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Row After Row – Apollo Theatre

Nach 10 Tagen, an denen wir in unserem Urlaub Theaterstücke schauten (im Schnitt 2 pro Tag) kam gestern die letzte und gleichzeitig zwanzigste Aufführung im Apollo Theatre, in dem wir bereits Showtime with Shakespeare sahen. Nach einem sehr schönen, frühlingshaften Tag im Lincoln Park am Lake Michigan und mit Tacos und schrecklichen amerikanischen Getränken neigte sich der Tag dem Ende zu und wir betraten das Theater. Dieses Mal wurden wir nicht in das Haupttheater geführt, sondern in das Erdgeschoss gebeten, da Row after Row im Studio aufgeführt wurde. Das war gleichzeitig der kleinste Theaterraum unserer gesamten Reise mit einer maximalen Auslastung und 56 Personen. Da ich mich während der letzten Tage ein wenig in kleine Theater verliebte, freute ich mich über den intimen Rahmen. Wir betraten den Raum und standen vor einer traditionell angehauchten Kneipe, die so auch in Deutschland hätte existieren können – Holzwand, gefliester Boden, Tisch und Stühle auch Echtholz. Dazu lief Marschmusik und andere patriotische, amerikanische Lieder, die aus der Zeit des Bürgerkriegs, des Civil Wars stammten. Immer wieder ratterte der ganze Raum – die Metro fuhr direkt vor der mäßig gut isolierten Wand vorbei und in regelmäßigen Minutenabständen ratterte und vibrierte der ganze Raum und ich fühlte mich wirklich wie in einer kleinen Bar in einem etwas heruntergekommenen Viertel einer Stadt.

Ort des Geschehens war Gettysburg – ganz kurz für den Kontext: Dort war die größte, entscheidende und verlustreiche Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges, aus der die Union siegreich hervorging und die ein entscheidender Schritt zur Staatsbildung der heute bekannten Vereinigten Staaten war. Jedes Jahr zum Unabhängigkeitstag am vierten Juli treffen sich dort in Gettysburg, einer Stadt mit etwa 7000 Einwohnern, um die 8000 Reenactor, die mit großem Aufwand versuchen, die Schlacht möglichst authentisch nachzustellen. Dabei legen viele sehr viel Wert darauf, dass die Kleidung und Waffen akribisch in die Zeit passen und auch die ethnische Zusammensetzung der Bataillone stimmig ist. für all das geben sie auch viel Geld aus – eine Investitionen von 15.000$ für die gesamte Ausrüstung ist keine absolute Seltenheit. Dieses Spektakel wird jährlich von vielen tausenden Menschen verfolgt und ist eine wichtige Tradition. Die Handlung ist zur Zeit eines dieser Reanactments angesiedelt – nach dem anstrengenden Tag möchten Cal und Tom in ihre Stammkneipe, um das Spektakel bei einem gemütlichen Feierabendbier ausklingen zu lassen. Leider ist hier typischer Stammplatz nicht frei, dort sitzt Leah – auch gekleidet in Kostüm, aber eine Frau. Eine schwarze Frau. Am Stammtisch der beiden. Cal klärt sie freundlich aber bestimmt auf das Missverständnis auf – er und sein Freund säßen schon immer an diesem Tag an diesem Tisch und dass Leah das doch sicherlich verstehen werde. Tom versucht etwas zu verhandeln, da Cal sowohl frauenfeindlich als auch rassistisch rüberkommt. Leah ist zuerst eingeschnappt, bietet den beiden dann aber je einen Platz an. Tom akzeptiert dankend, Cal ist nicht zufrieden, weil das nicht das ist, was er wollte und er scheinbar nicht sonderlich kompromissbereit ist. Er mosert weiter herum und nach einiger Zeit kristallisiert sich sein Problem heraus: er nimmt sein Re-Enactment sehr ernst und hat ein Problem, dass sie als schwarze Frau teilnimmt und ihr Kleidung dann auch noch nicht akkurat ist – ihr Hemd ist offensichtlich 15 Jahre jünger als die Kleidung zur Zeit der Schlacht! Angriffslustig reagiert Leah mit einem großen Haufen Ironie, dass sie als schwarze Frau ja wohl eher auf dem Baumwollplantagen als Sklavin arbeiten solle, um historisch akkurat zu bleiben. Cal versteht die Ironie nicht und dankt ihr für ihr Verständnis, Tom schämt sich für seinen Freund.

Im Laufe des Abends, den die drei nur reden, stellt sich heraus, das jeder sein eigenes Problem und seine eigenen Gedanken mit sich herumschleppt und sie das Gefühl haben, durch das Reenactment jemanden verkörpern zu können, der heldenhaft gekämpft hat und nicht ihr ödes, doofes und anstrengendes Leben innehat. Tom arbeitet als Lehrer im Ort und der Staat beschloss kürzlich einige Budgetkürzungen. Tom muss nun entscheiden, ob er das hinnimmt oder wie einige seiner Kollegen streikt. Da er aber eine kleine Tochter zu ernähren hat, ist die Entscheidung nicht so einfach. Leah muss ihr Leben lang dagegen ankämpfen, wie sie als afroamerikanische Frau behandelt wird. Einmal wurde sie sogar in der U-Bahn attackiert, gegrabscht und konnte sich glücklicherweise wehren. Doch sie hat das Gefühl, einen eigen Kampf kämpfen zu müssen, aus dem es keinen Ausweg gibt. Der einzige, der kein Verständnis zeigt ist Cal. Er reagiert sehr unempatisch, wirft Tom für, seine Ideale verraten zu wollen und sagt Leah, dass die sich nicht so anstellen soll, das bisschen Grabschen sei doch wahrlich kein „Angriff“. Erst ganz am Ende des Stückes kommt heraus, dass er derjenige mit den größten Minderwertigkeitsgefühlen ist. Er hat das Gefühl, in seinem Leben nichts erreicht zu haben, dass alle anderen stärker sind als er, dass er in seinem Job feststeckt. Immer wenn er den General spielt, hat er das Gefühl, etwas zu tun, das irgendeine Bedeutung hat. Deswegen bringt auch auch diese regelrechte Obsession in sein Hobby – im Laufe des Abends findet er heraus, dass Tom den Vertrag mit den Budgetkürzungen dabeihatte und ist ihm darauf den ganzen Abend beleidigt – ein auf gebleichtem Papier via Laserdrucker bedrucktes Dokument, das nicht in diese Zeit gehört, das geht gar nicht! Gegen ende zeigt er jedoch ein wenig Verständnis (auch weil Tom ihm eine ordentliche Schelle verpasst) und gibt zu, sich selbst nicht vorstellen zu können, mit einem solche Problem umgehen zu können. Nachdem Tom die Kneipe verlässt, fragt er Leah, die er wohl auch ob ihrer Stärke bewundert, ob sie Lust hätte, mit ihn auf einen Reenactor-Ball zu gehen. Natürlich müsste man noch was mit ihrer Kleidung anstellen, aber er hätte Kontakte, die ihr da helfen würden und er fände es schön, sie als Freundin dabei zu haben. Sie ist zwar etwas skeptisch, sagt aber, dass man es ja probieren könne.

Gepaart mit dieser Szene im Restaurant, in der die drei Protagonisten eigentlich nur am Tisch saßen wurden immer wieder Szenen aus dem echten Civil War in das Bühnengeschehen eingeflochten. Dabei stellt sich heraus, dass die historischen Figuren, die die 3 darstellen, ganz ähnliche Probleme hatten wie die drei Protagonisten: Leahs Vorbild möchte als Frau kämpfen und muss dafür ständig ihre Identität verleugnen und doppelt so viel kämpfen wie alle anderen. Toms Charakter ist ein Deserteur, der nicht kämpfen möchte, weil er Angst hat, jemanden zu töten – denn jeder könnte unschuldig sein oder Kinder haben. Und Cals General ist ähnlich verständnislos wie Cal selbst. Gegen Ende, in der allerletzten Szene sieht er aber ein, dass die anderen Recht haben könnten. Er weiß eigentlich nicht, wofür er kämpft.

Und so endet unser Theatermarathon mit den Worten „Gute Nacht“ und einem sehr bedeutungsvollem Stück.

Message for Details – Shithole

Ich war ein bisschen wehmütig, dass wir das Greenhouse Theatre für längere Zeit wohl nicht mehr sehen würden, trotzdem mussten wir weiter, wir hatten am Abend noch eine Show: „Everyone’s a Lawyer“ – das Konzept klang ganz witzig – 3 Performer würden echte Gerichtsfälle vorgesetzt bekommen und sollten ihre imaginären Klienten möglichst kreativ verteidigen. Das Publikum sollte hierfür in die Rolle der Jury schlüpfen und so einen „Sieger“ küren. Ich freute mich schon, vor allem, was Chicago auch für seine Stand-Up Shows sehr bekannt sein soll. Wir suchten raus, wor wir hinmüssten: The Laugh Factory. Wir lasen es und hatten plötzlich beide keine Lust mehr, so schlecht war die Erfahrung am Vortag in dieser Location. Trotzdem dachten wir uns, wir haben die Tickets gekauft, also lass uns hingehen. Wir waren aber beide sehr unzufrieden damit. Als wir schließlich wieder im Theater saßen und das Set genau wie am Vortag nur aus einem Mikrofon auf einer kleinen Bühne bestand, waren wir uns sehr sicher, uns das nicht nochmal geben zu wollen. In dem Moment fiel mir eine Sache ein: Shithole. Ich las vor einigen Tagen im Internet darüber – es handelt sich um eine Untergrund-Theatergruppe, die in improvisierten Spielstätten irgendwas aufführen – was genau konnte man nirgends finden. Sie haben einen Instagram-Account und kündigen immer am gleichen Tag an, wenn es eine Show gibt – mit der Bitte: „Message for Details…“ – gestern gab es eine Show, also schrieben wir ihnen eine Mail, ob es sich lohnen würde, die Laugh Factory links liegen zu lassen und ob wir es noch schaffen würden, zu ihnen zu kommen. Die Antwort war einfach und effektiv: Yes. Wir sollten zu einer Bushaltestelle im Norden der Stadt fahren und dann eine Handynummer für weitere Details anrufen. Wir suchten die Verbindung raus, 2 Minuten bis Abfahre, wenn wir es noch schaffen wollten. Wir sahen uns nur kurz an, standen auf und verließen die Laugh Factory, stiegen in den Bus, der schon an der Straße wartete und fuhren ins Ungewisse. Schon zu dem Zeitpunkt war die Erfahrung besser als jene, die wir am Tag zuvor in der Laugh Factory machten. wir kamen bei der Bushaltestelle an und wurden in einen Garten in der Nähe gelotst. Dort begrüßte und Zach, freischaffender Künstler in Chicago und einer der Initiatoren von Shithole. 2013 begannen er und ein Freund, geheimes Improvisations-Theater, das keinen kommerziellen Anspruch hat, sondern den Anspruch, Leute zu haben, die unbedingt da sein wollen. Deswegen auch keine Adresse, keine offiziellen Informationen, man muss seine Komfortzone etwas verlassen, um dorthin zu gelangen. Die Show die wir sahen war die 413te und sie fand in Zachs Haus und Atelier oben auf dem Dachboden statt. Das ganze Haus war zugepflastert mit Bildern, Portraits, Materialkunst und weiterem – das meiste von Zach, manches von Gästen des Shitholes. Denn es gibt 3 Möglichkeiten, für die Show zu bezahlen: 1. Bleibe bis zum Ende. Die beste Bezahlung ist Aufmerksamkeit und Zuschauer für die Performer. 2. Gehe früher und spende etwas Geld für Toilettenpapier, etc, um das ganze am Laufen zu halten. 3. Spende Kunst, die in das Haus gehängt werden kann. Auch an den Wänden gab es manche Kritzeleien und wirklich kreative Bleistiftskizzen. Ein Werk, das es mir besonders antat war ein Spiegel mit Text darunter: Die Augen, die in diesen Spiegel schauen, schließen einen Pakt mit den Augen, die ihm entgegenblicken: 1. Du wirst dich selbst wertschätzen und gut finden was du machst. Du wirst Selbstvertrauen haben und alles schaffen, was du angehst. 2. Wenn du das nicht schaffst – nicht schlimm, versuchts nochmal. 3. Wenn du es gar nicht erst versucht, werden nachts kleine Goblins kommen und deine Seele fressen. Dadurch, dass man sich selbst in die Augen blickte, hatte ich das Gefühl, was ich hier sehe, hat eine Bedeutung.

Bevor es losging redeten wir noch mit manchen Gästen und Organisatoren, alle waren sehr erfreut uns kennenzulernen, die meisten waren schon mehr als einmal da, es gab aber auch manche, die zum ersten Mal dabei waren und meist von Freunden von dieser Gelegenheit gehört hatten – wir waren mit die ersten, die tatsächlich über das Internet einen Zugang gefunden hatten. Nun wurde uns auch erklärt, was wir sehen würden: Das Konzept war eine Mischung aus Open-Mic und StandUp, jeder Performer hatte exakt 4 Minuten, das Publikum zu unterhalten, zum Nachdenken zu bringen oder einfach nur Spaß zu haben, es sollten etwa 30 Performer auftreten, dazu saßen etwa 25 Zuschauer im Publikum – der Dachboden war also sehr voll.

Was wir dann sahen, lässt sich schwer beschreiben. Deswegen versuche ich es gar nicht erst. Aber es war wunderschön, so viel junges Talent auf einem Haufen zu sehen, so viel Wertschätzung untereinander – es gab die Regelung, während der Show nicht zu reden, wer das tat, wurde gebeten, zu gehen. Dadurch lag die Konzentration immer auf der Bühne und die Performer waren gezwungen, etwas damit anzufangen. Manche spielten Gitarre und sangen, manche trugen Gedichte vor, manche machte ganz typische Standup Comedy und ich muss sagen, es war nicht alles gut. Aber da man wusste, dass nach spätestens 4 Minuten jemand anders auf die Bühne kommen wird, war das ok und trotzdem applaudierte man der Person für den Mut, auf der Bühne zu stehen. Die Performer waren ganz wild gemischt – es gab Anfänger und Profis, die mit dieser Art von Kunst Geld verdienten. Unter anderem war auch einer der „Headliner der Nation“ vom Vortrag auch auf dieser Bühne vertreten. Und tausend Mal besser. Ich weiß nicht, was am Tag davor los war, aber er war energiegeladen, brachte pointierte Witze und behielt die Konzentration des Publikums – vermutlich ist die Antwort hierauf „in der Kürze liegt die Würze“. Ganz spontan ging auch Nic auf die Bühne und bescherte dem ganzen Raum einen besonderen Moment.

Als die Show nach etwa 2,5 Stunden vorbei war, hatten wir eine der kurzweiligsten und buntesten Erfahrungen der Reise hinter uns und ganz als ob der Abend uns ein passendes Ende geben wollte, hatten wir noch eine lebhafte Diskussion mit unserem Lyft-Fahrer zum Hotel. Der erzählte uns zuerst von Underground-Rave-Parties in den 90ern und dass es wirklichen „underground“ aufgrund der sozialen Medien gar nicht mehr geben kann.Aber dass es auch wunderbar ist, dass sich Menschen immer weiter vernetzen. Es gibt jetzt Kryptowährungen und bald sind alle Menschen unabhängig von Regierungen und wir können alle in Frieden leben. Wir kamen dann irgendwie auf Politik und seine Meinung schwenkte völlig um. Weil ganz Europa ja komplett muslimiziert wird und der Islam allgemein ausgerottet gehört und kein Flüchtling es verdient hätte, in eines der zivilisierten Länder einzureisen. Hier widersprachen wir ihm und machten ihm klar, dass er seiner vorigen Aussage auch selbst widersprach. Er erzählte dann von einer iranischen Freundin, die er hatte – hier zeigt er wieder eine sehr differenzierte Meinung und ihm war klar, dass es vor allem Amerika war, die den nahen Osten so destabilisiert haben. Das ganze irritierte mich etwas – vermutlich hatte er seine krasse Flüchtlingsmeinung aus der überspitzten Mediendarstellung. Denn seiner Darstellung nach sähe ganz Europa und vor allem Frankreich ja fast aus wie Syrien und niemand könne mehr sicher sein – eine solche Meinung bekommt man auch dann, wen sie einem auf diese Art und Weise vermittelt wird. So endete der Abend, der eh schon sehr divers war, sehr medienkritisch und mit der Hoffnung, einem Menschen eine etwas differenzierte Meinung näherzubringen.

Iron Irene , A Musical Fable – Greenhouse Theatre Center

Und so schnell näherte sich unsere Zeit im Greenhouse Theatre dem Ende, Iron Irene war bereits unser letztes Stück in diesem Theater und gleichzeitig die Derniere des Festivals. Nach Musical Therapy waren wir uns fast sicher, dass dieses Stück ein wenig hinter unseren Erwartungen zurückbleiben würden – eines der Probleme, wenn man so viel auf einmal sieht. Da wir aus dem Grund aber mit einer interessierten, aber nicht sonderlich erwartungsvollen Haltung in das Theater gingen, konnten wir das Stück genießen, ohne zu viel zu wollen, was ein angenehmes Gefühl war. Also betraten wir wieder das gleich Theater und wieder stand das gesamte Ensemble an einer anderen Stelle und ein anderes Bühnenbild begrüßte uns – das war eine der eindrucksvollsten Elemente des CMTF – jede Show hatte eine Auf- und Abbauzeit von gerade einmal 30 Minuten vor und nach jeder Show, das heißt alle mussten sich auf das absolute Minimum beschränken, das manchmal größer und manchmal kleiner war. Iron Irene war eine der Shows, die das Bühnenbild bis zum größten mögliche Punk ausreizten. Als wir das Theater betraten standen uns 2 normale Türen, eine Salontür, ein Tisch mit Stühlen, eine Bank und eine Salonbar gegenüber. Das ganze Set war sehr stilisiert und trotzdem prägnant dargestellt – ich fühlte mich wohl, weil meine persönliche Herangehensweise an Bühnenbilder der dargestellten recht ähnlich ist.

Obwohl das Musical Iron Irene hieß, war die Geschichte nicht wirklich ihre, sondern begann nur mit ihr. Nach dem Bürgerkrieg besitzt Irene ein kleines Stück Land im wilden Westen, lebt dort in einem Salon und habt ein paar Tiere, um die sie sich gemeinsam mit den anderen Bewohnern kümmert. Da wäre ein Cowboy, der sich um die Tiere kümmert, ein Sheriff, der für Recht und Ordnung sorgt, die Hausdame des Salons und natürlich auch ein leichtes Mädchen – ganz wie man das Setting aus jedem Western gewohnt ist. Die Handlung beginnt mit Irene, die einen Mann zur Rede stellt, der die Salondame verprügelte. Sie lässt ihn am Tisch fixieren, schneidet seine Hand ab und lässt ihn dann laufen, dass er erzählen kann, dass man bei ihr nicht machen kann, was man will. Danach wird sie zwar als Retterin der Stadt gefeiert, hat selbst aber ein schlechtes Gewissen, weil sie weiß, dass nicht richtig war, was sie getan hat, sich aber nicht besser zu helfen wusste, da die Einwohner auf sich allein gestellt sind und üble Gestalten ihr Unwesen treiben. In diese unruhigen Zeiten hinein kommt aber eine frohe Botschaft: Irenes Schwester Cassie (dargestellt von der Autorin und Regisseurin des Stückes) kommt per Eisenbahn im Ort an und freut sich, nach langer Zeit ihre Schwester wiederzusehen. Die Reaktion auf ihr Erscheinen ist zwiespältig – nicht alle wissen, ob sie begeistert sind, dass die Frau aus der großen Metropole, die belesen und gebildet ist und offensichtlich auf alle herabblickt  hier ist. Zu viele Gedanken kann man sich aber nicht darüber machen, denn es gibt zwei wichtige Themen, die die Bevölkerung und vor allem Irene gerade umtreiben: Einerseits möchte die Regierung einen Vertrag mit dem Dort abschließen sodass es ein offizieller Teil der Vereinigten Staaten ist und damit auch unter dem Schutz des Landes steht. Leider ist der Vertrag nicht optimal und der Ort würde all seine Autonomie verlieren: Sie könnten ihren Sheriff nicht selbst wählen, bekämen einen fremden Bürgermeister zugeteilt, Frauen hätten keinerlei Wahlrecht und der ausgehandelte Frieden mit den Indianern, die eng mit dem Dorf zusammenarbeiten, wäre dahin. Irene möchte den Vertrag unter diesen Bedingungen nicht unterschreiben, obwohl sie die Unterstützung der Nation bitter nötig hätte: Denn der einarmige Bandit vom Beginn taucht wieder auf und hat zwei Begleiter dabei – sie erpressen das Dorf, indem sie drohen, es auf seine Grundmauern niederzubrennen, wenn sie nicht 2000$ bekämen. So viel Geld steht nicht zur Verfügung sie sie handeln den Deal aus, die ersten 1000 sofort, die zweite Rate nach 2 Monaten zu bekommen.

Im folgenden folgt das Stück vor allem Cassie. Die bringt dem Dorf Literatur und die Welt der Bücher näher, bringt alle Lesen und Schreiben bei und ein wenig schriftlichen Ausdruck gleich noch mit. Vor allem der Cowboy bemüht sich sehr, vor allem um Cassie für sich zu gewinnen. Eines Tages trägt er ihr ein Gedicht vor, das sie sehr berührt, sie entreißt es ihm und ließt die Widmung: „Für Cassie, die Frau die ich liebe“. Sie ist glücklich, sie küssen sich und sind glücklich miteinander. Sie verbringen die Nacht zusammen und kurz darauf wird Cassie schwanger. Irene ist absolut nicht begeistert davon, da eine Geburt hier im wilden Westen viel zu gefährlich wäre. Sie müsse gehen und dürfe dem Cowboy nichts erzählen, da er sonst mit ihr gehen würde und das Dorf ihn und seine Schusswaffenfähigkeiten braucht. Doch bevor Cassie aufbrechen kann, kommen die Banditen wieder und geben sich mit den 1000$ nicht zufrieden, sie tun so, als hätten sie die ersten Rate nie bekommen. Da Irene ein für alle Mal Ruhe möchte, schlägt sie einen Shootout vor – sie gegen den Banditen. Gewinnt er, ist das Dorf sein. Gewinnt sie, lässt er sich nie wieder blicken. Das Duell läuft ordentlich ab und Irene erschießt ihren Widersacher. Doch daraufhin kommt es zu einer Schießerei, in dessen Folge Irene angeschossen wird. Aufgrund der schlechten medizinischen Möglichkeiten verschlechtert sich ihre Lage kontinuierlich. Kurz bevor sie stirbt, erzählt sie Cassie dass sie schwanger war, als sie in das Dorf kam und krank wurde. Das Kind starb noch vor der Geburt. Sie lässt Cassie versprechen, für die Schwangerschaft wieder zurück in die Stadt zu gehen. Cassie verspricht es, nicht ohne zuvor dem Dort Mut einzureden und zu versprechen, für einen besseren Vertrag mit der Regierung zu kämpfen, dass Irene nicht umsonst starb.

8 Monate später kommt sie wieder zurück in das Dorf. Sie hat es geschafft, in Washington Gehör zu finden und dem Dorf die Autonomie zu gewähren, die es braucht. Außerdem ist ihr Kind wohlbehalten auf die Welt gekommen und sie ist überglücklich, Mr. Cowboy wiederzusehen. Der ist etwas eingeschnappt, weil ihm durchaus klar war, dass sie schwanger ist und er enttäuscht ist, dass sie so wenig von ihm hält, sie verspricht ihm aber, bei ihm zu bleiben. Gemeinsam gedenkt das Dorf Irene und all den Sachen, die sie erreicht hat.

Iron Irene hatte eine Handlung, die viele sehr schöne und gute Elemente beinhaltete – die sehr starken Frauenrollen, das friedliche Miteinander der Einwanderer mit den Ureinwohnern, die Macht der Gemeinschaft – auch das Wildwest-Setting war sehr überzeugend und die Geschichte in sich stimmig. Die Musik hatte einige starke Momente, war manchmal aber auch seltsam arrangiert und vor allem nicht gut vorgetragen. Der Dirigent schaffte es nicht, die Aufmerksamkeit des Ensembles zu erlangen und die Musiker zusammenzuhalten – dieses war aber zu groß, um autark zu funktionieren. Deswegen flogen die Musiker und auch Sänger regelmäßig ziemlich auseinander und mussten sich selbstständig zusammenreißen – an so etwas wie Akzentuierung war kaum noch zu denken. Viele der Schauspieler waren auch nicht gänzlich überzeugend und ließen eine klare Führung und Präsenz vermissen. Einzige Ausnahme hiervon ist Cassie, die aber gleichsam ein Problem des Stückes war. Obwohl es Iron Irene hießt und sich um sie drehte, blieb der Fokus vielmehr auf Cassie, die auch der interessante Charakter war. Hier lies die Autorin sich etwas mehr von der Rolle, die sie selbst verkörpern wollte mitreißen. Sie spielte zwar wirklich gut und hatte die stärksten Momente, trotzdem fühlte sich das Stück nicht so an, als wollte es ihre Geschichte erzählen, sondern als wollte sie das gerne. So hatten wir zum Ende des Festivals ein durchwachsenes Stück mit manchen Problemen, das ich aber insgesamt sehr gerne sah und dessen Aussage ich sehr mochte.

Musical Therapy – Greenhouse Theatre Center

Eine Sache, die ich dieses Wochenende ganz besonders genoss war das unglaubliche Talent junger Autoren, Regisseure, Musiker und Schauspieler, die alle energiegeladen und voller Freude waren, dem Publikum ihr Werk und ihre Arbeit präsentieren zu können. Da Nic und ich zwischen Freitag und Sonntag 6 Stücke im Greenhouse Theatre sahen, wurden wir irgendwann sogar persönlich begrüßt und gehörten die paar Tage fast schon zum Inventar, konnten ein wenig mit kreativen Menschen in unserem Alter reden und uns von deren Visionen inspirieren lassen. Neben Tru war es vor allem Musical Therapy, das mich inspirierte und aus den Socken haute, denn es bewies, dass man mit einer extrem unterhaltsamen Show Vielfalt manchmal so viel besser darstellen kann als mit dem tiefsinnigsten Drama.

Musical Therapy folgte Theresa, einer Paartherapeuthin, die sich auf auf Sexualtherapie spezialisiert hat und Paare unterstützt, deren Beziehung Arbeit braucht, die aber beide noch bereit sind zu investieren. Eine der Methoden, die sie dafür verwendet, sind Sockenpuppen, über die die Beziehungspartner sich alles sagen können aber noch eine Barriere dazwischen habe und sich so nicht ganz so schnell beleidigt und angegriffen fühlen. Zu diesen Sockenpuppen hat Theresa auch zwischen den Sitzungen eine interessante Beziehung – sie redet mit ihnen und sie verhöhnen sie dafür, dass sie keinen Mann findet, außerdem taucht auch immer wieder ihre Mutter auf, die sie wohl immer wieder schwer enttäuscht hat. Schon sehr schnell wird klar, dass auch Theresa eine Therapie sehr dringend nötig hätte und sich mit ihren persönlichen Problemen auseinandersetzen sollte. Sie ist kurz vor dem Absturz und absolute hysterische Verrücktheit. Doch auch die Paare, die sie betreut, haben ihr ganz persönlichen Probleme. Da gibt es zum Beispiel Liz und Ryder, die sich in der High-School kennengelernt haben und eine sehr kumpelhafte Beziehung führen. Sie lieben beide Sport haben den gleichen Baseball-Verein, den sie feiern, sie gehen gemeinsam in Sportbars und sind neben ihrer Beziehung auch beste Freunde. Wenn da nicht das Problem wäre, dass Liz sich extrem vor seinem Geschlechtsteil ekelt und Sex so gut es geht aus dem Weg geht. Auf der anderen Seite scheint sie Theresa mehr als nur interesannt zu finden… Auf der anderen Seite gibt es Darcie und Timothy, er ein schüchterner und etwas seltsamer Nerd, der seinen Traum von einer perfekten Familie träumt und sehr emotional ist. Mit all dem kann Darcie wenig anfangen, ihr ist vor allem der Sex wichtig und dass dieser seine Würze nicht verliert. Dafür verwendet sie auch Fesseln, Peitschen und allerei andere Apparaturen, mit denen Timothy sich nicht sonderlich wohl fühlt. Sie ist aber sehr dominant und er traut sich nicht, etwas dagegen zu sagen. Theresa versucht den Paaren zu helfen, ist sich aber insgeheim schon sicher, keine Zukunft zu sehen. In der Mittagspause verlässt sie ihre Praxis und trifft auf dem Gang einen Mann – Mr. Wonderful, der in jeder Hinsicht perfekt ist. Er interessiert sich für sie, findet es toll, was sie macht, er liebt ihre Sockenpuppen und fragt, ob sie gemeinsam mittag essen gehen wollen – Theresa ist sich sofort sicher, den Mann ihrer Träume gefunden zu haben, mit dem sie gerne alt werden möchte und versucht, mehr über ihn herauszufinden. Als Busch verkleidet schleicht sie hinter im her und begleitet ihn auf dem Nachhauseweg, als sie plötzlich in Beth stolpert. Die ist zuerst besorgt und zückt ihr Pfefferspray, hält Theresa dann aber doch eher für eine harmlose Irre, hat Mitleid mit ihr und drück ihr 20 Dollar in die Hand. Theresa protestiert, doch Beth besteht darauf, sie zu unterstützen. Just in diesem Moment dreht Mr. Wonderful sich um und erkennt Theresa. Er ist etwas verwirrt, freut sich aber, sie zu sehen und stellt ihr seine Freundin vor – Beth. Diese junge, attraktive, fitte, hilfsbereite und süße Frau, die ihn auch noch bis zum Himmel zu verehren scheint. Theresa versucht, die schreckliche Situation zu retten und bietet beiden eine kostenlose Sitzung an – irgendeine Form von Hilfe braucht ja jedes Paar. Beth ist erst unsicher, ihr Freund überzeugt sie aber, dass das doch sicherlich gut wäre.

n der Sitzung versucht Theresa herauszufinden, welche Schwachstellen Beth hat. esstörung in der Kindheit? Gestörtes Verhältnis zur Mutter? Minderwertigkeitskomplexe? Doch die Frau scheint durch und durch perfekt zu sein und nach der Sitzung, die vor Kitsch nur so trieft beschließt das Paar, den nächsten Schritt zu gehen und zusammen zu ziehen. Theresa ist entsetzt, beschließt aber, die Beiden mit der Hilfe eines teuflischen Plans zu trennen und sich dann den Mann zu schnappen, der ihr zusteht. Dieser Plan ist in mehrere Phasen unterteilt:
Zuerst ermutigt sie Liz, zu ihrer Sexualität zu stehen, in einer Sitzung outet sie sie und lässt Ryder völlig überfordert zurück. Sie gibt ihm den Vorschlag, sich möglichst sehr zu betrinken, um über sie hinweg zu kommen. Im nächsten Schritt trennt sie Darcie und Timothy, indem sie lanciert, das er sie ja gar nicht lieben würde, weil er ihre sexuellen Praktiken nicht mitmacht und zu einem Leben drängen möchte, dass Darcie nicht leben möchte. Sie verlässt ihn und er stürmt verzweifelt aus der Praxis. Theresa gibt Darcie Ryders Nummer, da dieser ja jetzt Single ist und verzweifelt Sex möchte und deswegen das perfekte „Opfer“ für Darcie wäre. Zum großen Finale bringt sie Beth und Mr. Wonderful dazu, ein bestimmte Restaurant zu besuchen und bietet den beiden verkleidet als italienischer Ober das schlimmste Date aller Zeiten. Sie füllt sie mit Alkohol ab, missachtet möglichst viele Hygienebestimmungen und singt Beth ein Ständchen, da er Freund ihr gesteckt hätte, dass sie heute 40 werden würde und wohl auch so aussehe. Es kommt heraus, dass das Zusammenleben von Beth und Mr. Wonderful nicht ganz rund läuft, da er gerne mehr Freiheit hätte und angetrunken machen sie miteinander Schluss.

Theresa ist begeistert, dass ihr Plan so gut funktionierte und möchte sich ihren Preis abholen, doch bevor das passieren kann, kommt Beth zu ihr, da sie kaum Freundinnen hat und jemanden zum reden braucht. Theresa möchte ihr Timothys Nummer geben, da der ja nun auch wieder alleine ist – gemeinsam könnten sie ein furchtbar romantisches und kitschiges Pärchen mit 2 Kindern und einem Hund werden. Beth bedankt sich für Theresas Mühe, verneint das Angebot aber – immerhin sei die Trennung erst eine Stunde her. Sie dankt Theresa für all ihre Mühe und dass sie das Gefühl hat, nur in ihr eine wirkliche Freundin zu haben und schläft betrunken ein. Theresa hat nun ein sehr schlechtes Gewissen und möchte all das, was sie getan hat, wieder rückgängig machen. Also lädt sie alle drei Expaare in ihre Praxis ein und erzählt ihnen, was sie getan hat, versucht Liz zu überzeugen, wieder hetero zu werden, dass Darcie in sich doch all die Gefühle versteckt, die Timothy in ihr freilegen könnte und dass Beth und Mr. Wonderful doch füreinander bestimmt sind. Alle sind sehr aufgebracht und möchten die Sockenpuppen verbrennen, doch dann fällt ihnen auf, dass die vorige Situation auch nicht optimal war. Liz ist nunmal lesbisch und möchte nicht mit eine Mann zusammen sein, beschließt aber zusammen mit Ryder, gerne die engen Kumpels bleiben zu wollen, die die beiden immer sein wollten und eigentlich auch imer waren – nur eben ohne Sex. Beth und Mr. Wonderful sind sich einig, dass ihre Beziehung nicht funktioniert hat und es gut war, dass sie zusammenzogen, um das zu merken, es jetzt aber auch gut finden, verschiedene Wege zu gehen. Und Timothy? Der ist extrem sauer, dass Darcie keine Stunde nach der Trennung ein Stelldichein mit Ryder hatte und zeigt endlich die Stärke und Dominanz, die Darcie die ganze Zeit vermisst hat. Sie fasst sich endlich ein Herz und sagt, dass sie ihn liebt und mit ihm alt werden möchte. Timothy gibt zu, dass manche der sexuellen Experimente interesannt waren, doch er möchte zu hundert Prozent mitbestimmen, wie weit die beiden gehen. Sie kommen wieder zusammen und Theresa ist erleichtert, wie gut alles ausgegangen ist. Sie hält sich wieder für eine gute Therapeutin, die auf die Art und Weise weiter machen kann, wie sie bisher gearbeitet hat. Zumindest diese Hoffnung wird ihr schnell wieder genommen: Alle im Raum sind sich einig, dass sie KEINE Paartherapeutin sein sollte. NIE! WIEDER!

Musical Therapy war eine Hymne auf sexuelle Vielfalt, auf Kommunikation in Beziehungen aber vor allen Dingen war es auch unglaublich lustig. Was die nasty show am Abend zuvor in jeder Hinsicht verfehlte, löste diese Show ein: Witze, die teilweise stark unter die Gürtellinie gingen, aber vom Timing her so perfekt ausgeführt waren, dass man immer genug Zeit hatte, begeistert zu sein und dann aber auch nicht zu lange auf einem Witz zu verharren. Neben den überzeichneten Charakteren war es auch die perfekte Ausführung von allem, was auf der Bühne passierte. Die Band spielte akzentuiert und mit einer Energie, dass ich immer wieder vergaß, dass nur ein Pianist, Bassist und Schlagzeuger vor uns saßen – der Sound den wir bekamen stand den großen Hollywood-Musicals in nichts nach und auch kompositorisch muss sich Musical Therapy nicht hinter solch großen Nummern wie „The Producers“ oder „Singin’ in the rain“ verstecken – die Themen wurden konsequent aufgestellt und verarbeitet, die Musik transportierte Emotionen und brauchte große Szenen auf die Bühne. Diese wurden dann von den Schauspielern mit Leben erfüllt. Ich bin immer noch mehr als beeindruckt, wie die es gänzlich ohne Mikrofonen geschafft haben, so laut zu sein und dabei so unangestrengt zu klingen. Wenn alle gemeinsam Harmonien sangen hörte ich immer wieder auf zu atmen, zu perfekt war das, was uns dort offenbart wurde. auch die Choreographien der einzelnen Tänze waren in sich stimmig und ich hatte das Gefühl, dieses Stück könnte auch in den großen Broadway-Häuserin aufgeführt werden, Millionen machen und gefeiert werden. Doch dadurch, dass wir direkt vor dem Geschehen saßen, wurde alles noch realer. Ein ganz spezielles Lob spreche ich hierbei noch für die Hauptdarstellerin aus. Die Schauspielerin von Theresa spielte um ihr Leben und verkörperte den Wahnsinn ihrer Figur in Perfektion. Niemand braucht Disney-Bösewichte mit ihren ikonischen Songs, als sie den Plan fasste, alle anderen Paare für ihr Glück zu sabotieren war das darstellerisch ganz großes Kino und man freute sich, so etwas sehen zu dürfen. Mit Musical Therapy hat es nun schon das zweite Musical innerhalb von nur 2 Tagen geschafft, definitiv auf die Liste meiner absoluten Empfehlungen zu kommen. Denn dieses Stück hat gezeigt, was nur ein Musical kann und wie wunderschön das sein kann.

Sunday Worship – United Church of Christ St. Paul


Ich wollte es wirklich vermeiden, komme bei der Besprechung der hier vorliegenden Performance nicht umhin, kurz Peter Brook und sein Buch „Der leere Raum“ zu zitieren. In diesem stellt er die Theorie auf, dass  es so etwas wie heiliges Theater gibt, nach dem sich die Leute sehnen, da die Weltreligionen den Wunsch nach Ritualen, Gemeinschaft und wahrhaftiger Heiligkeit nicht mehr erfüllen können. Dieses heilige Theater behandelt wichtige emotionale Menschen und erfüllt Hoffnung und den Wunsch von Menschen nach einer größeren, mächtigen Macht. Dafür ist es sehr ritualbeladen, wie auch die Mysterienspiele im Mittelalter oder das antike griechische Theater, das neben seiner kulturellen und politischen Funktion auch eine seelische Läuterung der Zuschauer hin zu gottestreuen Kreaturen beabsichtigte, wie Aristoteles schrieb. Was ich mir während der Aneignung all diesen Wissens immer wieder dachte war folgendes: Ist nicht auch Kirche eine Form von wahrhaftigem Theater? Meist sogar Musiktheater, einer fixen Dramaturgie folgend, mit dem großen Vorteil, dass die teilnehmenden Zuschauer häufig genau wissen, was sie erwarten. Ein Theater, das nicht durch eine sonderlich gute Darstellung funktioniert, sondern durch das, was Menschen selbst hineininvestieren.

Wieso dieses Vorwort? Ganz einfach: Nic und ich wollten unbedingt die magische Zahl von 20 Shows während unserem Trip vollmachen und unser Hostel ist ganz in der Nähe der United Church of Christ St. Paul – eben genau diese Kirche, die auch Boy unterstützt hat, die Kirche, die sich bereits 1989 dazu bekannt hat, für Gleichberechtigung zu stehen und die LGBTQ-Gemeinschaft konsequent in die Gemeinde zu integrieren. Eine Kirche, die es sich zum Ziel gesetzt hat, christliche Werte nicht zu propagieren, sondern konsequent zu leben, indem sie Nächstenliebe feiert und allen Menschen die Möglichkeit bietet, einen Anker in der Gemeinschaft finden zu können. Wir beide fanden diese Gemeinde sehr interesannt und beschlossen, einen Gottesdienst zu besuchen, diesen aber auch als Theaterstück zu sehen und somit 20 Stücke gesehen zu haben.
Die Rollenverteilung war recht eindeutig – ein gab einen Menschen, der den Pfarrer darstellte und wie ein Erzähler durch die Aufführung führte. Daneben gab es eine Vorleserin, die einen Bibeltext vortrug und eine Predigerin, die diesen in einen aktuellen Kontext brachte. Trotz einer sehr strikt durchkomponierten Dramaturgie mit Liedern, Gebeten, Ankündigungen und Zwischenliedern gab es Raum für Improvisation und Publikumsbeteiligung. So saßen wir nicht die ganze Zeit strikt auf unseren Plätzen, sondern standen zwischendrin immer wieder auf, um unsere Beteiligung an der Performance darzulegen. Gleich zu Beginn begrüßten sich die Gemeindemitglieder, gaben sich gegenseitig die Hand, wir redeten ein wenig darüber, wo wir herkamen und lernten viele sehr herzliche Menschen kennen, die sich freuten, uns einmalig dabei zu haben. Die Musik war sowohl zeitgenössisch als auch konservativ — die Lieder wurden abwechselnd von Orgel und Kirchenchor und Jazzensemble dargeboten – ich persönlich fühlte mich sehr an Gottendienste in meiner Jugend erinnert und fühlte mich sehr wohl in der Gemeinschaft, konnte ein wenig meditieren, meine Gedanken schweifen lassen und bemerkte, wie sehr ich diesen wöchentlichen Ruhepool vermisste – villeicht suche ich mir ein Bayreuth endlich doch eine Gemeinde, mit der ich mich identifizieren kann.

Der Bibeltext kam aus dem neuen Testament und verfolgte die Geschichte eines Jesus an einem Sabbath. Er besuchte einen Brunnen, dem heilsame Kräfte nachgesagt wurden und um den sie die Armen und Kranken sammelten. Ein besonders gebrechlicher Mann hat nicht einmal die Möglichkeit, in die Nähe des Brunnen zu kommen, da er nicht laufen kann. Jesus sagt ihm, er solle aufstehen und gehen, das Mann macht das. Einige Juden sind sehr verärgert darüber, da der Mann an Sabbath nicht gehen soll und Jesus ebenfalls arbeitete, indem er ihn heilte. Jesus erwidert darauf nur: Mein Vater gönnt sich auch keinen freien Tag, wieso sollte ich also eine Pause machen, die Welt ein Stück besser zu machen?

In der folgenden Predigt interpretierte die Pastorin den Taxt auf eine spannende Art und Weise um. In der Einleitung erzählte sie vom Ganges, den sie bei einem ihrer Indienaufenthalte (die Kirche unterstützt dort soziale Projekte) besuchte. Dieser Fluss soll heilige, heilende Kräfte haben und viele Menschen baden sich dort voller Hoffnung, ganz unabhängig davon, dass der Fluss eigentlich nur ein großes Drecksloch ist, das voller Krankheiten ist. Doch die Hoffnung vor allem der armen Menschen reicht, um einen verzweifelten Versuch zu unternehmen, sich dort Heilung zu verschaffen, die sie aufgrund von ihren materiellen Mitteln nirgendwo anders bekommen. Hier schlug die Predigt einen Bogen zum amerikanischen Gesundheitssystem, in dem arme Menschen auch häufig nicht die Möglichkeit haben, die Hilfe zu bekommen, die sie verdient hätten. Sie prangerte die Falschheit dieses Systems an, in dem Menschen an einen dreckigen, gefährlichen Fluss verwiesen werden, weil man sie nicht haben möchte, weil sie sich die Behandlung nicht leisten können oder nicht ins System passen. Auch der Brunnen in der biblischen Geschichte ist genau das – dort wird der „Abschaum“ der Gesellschaft hingeschickt, den alle anderen aufgegeben haben und den man am Besten aus dem Sichtfeld verbannen möchte. Doch glücklicherweise gibt es Menschen, die bei diesem System nicht mitmachen – in der Geschichte eben Jesus, der dem Kranken sagt, er soll gehen, er soll aufstehen und sich gegen das System wehren. Hier fand ich sehr spannend, dass sie die Heilung des Mannes weniger physisch als eher psychisch interpretierte. Dadurch nahm sie Jesus seine magischen Kräfte, Mensche durch Handauflegen heilen zu können, machte ihn aber zu einem Vorbild, der anderen Menschen half, den rechten Weg zu finden, etwas richtig zu machen. Ein anderes solches Vorbild war Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Palliativ und Hospizmedizin. Saunders studierte in Oxford, C.S. Lewis war ihr Englisch-Dozent. doch sie hatte das Gefühl, etwas besseres für die Gesellschaft tun zu müssen und wurde Krankenschwester. Sie bemerkte, dass viele Ärzte die todkranken Patienten einfach aufgaben und alleine sterben ließen – sie hatten wichtigeres zu tun und wollten die armen leidenden Menschen am Besten nicht mehr in ihrem Blickfeld haben – Cicely Saunders konnte das nicht lange ertragen. Also stand sie auf und kämpfte gegen das System, in dem sie Liebe zeigte und eröffnete ein Hospiz, wurde zur Ärztin und engagierte sich Zeit ihres Lebens für ihre Sache. Zum Abschluss ermutigte die Pastorin uns alle, uns für Dinge zu engagieren, die wir ändern wollen – jeder noch so kleine Schritt sei wichtig. Außerdem bat sie uns, den protestierenden Schülern in Florida und ganz Amerika beizustehen – was sie gerade taten sei mutig und wichtig, um die schrecklichen Waffengesetze endlich zu ändern.

Nach dem Gottesdienst kamen alle noch zusammen, tranken Kaffee, aßen Kuchen und redeten miteinander. Nic und ich mussten relativ bald weiter und trotzdem war ich froh, diese Gemeinschaft zu fühlen und inspiriert worden zu sein, aufzustehen und Dinge zu verändern. Welche genau, weiß ich noch nicht genau, aber min derzeitiges Theaterprojekt ist sicherlich ein erster Anfang, in den ich nun noch mehr Energie stecken möchte.

The nasty show – The Laugh Factory

Nach Traitor hatten Nic und ich viel Gesprächsstoff den wir leider nicht mit den Schauspielerin teilen konnten, die wären gern noch mit uns irgendwas trinken gegangen, leider hatten wir noch eine Show im 23:30. Und dieses leider ist während und nach dieser Show geblieben und mein Bedauern, dort hingegangen zu sein noch weiter gewachsen. An sich freuten wir uns, Stand-Up Comedy zu sehen, da es häufig echt gute Leute gibt, die auch intelligenten Humor von sich geben. die Laugh Factory ist, wie der Name schon sagt, eine der prominentesten Orte/Theater für Comedy jeder Art in Chicago. Dabei ist das Haus aufgebaut wie ein Varietétheater: Die Zuschauer sitzen in Raum verteilt an Tischen und trinken während der Show Getränke – so finanziert sich der ganze Laden auch, da man mindestens 2 Getränke konsumieren muss, dafür sind die Eintrittspreise sehr gering. The nasty show versprach uns Humor unter der Gürtellinie, Humor, der auch politisch inkorrekter werden könnte und wir freuten uns darauf, da in solchen Shows häufig nicht nur seichte Unterhaltung geboten, sondern auch mal ordentlich auf den Putz gehauen wird und die Comedians Rundumschläge verteilen. Die Stimmung war gut, ein Großteil des Publikums bereits angetrunken – viele Paare waren zu sehen, wir sind in eine beliebte Datinglocation hineingeraten.

Die Show ging los, der Host begrüßte uns und ab diesem Moment gibt es eigentlich s nichts mehr zu erzählen. Uns wurden die nationalen Top-Comedians versprochen, absolute Headliner, ein Wahninnsprogramm – und nichts davon gehalten. Die einzelnen Sets liefen sehr ähnlich ab:

„Hey, ich hab mich vor kurzem von meiner Freundin getrennt. Sie war zwar ganz cool und so, aber  ich wollte wilderen Sex – das könnt ihr doch nachvollziehen, oder? Außerdem heiraten gerade all meine Freunde, die Armen, gefangen auf immer und ewig. Übrigens, ich bin grad echt high.“ – und dieser absolut unlustige und unlustig dargebrachte Inhalt auf 20-25 Minuten pro Person gezogen. Ich wäre an manchen Stellen wirklich gerne aufgestanden und gegangen, so frech fand ich das. Was uns dort dargeboten wurde, hätte ich aus dem Stegreif teils auch hinbekommen und ich bin häufig weiß Gott nicht lustig UND kann kein Englisch! Dazu kam, dass wir eine Diskussion mit der Bedienung hatte, die darauf bestand, meine Kreditkarte als Pfand einzubehalten, dass wir auf jeden Fall genug trinken würden und obwohl das scheinbar normale Praxis war fühlte ich mich sehr unwohl damit. Sie ließ uns allerdings keine große Wahl, wir wären jetzt hier und seien dazu verpflichtet, zwei Getränke zu trinken. Ich war den ganzen Abend vor allem besorgt, in welchen Händen meine Karte ist und regte mich währenddessen darüber auf, was uns dargeboten wurde. Am interessantesten war es noch, das Publikum zu beobachten, was nicht optimal ging, weil wir in der ersten Reihe saßen und unseren Kopf in jeder Hinsicht verrenken mussten. Trotzdem fiel mit zumindest ein Paar ins Auge – die wurden von dem Host sogar einmal direkt angesprochen – daten seit 6 Monaten, gehen beide auf die Law-School und wirkten beide nicht wirklich glücklich, hier zu sein. Ich hatte den Eindruck, er wollte sie auf einen schönen Kulturabend einladen und die beiden versuchten gezwungen zu lachen, um dem anderen zu zeigen, dass sie seine Anwesenheit wertschätzten, es wirkte teils aber so, als würde ihnen das sehr schwerfallen.

Nach dem Abend bereute ich es tatsächlich ein wenig, nicht einfach gegangen zu sein und hätte der Laden nicht meine Kreditkarten gekidnappt hatte ich das auch getan. Ganz ála Traitor: Wenn man mit etwas unzufrieden ist, sollte man etwas dagegen tun. Aber dieser Moment sollte für uns noch kommen! Fortsetzung folgt….

Traitor – Red Orchid Theatre

Nach der mittelmäßigen Erfahrung in Liberators machten wir uns nach einem kurzen Essen auf den Weg zum Red Orchid Theatre, um uns dort in die Warteliste der Abendperformance von Traitor eintragen zu lassen. Dort war alles geschlossen, doch wir liefen 3 Schauspielerinnen in die Arme, die uns sagten, dass wir sehr sicher noch reinkommen würden und sie sich sehr geehrt fühlten, Gäste aus dem fernen Deutschland zu haben. Erfreut über die herzliche Begrüßung saßen wir noch ein wenig herum und ich versuchte, die Reviews irgendwie aufzuholen.

Traitor wurde inszeniert von Michael Shannon, den einige von euch potentiell aus Film und Fernsehen kennen, mit dem sehr kleinen Red Orchid ist er seit der Gründung des Theater eng verbunden und spielt dort regelmäßig. Traitor war eines der ersten Stücke, die er inszenierte, es basiert auf „Ein Volksfeind“ von Ibsen, ein Stück, dass aufgrund der Wahlergebnisse in der amerikanischen Theaterszene derzeit insgesamt sehr beliebt ist. Traitor basierte im Wesentlichen auf der Handlung des Ibsen-Stückes und transportierte diese in eine zeitegnössischere Umgebung – den kleinen Ort East Lake.
Dort lebt der Science-Teacher Dr. Tom Stock gemeinsam mit seiner Frau Karla und den beiden gemeinsamen Kindern Randal und Molly. Tom unterrichtet in einer Charter-School in Ort, deren Gründung er entscheidend mitgestaltete und für die er nach langer Abwesenheit wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte. Während er für das College damals wegzog, blieb seine Schwester dem kleinen Ort immer treu und ist mittlerweile Bürgermeisterin. Zu Beginn des Stückes befinden sich Karla und ihre Freundin Madison, die für die örtliche Zeitung arbeitet bei Karla zu Hause und bereiten Tacos für die Familie vor – es ist Taco Tuseday. Dabei unterhalten sie sich über alles möglche und nach und nach füllt sich der Raum. Neben Tom und Randal kommt auch Patty, die Bürgermeisterin zu Besuch und auch Walter, ebenfalls Journalist der ansässigen Zeitung zu Besuch. Man merkt sehr schnell, dass Walter und Patty nicht gut miteinander klarkommen und sich gegenseitig misstrauen, weswegen sich Patty auch irgendwann verabschiedet. Als der Abend weiter voran schreitet kommt auch Molly nach Hause und hat einen Brief für Tom dabei, auf den dieser scheinbar sehnlichst gewartet hat. Tom versammelt die ganze Familie aufgeregt im Wohn/Esszimmer und erzählt ihnen die großen Neuigkeiten. Ihm sei aufgefallen, dass seine Schüler in letzter Zeit unaufmerksam gewesen seien und sich nicht konzentrieren konnten. Also gab er bei einem Freund ein chemisches Gutachten des Grundwassers in Auftrag und es kam heraus, dass der Blei-Wert viel zu hoch sei und sich wohl alle eine Bleivergiftung zugezogen hätten und die Schule sofort schließen müsse. Karla reagiert sehr skeptisch, da Tom schon öfter versuchte, irgendwo eine Verschwörung aufzudecken, wo keine war. Außerdem ist die Schule der einzige Grund, wieso der Ort nicht total in der Senke verschwindet – wenn die Vergiftung sich bewahrheiten sollte, müsste die Schule für mindestens 2 Jahre geschlossen werden – das Todesurteil für das Dorf. Walter auf der anderen Seite wittert eine große Geschichte und sieht seine Chance, sich und sein Blatt mit einer Skandalgeschichte zu profilieren und überzeugt Tom, dass dieser sofort an die Presse gehen solle und die Politik unter Druck zu setzen, ehe diese wichtige Geschichte in der Versenkung verschwinde und Tom beginnt einen Artikel zu schreiben.

Am nächsten Morgen hat die Geschichte sich aufgrund von Mund-zu-Mund Propaganda bereits soweit ausgeweitet, dass Patty ihren Bruder Tom besucht und ihn bittet, zuerst abzuwarten, was eine offizielle Messung ergeben würde, ehe der seinen Artikel veröffentlicht. Tom wirft ihr vor, nur das schlechteste für die Stadt zu wollen, woraufhin Patty entrüstet reagiert, dass sie East Lake nicht direkt nach der Highschool verlassen hätte. Tom sagt aber, dass durch seine Weiterbildungen die Gründung der Schule überhaupt erst möglich war und er doch damit viel mehr für die Stadt gemacht hätte. Patty droht Tom, dass er als städtisch Angestellter seinen Job riskiere, würde er an die Presse gehen. Währenddessen platzt auch Howard, Karlas Vater in die Szene und bedroht Tom, da er einer der größeren Investoren der Schule ist und keine großen Verluste machen möchte. Karla versucht weiterhin, zu deeskalieren, über den ganzen Trubel vergessen alle Randal, der viel zu spät in die Schule kommt. In der nächsten Szene verstricken sich die Fäden noch weiter. In einem Cafe trifft sich Walter mit Patty, um für seinen Artikel ein offizielles Statement, die ist außer sich vor Wut, auch weil sie den Streit mit ihrem Bruder noch nicht verwunden hat. Trotzdem versucht sie, zum Wohle der Stadt deeskalierend auf Walter einzureden. Tom betritt das Cafe und Patty versteckt sich – Walter schlägt sich sofort auf dessen Seite und irgendwann kommt Patty dazu und alle reden emotional aufeinander ein und beschuldigen sich mit Vorwürfen, ohne dass einer bereit ist, von seinem Punkt abzuweichen. Irgendwann kommt Karla dazu und trennt Patty und Tom und fährt diesen nach Hause, weil er High ist und den ganzen Tag nicht in der Schule war. Molly verbleibt im Cafe und fragt Walter, wieso dieser ihrem Vater hilft. Walter druckst ein wenig herum und gibt schließlich zu, dadurch auch an sie herankommen zu wollen. Sie reagiert entsetzt – er sei 25 Jahre älter und sie homosexuell – sie nimmt ihm also jede Hoffnung auf eine diesbezügliche Zukunft.

Hier muss ich eine kurze Zwischenbemerkung zur Inszenierung anbringen. Das ganze Theater war sehr klein und fasste villeicht 50 Leute, die im Halbkreis um die Bühne herumstanden. Die Bühne war ganz im Sinne Ibsens extrem naturalistisch gebaut – bis ins kleinste Detail war dort das Wohn/Esszimmer der Familie Stock abgebildet – die Küche funktionierte und die Tacos, die alle aßen und den Kaffee, der gemacht wurde war gänzlich echt, das Essen dampfte sogar noch. Man konnte den Schauspielerin teilweise bei der Arbeit in die Computer schauen, sie tippten in dem Moment gänzlich authentisch wirklich vor sich hin und es würde mich nicht wundern, wenn auch der Alkohol echt war. Da das Schauspiel extrem authentisch war, hatte ich als Zuschauer wirklich das Gefühl, mitten in dem Haus mit all den seltsamen, durchgeknallten Menschen zu sitzen, wodurch ich das Gefühl hatte, sie wirklich zu kennen und an ihrem Leben teilzuhaben. Dadurch wurde die ganze Erfahrung, alle Argumente irgendwie verstehen zu können und trotzdem das Verhalten alle Beteiligten auch nicht immer gutzuheißen extrem lebendig. Diese Prinzip wurde in der Pause noch weiter auf die Spitze getrieben. Wir wurden nämlich aus dem Theater herausgeführt und sollten auf der Straße ein Gebäude weiter einen Raum betreten. In diesem warteten die einzelnen Rollen bereits auf uns und eine Pressekonferenz war aufgebaut. Wir wurden gebeten, Platz zu nehmen und zur Pressekonferenz begrüßt. Dabei waren die Schauspieler mitten unter uns und blieben extrem konsequent in ihrer Rolle, unterhielten sich miteinander, arbeiteten noch an irgendwelchen Notizen – man konnte sie dabei beobachten oder auch nicht, wenn sie zu weit weg waren und das Theaterlebnis war extrem exklusiv, da man Dinge wahrnahm, die andere Zuschauer sicherlich nicht bemerkten.

Mit der Pressekonferenz begann die zweite Hälfte des Stückes. Hier handelte es sich um eine City-Council-Sitzung, in der bestimmte die Stadt betreffenden Dinge besprochen wurden – natürlich war dabei auch die potentielle Bleivergiftung ein wichtiges Thema. Die Präsidentin konnte bei diesem Thema aber kaum Ruhe bewahren, da es immer zu Zwischenrufen kam und das Thema extrem emotional aufgeladen waren – die eine Seite beschuldigte den Stadtrat der Korruption, die andere Seite beschuldigte die Aktivisten, sie wollten die Stadt dem Untergang weihen. Da das Thema so relevant zu sein schien, wurde die Diskussion irgendwann offiziell geöffnet und Tom beantragte, ein Statement vorzulesen. Dieses war sehr wirr und voller Anschuldigungen der Stadt gegenüber – anfangs versucht er noch, sich um Sympathiepunkte der Bürger zu bemühen und seine Schwester zu diskreditieren, später wurden seine Punkte aber immer wirrer und er beginnt davon zu reden, dass er als Wissenschaftler den einfachen Dorfbewohnern überlegen ist und deswegen an der politischen Spitze stehen sollte. Er verwendet eine Hundemetapher – würden die Bürger lieber einen unerzogenen, beißenden, bellenden Hund haben, der sein Geschäft überall hinmacht wo es ihn passt oder einen zivilisierten Hund, der das Beste für das Haus will? Nach entrüsteten Beschwerden schreit er, all hier im Rauem seien Tiere, manche nur zivilisierter als andere. Da er immer lauter schreit und den Stadtrat bedroht, beschließt dieser, ihn von allen weiteren Sitzungen auszuschließen. Als er sich weigert, zu gehen, steht Patty auf und geht wutentbrannt auf ihn zu. Aus einem Reflex heraus steht Madison auf, stellt sich zwischen die beiden und gibt der Bürgermeisterin eine Ohrfeige. Völlig entsetzt und aus Angst vor dem immer größeren, tösenden Chaos zieht der Stadtrat sich zurück und die Zuschauer werden gebeten, den Presseraum zu verlassen. Diese Szene war mehr als eindrucksvoll gespielt und obwohl ich die meiste Zeit gar nicht so genau mitbekam, was passierte, sondern vor allem von Geschrei umgeben war, hatte ich das Gefühl, hier nicht mehr in einem Theater zu sitzen. Sondern wirklich in die Geschichte hineingezogen worden zu sein und von lauter Idioten umgeben zu sein, die nicht sachlich diskutieren wollen, was der beste Kompromiss wäre, sondern sich selbst profilieren, emotional agieren und nicht auf die anderen hören.

Zurück im Wohnzimmer der Familie Stock sitzt Tom mit einem Kühlpad auf der Couch, er scheint im Getümmel noch etwas abbekommen zu haben, Madison ist am Boden zerstört und weiß nicht, was in sie gefahren ist. Sie sagt, dass sie nach East Lake kam, um über Skandale und Kleinkriege zu berichten und damit Geld zu verdienen – sie dachte nicht, dass sie der Skandal sein würde. Karla kommt dazu und eröffnet Tom, dass dieser gefeuert ist und die Bank den Kredit für das Haus zurückgenommen hatte und die Familie nun komplett ohne absicherung dastünde. In diesem Moment kommt Karlas Vater mal wieder in das Familienhaus, außer sich vor Wut aber auch mit einer gewissen Genugtuung. Er erpresst seine Tochter, indem er ihr sagt, wenn Tom öffentlich verkünde, dass er Unrecht hatte, könnte er in diesen sehr instabilen Zeiten noch mehr in die Schule investieren und noch reicher werden als er es eh schon ist. Dafür könnte Tom Lehrer bleiben und die Familie im Haus wohnen bleiben. Karla ist entsetzt und schickt ihren Vater wutentbrannt nach draußen. Patty erscheint und möchte mit Tom reden – alle versuchen verzweifelt, diese Konfrontation zu vermeiden, doch sie möchte sich nur bei ihm entschuldigen und aber gleichzeitig klarmachen, dass seine Vorgehensweise absolut nicht rechtfertigbar ist, vor allem, da die Gefahr einer Bleivergiftung in der Schule wirklich selten zu sein scheint. Just in diesem Moment stürmt Molly die Treppe herunter – Randal liegt in seinem Zimmer am Boden und reagiert nicht mehr. Besorgt stürmen Karla und Tom aus dem Zimmer. Am nächsten Morgen wacht Randal auf dem Sofa auf, Tom hat die ganze Nacht aufgepasst. Spätestens jetzt ist klar: Tom hatte recht, die schule zu betreten ist mehr als nur gefährlich. Er, Karla und Molly reden hitzig auf Randal ein, dieser müsse ein Interview geben und all das öffentlich machen – man müsste jetzt unbedingt die Politiker und Unternehmer, die das verursacht haben anprangern. Randal reagiert darauf mit Unverständnis: Es scheint allen egal zu sein, was am wichtigsten ist: Egal was man jetzt tue, die Vergiftung ist bereits passiert. Das Blei ist in Randals Körper, in Toms Körper und im Körper fast alle Kinder des Dorfes. Das hätte nicht passieren dürfen und es ist passiert und niemand kann es wieder rückgängig machen. Er bekommt einen Krampfanfall und die Familie weicht angsterfüllt zurück. So endet das Stück – Ob Randel überlebt, wird nicht dargestellt.

Michael Shannon und sein Ensemble brachten mit Traitor ein sehr politisches Stück auf eine intime Bühne. In einem Zeitalter, in dem Begriffe wie „postfaktisch“ unsere Debattenkultur bestimmen ist dieses Stück kein Lichtblick, aber eine Möglichkeit zu zeigen, dass es niemandem etwas bringt, Kleinkriege um nichts zu beginnen, Diskussionen so lange emotional aufzuladen, bis niemand mehr wirklich Lust hat, sich daran zu beteiligen, weil sich eh keine Annäherungspunkte ergeben. Trotzdem sagte Traitor mit aller Bestimmtheit, dass es Dinge gibt, die nicht passieren dürfen, gegen die wir alle gemeinsam kämpfen müssen, deren Entstehung im Keim erstickt werden muss. Das funktioniert aber nur, wenn alle miteinander reden und alle versuchen, das Beste für sich und für seine Mitmenschen zu wollen. Im Programmheft endet das Vorwort mit der einfachen Frage: „Why don’t the just get rid of the lead?“ – hier fiel mir das Wortspiel erst auf. Lead heißt sowohl Blei, als auch Führung. Und spätestens hier wurde mir klar, dass wir an diesem Abend eine intelligent verpackte und sehr wichtige politische Botschaft mit uns nach Hause tragen durften.

The Liberators – Greenhouse Theatre Center

Nach dem wunderschönen Lichtblick kam ein tiefer Blick in den Schatten. Anders kann ich The Liberators leider nicht beschreiben, was aber auch an der Thematik selbst lag und ich mich als Deutscher sehr unwohl in dieser Aufführung gefühlt habe.


Die Handlungszusammenfassung wird etwas schwierig, da es 20 Rollen gab und ich keinen einzigen Namen mehr im Kopf habe, weil das ganze sehr verworren geschrieben war und es häufig schwer war, der Handlung überhaupt zu folgen. Im Prinzip gab es 3 Handlungsstränge und 2 Metaplots.

Metaplot 1: Ein Mann verkauft die Uhr seine Uhrgroßvaters und bekommt im Anschluss erzählt, dass diese ein wichtiges Erbstück der Familie war – er versucht, sie zurückzuerwerben, was aber daran scheitert, dass eine Stiftung bei einer Auktion 750.000$ dafür bietet. Der Großvater ist außer sich und erzählt dem Enkel die Geschichte der Familie, er möchte einen Film daraus machen, der dann groß gefundet werden soll. Leider kommt er nicht gut an und am Ende rettet eine Frau von der Stiftung, die die Uhr gekauft hat, allen den Tag, indem sie den Film finanziert, da es ihr wichtig ist, dass die Erinnerung nicht stirbt. Leider ist der Großvater, für den der Enkel alles gemacht hat, schon tot.

Metaplot 2: Der Enkel, der den Film produzieren will, sucht Zeitzeugen auf, die ihm aus ihrem Leben erzählen. Dieser Plot hält die Handlungsstränge zusammen – der Enkel fungiert als Erzähler, der dem Publikum seine Vorgehensweise erzählt. Er interviewt 2 Leute: Seinen Vater, der an Demenz leidet und dessen Erinnerungen immer weiter schwinden, Jefferson und Jacob (gut, dass ich wenigstens diese beiden Namen noch in meinem Kopf habe)

Plot 1 (Jacob): Jacob ist japanischer Abstammung, seine Familie lebt aber schon seit zwei Generationen in Amerika. Er selbst hat die Möglichkeit, in einer Gastfamilie zu wohnen, wo er JEFFERSON Nachhilfeunterricht gibt und wie ein Bruder für diesen ist. Nach Pearl Harbour stehen alle Japaner im Land unter Generalverdacht und werden in Lager verfrachtet, in denen herausgefunden wird, wie patriotisch und Amerika-treu sie sind. Er trifft Jefferson wieder, da dieser als Soldat das Lager überwacht. Josephs Schwester mit mit einem gutem japanischen Freund von ihm verlobt, liebt jedoch heimlich Jefferson – die beiden wollen gemeinsam durchbrennen, was sie schließlich auch tun. Aufgrund von Nationalstolz beschließt Joseph, nichts mehr mit Jefferson zu tun zu haben. Die beiden sehen sich bei der Befreiung Deutschlands erneut, reden aber nicht miteinander. Erst durch die Dreharbeiten finden beide endlich wieder zusammen.

Plot 2 (Jefferson): Jefferson ist afroamerikanischer Abstammung und muss immer wieder Rassismus ertragen. Er hinterfragt immer wieder, wieso er für dieses Land, das ihn doch nur ausgrenzt, kämpft. Seine Geschichte überschneidet sich sonst stark mit der von Joseph.

Plot 3 (Der Großvater): Der Großvater ein Jugendlicher, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, nach einer verbotenen Swingparty kommt die Gestapo seiner Familie auf die Schliche – seine Mutter ist eine Jüdin und da die Familie sich weigert, sich zu trennen, kommen all ins Konzentrationslager. Die Mutter und der Vater sterben in den dortigen Schrecken, er passt auf die Uhr seine Vaters auf, weil sie alles ist, was ihm bleibt. Die Amerikaner retten ihn und seine Schwester, die ihn später im Alter pflegt.

Bei der Befreiung der Konzentrationslager finden auch Joseph und Jefferson zusammen, vertragen sich aber erst Jahre später – kommentiert wird das mit: „Obwohl der Holocaust, schrecklich war, bringt er doch verschiedenste Menschen zusammen.“ – Dann singen alle einen christlichen Song, dass es Gott war, der alle erlöst hatte.

Neben dem bereits angesprochenen Problem, dass die Handlungen undurchsichtig waren und die Bühne fast immer überfüllt sind es eben diese Momente, die mein größtes Problem mit dem Musical erzeugten. Die Schrecken im nationalsozalistischen Deutschland waren für diese Geschichte nicht mehr als ein Plotdevice, um die gezwungene Botschaft von Vielfalt unterzubringen – das extrem religiöse Ende wird zwar im Metaplot wieder relativiert, dann aber doch gerechtfertigt. Insgesamt war es mir extrem unangenehm, wie klischeehaft und fast von Charlie-Chaplin-mäßig die Nazis dargestellt wurden, da ich das Gefühl hatte, dieses Musical thematisiert all diese Verbrechen nicht, sondern relativiert sie zugunsten von Unterhaltung. Dazu trugen auch die Lieder bei. An den unpassendsten Stellen wurden die unpassendsten, musicalesken Leider mit großer Choreographie zum Besten geben und man hatte oft nicht das Gefühl, dass den Machern klar wäre, wie viele Menschen sie da gerade mit ihren Füßen tritten. Dazu kam, dass die Inszenierung und auch die Band technisch auf keinem sonderlich hohen Niveau agierten und man sich öfter fremdschämte, als ich mir das speziell bei diesem Thema wünschte. Ein weiters Problem war, dass die Produktions zwar sehr sehr viele Akteure auf die Bühne stellte, einige von denen fühlten sich allerdings offensichtlich fehl am Platz und ein großes Problem, dass sie durch das ganze Stück zog, war die Tatsache, dass all die alten Menschen, die ihre Geschichte erzählten, auch von den jungen Schauspielern gespielt wurden. So etwas kann inszenatorisch funktionieren, einem 25-jährigen Menschen aber einen Stock in die Hand zu geben und ihn gezwungen gebrechlich wirken zu lassen, indem er zittert und versucht, seine Stimme möglichst alt zu stellen ist nicht die Strategie, die gut funktioniert.

Ich fand das Potential, das die Show verschenkt hat sehr schade, denn Potential war definitiv da. Sei es der Ansatz, ein wichtiges gesellschaftliches Thema (vor allem in unseren heutigen Zeiten) in Form eines Musicals darzustellen, um villeicht mehr Menschen zu erreichen. Auch der Ansatz, dass zur Zeit des zweiten Weltkriegs auch in Amerika manche Menschen diskriminiert wurden, war ein mutiges Motiv, das dann aber relativiert wurde – immerhin sind diese Verbrechen nicht von Nazis begangen worden, sondern von den Menschen, die die Welt gerettet haben, deswegen ist es wieder eher ok. Ich hatte am Ende nicht das Gefühl, etwas gesagt bekommen zu haben, anders als zum Beispiel bei Schindlers Liste, der das Stück definitiv inspiriert hat. Doch wirklich unterhalten gefühlt habe ich mich auch nicht. Also saß ich da, zwei Stunden, ein wenig zwischen den Stühlen und weiß bis gerade noch nicht genau, was ich damit anfangen soll.

Tru – Greenhouse Theatre Center

Tru war eines der ersten Stücke, die ich gefunden hatte, als feststand, dass wir nach Chicago gingen und auch der Grund, wieso wir das Greenhouse Theatre, in dem wir gerade unsere Leben verbringen gefunden hatten. Zusätzlich sind die Komponisten in etwa in unserem Alter, der eine hat das ganze arrangiert, der andere spielt Klavier und sie haben sich damit einem langen Traum eines speziellen Musicals mit Aussageabsicht angenähert – alleine von diesem Standpunkt her musste ich das ganze sehr interesannt finden und freute mich sehr, das wir dargeboten bekämen. Die Kurzbeschreibung versprach uns „die ersten 10 Minute von Oben mit den letzten 10 Minuten von LaLaLand“ und was soll ich sagen? Wir sollten nicht enttäuscht werden.

Das Musical folgte der Geschichte von Truman, einem Lehrer, der sowohl an seiner Schule als auch überall sonst als frohsinniger Mensch bekannt ist und von den meisten gemocht wird. Er hat eine Freundin, die ihn über alles liebt und er ist mit seinem Leben sehr zufrieden. Eines Tages fasst er den Plan, seiner Freundin endlich einen Heiratsantrag zu machen, er geht zu einer Blumenverkäuferin, einer älteren Dame, die sehr vertraut mit ihm umzugehen scheint. Er kauft Blumen und zeigt ihr den Ring. Vordergründig freut sie sich sehr, wirkt aber nach seinem Abgang sehr besorgt und ruft jemanden an – sie wisse ja, dass man sich aus Trus Leben heraushalten sollte, aber ihr Gesprächspartner solle das mit dem Heiratsantrag wenigstens wissen. An der Stelle schwenkt die Handlung auf Isla, die Enkelin der Blumenverkäuferin, die gerne Künstlerin werden würde, aber unsicher ist und das Gefühl hat, ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden zu haben und Angst hat, ihn niemals zu finden.

Zurück bei Tru zuhause entführt seine Freundin ihn auf das Dach des Wohnhauses und sie genießen den wundervollen Ausblick in das Lichtermeer. Sie gestehen sich erneut ihre bedingungslose Liebe und er hält um ihre Hand an – gerührt bejaht sie seine Frage. Am nächsten morgen muss Tru wieder in die Schule, seine nun Verlobte möchte nicht, dass er von ihr geht und wird fast etwas böse, als er sich endlich losreißt. Hier kamen mir die ersten Zweifel: Wieso ist die Frau immer nur zu Hause? Wieso hat sie immer das gleiche weiße Kleid an? Und wieso ist sie so extrem abhängig von ihm? Viel Zeit für diese Gedanken hat man nicht, denn in der Schule trägt ein Schüler Trau ein sehr emotionales Gedicht über seine Eltern, die er vermisst vor. Nachdem alle anderen Schüler gegangen sind, redet er mit Tru über sein Gedicht und offenbart, dass er herausfand, dass er adoptiert wurde und nun das Gefühl hat, seine echten Eltern zu vermissen, was er sonderbar findet – kann man jemanden vermissen, den man noch nicht kennt? Tru bejaht das, er vermisse seine Mutter, die starb als er 7 war, obwohl er sich nur noch an ihr Gutenachtlied erinnerte. Das Gespräch geht noch etwas weiter, der Schüler würde gerne wissen, woher Tru eines der im Unterricht behandelten Gedichte habe. Tru gibt ihm ein Notizbuch, in dem mehrere Gedichte des Autoren drinstehen – er gibt aber zu, nicht mehr zu wissen wo er es her habe, dann verabschiedet er sich, er müsse dringend los.
Zurück bei Isla fühlt sie sich immer noch sehr verloren, doch ihre Großmutter bestärkt sie in dem was sie tut und bittet sie, Blumen aus ihrem Laden zu zeichnen. Außerdem haben die beiden viel Spaß miteinander, die Oma betont immer, dass es wichtig ist, nicht zu viel zu arbeiten, sondern das Leben zu genießen, und immer wieder Samen zu sähen, deren Früchte man später im Leben ernten kann.
Tru wird von seinem Vater besucht – mit dem telefonierte vorhin die Blumenomi (Gail) – er ist offensichtlich besorgt, tut aber so, als würde er Tru zu seiner Verlobung gratulieren wollen. Trus Verlobte stellt sich zwischen Tru und seinen Vater und wirft diesem vor, er sei die letzten 10 Jahre nicht für Tru dagewesen und solle nun nicht so tun. Doch der Vater spricht durch sie hindurch, als würde er gar nicht existieren… Er sagt, er geht noch spazieren und Tru bietet ihm an, bei ihm zu schlafen und zu reden. Trus Freundin (die tatsächlich namenlos ist und im Programmheft als „Her“ bezeichnet wird) redet emotional auf Tru ein, dass es endlich an der Zeit ist, aus dem, was die beiden gemeinsam aufgebaut haben, einen Sinn zu machen, dass sie endlich Wahrheit aus dem machen müssen, vor dem sie sich beide fürchten. Sie wird sehr emotional, führt ihn aufs Dach und verlässt ihn dort, was scheinbar schon vorkam – er bekommt Panik, weil er nicht weiß, was er ohne ihr machen soll, doch sie kann nicht existieren, solange er realisiert, dass sie nicht real ist und solange sein Vater in der Nähe ist und ihm klar wird, dass er Probleme hat. Am nächsten Tag kommt es im Blumenladen zum endgültigen Aufprall der beiden – Tru wirft seinem Vater vor, sein Leben zerstört zu haben, sein Vater betont, wie leid ihm alles tue, doch er nach dem Tod der Mutter (es wird immer wieder angedeutet, dass die an einer ähnlichen Krankheit wie Tru litt und sich villeicht sogar umbrachte) zu viel Angst hatte, etwas mit Tru falsch zu machen und sich deswegen aus dessen Leben zurückzog, sobald er konnte. Tru stürmt davon, sein Vater möchte ihn gehen lassen, doch nachdem er erzählt, Tru auf dem Dach gefunden zu haben, besteht Gail darauf, den Krankenwagen zu rufen, was Isla schließlich auch tut. Durch Zufall ist auch Trus Schüler mit den Adoptiveltern gerade im Laden und bekommt so ein wenig mit, was für Probleme Tru hat. Trus Vater holt ihn ein und überzeugt ihn, dass er Hilfe braucht. Auch „Her“ taucht wieder auf und betont auch, dass sie Tru liebt und möchte, dass er sich Hilfe sucht.

Das Stück macht einen Zeitsprung – Tru hat nun eine intensive 5monatige Therapie hinter sich und ist in Behandlung. Kurz vor Graduation besucht er seine Klasse wieder und sagt ihnen, wie stolz er auf sie ist. Vor allem dem einen Schüler betont er nochmal, wie stolz er auf ihn sei, seinen eigenen Weg zu finden und dass es gut war, dass er sich ihm damals so geöffnet hat. Direkt im Anschluss geht Tru in den Blumenladen und findet dort nur Isla vor, die gibt ihm einen Brief, in dem Gail sich von ihm verabschiedet, sagt, dass sie schwer krank ist, es schade findet, ihn nicht mehr persönlich gesehen zu haben, aber dass sie überzeugt ist, dass er seinen Weg finden wird. Er ist berührt und traurig über die Nachricht und unterhält sich mit Isla darüber, welch tolle Frau sie war. Isla hat ihren Platz mittlerweile gefunden und beerbt ihre Großmutter im Blumenladen. Die beiden verabreden sich zum Essen. Nach mehreren Dates eröffnet Tru Isla, dass er mit ihr über seine Krankheit sprechen möchte, sich aber nicht traut. Sie sagt, dass sie auch etwas Angst davor hat, weil sie nicht weiß, ob sie damit umgehen kann. Schließlich küssen sie sich aber, woraufhin Tru sie extrem abweist, weil er nicht weiß, ob er über seine Traumfrau schon hinweg ist. In diesem Moment erscheint sie wieder und sagt Tru, dass sie ihn vermisst, aber liebt und deswegen möchte, dass er sein Glück im wahren Leben findet. Bestärkt von diesem Segen rennt Tru Isla nach und sie kommen zusammen. Ihre Beziehung ist sehr glücklich und „Her“ hat immer eine Auge auf die Beiden. Doch sie bleibt im Hintergrund und ist ein Teil seines Lebens, behindert ihn aber nicht weiter. Tru erzählt Isla, dass sie auftauchte, als seine Mutter starb und sein Vater nicht mehr für ihn da war – mit ihr konnte er spielen, später verliebte er sich in sie und sie war immer, was er gebraucht hatte. Trotzdem war auch sie diejenige, die in krank machte, da er nicht realisierte, was er in der Realität verpasste.
Ganz am Ende gibt es einen weiteren Zeitsprung – Tru wacht vom Schreien seines Kindes mit Isla auf. Er singt ihm das Lied seiner Mutter und „Her“ begleitet ihn. Sie ist weiterhin ein Teil von ihm. Und sie ist glücklich mit dem Leben, das er hat.

Eine wichtige Intention der Autoren war es, die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zu bekämpfen und das machte das Stück sehr eindrucksvoll. Indem Tru als „normaler“ Mensch dargestellt wurde, der mitten im Leben steht, war er nicht das typische Opfer, das nicht mehr in der Realität lebt, sondern jemand, mit dem man normal umgehen konnte und der ein Paket zu schleppen hatte, wie jeder von uns etwas zu tragen hat. Auch dass seine Krankheit durch seine Freundin sehr ambivalent dargestellt wurde, tat dem Stück sehr gut – eine psychische Krankheit ist Teil des Lebens des Betroffenen und ein Grund, sich nicht helfen zu lassen ist auch, Angst davor zu haben, das zu verlieren, dessen man sich sicher ist. Auch gab es mit Gail einen Charakter, die aus dem Buche zeigte, wie man mit einem Betroffenen umgehen sollte – Verständnisvoll, aber bestimmt, wenn man das Gefühl hat, selbst nicht mehr helfen zu können, andere Hilfe zu holen. Auch Isla war ein wunderbares Gleichgewicht, da sie durch ihre Unsicherheit im Leben ein Problem hatte, mit dem viele Menschen sich gut identifizieren können, dadurch war Trus Scheinrealität nicht mehr so weit vom Verständnis des Zuschauers entfernt und man konnte sich auf die Reise einlassen und wurde an der Hand geführt. Das einzige Problem war die Romanze am Ende – die war etwas zu ausführlich und nahm Isla leider viel von der Tiefe, die sie davor aufgebaut hatte, es ging hier plötzlich nur noch um Tru und sein Leben, das besser wurde – das hätte etwas geschickte gelöst werden können. Abgesehen davon war aber alles in sich stimmig, die Schauspieler wirklich eindrucksvoll und man war immer mitten im Stück und gerührt von dem, was man sah.

Auch die Musik war wirklich gut. Vielen Situationen und Menschen waren Themen zugeordnet, die in den Stücke immer verarbeitet wurden – wenn am Anfang Oben gepaart mit LaLaLand versprochen wurde, versprach das Stück wirklich nicht zu viel – jedes Lied für sich war stimmig und aufregend gestaltet – genau die richtige Menge Vertrautheit, um dann wieder mit einem unerwarteten Kniff überrascht zu werden, die Musik wurde nie langweilig und war trotzdem zu jedem Zeitpunkt greifbar. Das lag auch an der wunderbaren Ausführung des Ensembles, die wunderbar auf einander eingespielt waren und auch die optimale Lautstärke hatten, um die nicht mikrophonierten Sänger nicht zu übertönen, was ja auch schon eine Kunst für sich ist.

Mit diesem Stück ging der heutige Tag sehr gut los und ich bin immer noch sehr froh, es gesehen zu haben. Einerseits, weil es mich berührte und ansprach wie es sonst nur Pixar-Filme tun und andererseits, weil es mich inspirierte, etwas auf die Beine zu stellen, um selbst Menschen zu inspirieren und Ängste abzubauen – genau für solche Lichtblicke tue ich, was ich tue.

Cards against humanity – Greenhouse Theatre Center

Nach Butcher’s Son ging es mir glücklicherweise wieder besser, ich konnte mich in der Lobby etwas ausruhen und Wasser trinken und war wieder fit für das letzte Stück des Abends – welches genau, wussten wir aber noch nicht. Unsere Priorität wäre ursprünglich Grindr – The Opera gewesen, das war aber ausverkauft und am Box Office wurde uns wenig Hoffnung gemacht, noch reinzukommen. Plan B wäre eine Improshow im Second-City Theater gewesen, eine der größten Improtheater in Chicago. Doch dann kam Plan C um die Ecke und vereinnahmte uns sehr spontan. Im Greenhouse Theatre gab es parallel zu Grindr eine Improshow namens: „Cards against humanity“, wie das Kartenspiel.

Manche von euch mögen das Spiel kennen, es ist mittlerweile sehr populär und hat einen sehr schwarzen Humor: Jeder Spieler hat einige weiße Karten mit verschiedenen Begriffen auf der Hand und eine schwarze Karte mit einem Statement (Desccribe your first crush) oder einem Lückentext (My dad resently searched Pornhub for Hot Milf ______), die man mit Hilfe der weißen Karten beantworten konnte. Dabei kommen oftmals sehr böse, schwarzhumorige Statements heraus und das spiel hält einen dazu an, möglichst politisch inkorrekt zu handeln, damit das funktioniert, brauchen die Karten natürlich eine gewisse Ausgeglichenheit, dass alle Antworten Biss haben, aber auch nichts (zu sehr) über die Schmerzgrenze der Mitspieler hinausgeht.

Nun das ganze also als Improabend, wir waren gespannt. Vor dem Eintritt bekamen wir erstmal en Reisgericht mit teurem Trüffel (eine Knolle ca. 160€), wir waren etwas verwirrt und fragten, was da solle, die Antwort war sinngemäß: „Weil wir es können!“ – es hatte einen interessanten Geschmack, war etwas scharf und tat meinem Magen sehr gut. Im nächsten Schritt bekamen wir eine Art Programmheft mit einer blanken weißen und schwarzen Cards of Humanity Karte und Tipps, wie man diese am besten ausfülle, damit sie witzig wären. Diese sollte wir wohl ausfüllen und würden Teil der Improvisation sein, dachten wir uns. Zu diesem Zeitpunkt waren wir etwas irritiert von dem sehr offiziellen Design von allem und fragten uns, ob das ganze von CAH gsponsort war. Wir betraten das Theater, in dem wir auch schon Rose sahen, die Teppiche, Fotorahmen und Tische standen alle wie in unserer Erinnerung herum, wurden etwas zur Seite geräumt. Vorne auf einer Leinwand stand eine Handynummer, an die man ein Geheimnis schicken konnte, das dann auf der Leinwand erschien. Dabei kamen sehr interessante (I’m sitting next to a cutie/Please get me auf of this date!) aber auch sehr unwürdige, fäkalienbeiinhaltende Statements heraus – das Publikum war etwas in unserem Alter und wohl in der Mehrzahl angetrunken oder bekifft, es lief sehr laute Musik. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkte die gesamte Veranstaltung sehr random, aber durchaus nicht uninteressant.

Al es mit einer 20minütigen Verspätung schließlich losging, kam ein junger Mann auf die Bühne und stellte sich als einer der Erfinder von CAH vor, sie würden öfter solche Abende veranstalten, um neue Karten auszuprobieren und villeicht auch Inspiration für neue zu bekommen. Auf diese Art und Weise funktionierte auch die Improvisation, er und sein Gast (der auch für den Trüffel verantwortlich war), lasen je eine schwarze Karte vor und die verschiedenen Zweierteams mussten eine weiße Karte darauf antworten, die beiden Hosts entschieden sich für ihre Lieblingsantwort und das Gewinnerteam begann eine Improvisation basierend auf dem Kartenergebnis. Ein Beispiel war „Glückwunsch, du hast den Praktikumsplatz bekommen! Leider können wir dir kein Gehalt zahlen, stattdessen bekommst du ___“, die Antwort war „Ein Gorilla“, schon standen die beiden auf, der eine übernahm die Rolle des Gorillas, der andere mimte den überforderten Praktikanten. Sobald die Geschichte drohte, zu blöde oder langweilig zu werden, konnte jeder aus allen Teams Leute abklatschen oder in die Szene dazukommen, um ihr einen neuen Twist zu geben, die ganz typische Klatschimpro also. Die einzelnen Performer waren dabei alle durchweg sehr lustig und hatten viel Spaß, ebenso wie das Publikum. Da kam dann die sexuell erregte Enkelin, die der Großmutter unbedingt Kuchenteig von den Fingern lecken wollte, der Gorilla, der in den 90ern bei Google anfängt oder Chris Christie, der ehemalige Gouvernor, der unbedingt wieder einen Job möchte. Dabei nahmen immer wieder Leute auch Bezug auf vorhergehende Elemente, am Ende hatte der ganze Abend tatsächlich sogar so etwas wie einen dramaturgischen Bogen, obwohl die Improvisationen wirklich gänzlich frei waren und sich sehr schnell vom Kartenergebnis entfernten. Nichtsdestotrotz machte dieser manche intelligente, manchmal wirklich blöde Humor wirklich viel Spaß.

Ein weiteres, rein zufälliges Element gab es noch: Der Moderator spielte regelmäßig seine liebsten Youtube-Videos vor, um Wartezeiten zu überbrücken. Die waren oftmals so absurd witzig oder dumm, dass die Zeit sehr schnell herumging. Ein paar Beispiele möchte ich euch nicht vorenthalten: https://www.youtube.com/watch?v=me5ifeBFaFo und https://www.youtube.com/watch?v=-e3Rvmb6rD0 , viel Spaß damit!