wäre alles um sie herum ein großer Spielplatz.

Bei einem Tanz beweget sie sich vom einer Person zur nächsten, gänzlich in der Luft, nur ihre Krücken berühren den Boden, das ist einer der intimsten Momente des ganzen Stückes, während dem Alva Noë, der philosophische Berater des Stückes, mit einem sehr existenzialistischen Text auf einer der drei Leinwände zu sehen ist. Alles stimmt in diesem Moment, die Zeit bleibt kurz eingefroren und ich habe das Gefühl, ein Puzzleteil vor mir zu haben, dass sich in mein persönliches Leben perfekt einfügt.

Neben Claire Cunningham, die neben der Performance auch für die Choreographie und Entwicklung verantwortlich ist, nimmt Jeff Curtis als Performer einen großen Raum der Aufführung ein. Er ist ein Tänzer, weiße Haare, wohl etwa 50 Jahre alt und hat eine Hüfte aus Titanium – sein persönliches Handicap. Er ist einer dieser ewig jung gebliebenen Menschen, er witzelt viel und ist neben der teilweise doch etwas reservierten Schottin Cunningham definitiv in jeder Hinsicht der Amerikaner im Raum. Spannend wird das immer in den Momenten, in denen beide reden und man spürt, dass es eine Verbindung gibt. Einerseits über ihre gemeinsame Leidenschaft, den Tanz, andererseits über das daraus hervorgehende Leiden, abhängig von der tadellosen Funktion des eigenen Körpers zu sein. Die beiden bilden eine Einheit – sie erklärt ihm immer wieder Tricks, mit Krücken umzugehen, er bringt ihr Improvisationsübungen näher, vor allem die Strategie der „Contact Improvisation“. Die erste Regel dabei ist, dass die Tänzer immer in Berührung zueinander bleiben müssen, weiteren Regeln können dazu erfunden werden, um die Improvisation greifbarer zu machen. Einmal wälzen beide sich über den Boden und legen eine unglaubliche Geschwindigkeit durch den Raum zurück, einmal ist er das Bot, auf dem sie durch den Raum schwebt, ohne den Boden zu berühren. Die Tanzeinlagen geben emotional das wieder, das beide dazwischen immer wieder versuchen, in Worte zu fassen. Entgegen der These von Jeff Curtis, dass er glaubt, wirklich NIEMAND würde zeitgenössischen Tanz verstehen, manche tun nur so als würden sie es, spüre ich ein tiefes Verständnis, eine tiefe Empathie für all das, was auf der Bühne um mich herum passiert. Als Claire Cunningham eine Leiter heraufklettert, all ihre Kraft in den Armen und Jeff Curtis einfach nur dasitzt und sie beobachtet wie alle anderen Zuschauer, habe ich das Gefühl, wir sind alle sehr nah beieinander, nicht nur räumlich, auch emotional. Als Jeff Curtis die Theorie der Post-Humanity aufgreift, nach der Menschen nicht da enden, wo ihr Körper aufhört, sondern eine Aura ausstrahlen, kann ich sie förmlich spüren. Als er einen Solotanz tanzt, bei dem es darum geht, bei jedem Schmerz der Hüfte eine andere Bewegung auszuprobieren, die angenehmer ist, spüre ich jeden Stich bei einem falschen Schritt – ich bin mehr als nur dabei.

Hochinteressant ist dann noch das Gespräch der beiden über Sexualität. Hier erzählen beide sehr differenziert von Erfahrungen, die ihr Leben bestimm haben. Claire Cunningham hat das Gefühl, die Krücken desexualisieren sie, weswegen sie es bis heute seltsam findet, als Frau wahrgenommen zu werden – dadurch dass sie nie auf der Straße belästigt wurde, ihr nie nachgepfiffen wurde, hatte sie den Eindruck keine „normale“ Frau zu sein, da diese lästigen Auseinandersetzungen mit Männern ja irgendwie dazugehörten – dachte sie zumindest. Hier wird das ganze Stück extrem aktuell, man kann die Me Too Debatte im Raum förmlich spüren und es verleiht ihr eine ganz neue Komponente, dass Behinderte von ihr gewissermaßen ausgenommen sind, die sie wesentlich weniger als „Beute“ wahrgenommen werden. Auf der einen Seite versteht man Claire, wenn sie all das gerne gehabt hätte, auf der anderen Seite meint sie selbst, dass es viel über unsere Gesellschaft sagt, dass sie sich nicht freuen kann, bei all diesen Belästigungen außen vor zu sein. Die andere Perspektive nimmt Jeff Curtis ein, der sich ganz offen dazu bekennt, gerne auch offensiv zu flirten – seit er einen Stock hat oder zwischendurch auch mal Krücken hatte er nicht mehr das Gefühl, dabei als Mann ernstgenommen zu werden. Was einerseits darin resultierte, dass Frauen keine „Angst“ mehr vor ihm hatten und er sich bis zu einem gewissen Punkt seiner Männlichkeit entledigt sah, andererseits aber gerade darin resultierte, dass wesentlich mehr Augenkontakt erwidert wurde und er das Gefühl hatte, seine Flirtversuche seien insgesamt erfolgreicher. Hier zeigt sich das, was das gesamte Stück aussagt – jede Schwäche kann auch eine Stärke sein und jede scheinbare Stärke kann uns sehr schwach machen.

Als das Stück endet und die beiden sich unter Applaus verbeugen, ist es nicht wirklich vorbei. Viele bleiben auf der Bühne sitzen, reden miteinander, auch die Performer bleiben noch lange auf der Bühne, der Abend will nicht enden. Das war eigentlich die schönste Erfahrung an dem ganzen Stück. Das Gefühl, umgeben zu sein von Menschen, die jetzt noch nicht gehen wollen, weil das Stück nicht enden kann. Weil es ein Stück aus dem Leben ist und damit einfach weitergeht.

3 Gedanken zu „Claire Cunningham & Jess Curtis: The way you look (at me) tonight“

  1. Hey Jonas, gut zu lesen, dass Ihr nach Eurem irre langen Trip gut in Chicago angekommen seid. Angekommen auch im wirklich
    übertragenen Sinn.? Denn die Beschreibung von der Umgebung
    und besonders der Performance von Claire und Jess, haben mich fasziniert. Ich kann verstehen, wie Du Dich gefühlt hast,
    manchmal habe ich ähnliche Situationen erlebt. Man muss sich
    im Leben diese Begeisterung erhalten und eintauchen in etwas
    Neues. Habt weiterhin gute Erlebnisse, liebe Grüße zu Euch
    Beiden, Oma..

  2. Das klingt echt spannend.
    Strenge, aber auch cool finde ich es auch, dass ihr in Chicago seid. Ausgerechnet Chicago. Das ist als hätte jemand verkehrt herum die Zeit zurück gedreht. Jetzt musste nur noch Theri mit mir durch Europa reisen und nicht nur ich die Berge rauf und runter.
    Ich wünsch euch noch eine gute Zeit!
    Grüß mir den See!
    Anni

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